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Pest: Ursache des -schwarzen Todes-

Schwarzer Tod: War es die Pest?  

Zwischen 1347 und 1353 wurde mindestens ein Drittel der Bevölkerung Europas durch den "Schwarzen Tod" hinweggerafft.
Über die Seidenstraße gelangte der Erreger aus Asien nach Südosteuropa und von dort aus in weite Teile des Kontinents.

Handelte es sich bei dem Schwarzen Tod um die Pest? Ja, sagt die Mehrzahl der Experten, während andere vermuten, dass eine bis dato ungekannte Viruskrankheit, ähnlich dem Ebola-hämorrhagischen Fieber, die Ursache gewesen kein könnte.

Eine Arbeitsgruppe um Johannes Krause an der Universität Tübingen konnte jetzt den Erreger des Schwarzen Todes identifizieren, aus sterblichen Resten von Erkrankungsopfern, die im 14. Jahrhundert auf einem Londoner Friedhof beigesetzt worden waren. Dabei konnte das vollständige Erbgut des Erregers aufgeschlüsselt werden (Nature 2011 s.u.).

Die Autoren fanden tatsächlich Yersinia pestis, den Erreger der Lungen- und Beulenpest, mit nur geringen Abweichungen im Vergleich zum Erbgut der heutigen Pestbakterien. Nach Ansicht der Autoren habe der Erreger seine verheerende Wirkung möglicherweise entfaltet, weil damalige Menschen genetisch anfälliger für schwere Krankheitsverläufe der Pest gewesen sein sollen. Auch Umwelt und Wirtsfaktoren seien möglicherweise von Bedeutung gewesen.

Sicher ist, dass die Pest heute Ihren Schrecken weitgehend verloren hat. Das Wissen darüber, wie Pest übertragen wird, ermöglichte Hygienemaßnehmen, und der Nachweis des Erregers durch den Arzt Alexandre Èmile Jean Yersin führte zu einer wirksamen antibiotischen Behandlung (Streptomycin).

Die Diskussion um die Ursachen des Schwarzen Todes

Die Ansicht der meisten Infektiologen, dass es sich bei dem Schwarzen Tod um die Pest handelte, konnte nun mit der Publikation in Nature weiter gefestigt werden. Es bleiben jedoch viele Fragen offen, die auch für das Verständnis anderer Pandemien von Bedeutung sein könnten. Insbesondere, warum sich der Schwarze Tod so vernichtend auswirkte.

Einige Autoren (Duncan, Scott s.u.) vertraten daher die Hypothese, dass es nicht die Pest war, der die Millionen von Menschen im 14. Jahrhundert zum Opfer gefallen sind. Der Widerspruch der Epidemiologin Tara C. Smith (s.u.) ist jedoch sehr gut begründet:

Zunächst: Was ist Pest?

  • Erreger: Bakterium: Yersinia pestis
  • Verbreitung: Regional begrenzte Verbreitung. Pestherde finden sich zum Beispiel im Südwesten der USA, in Brasilien, China, Tibet, Indien, Mongolei, Vietnam, Zentral- und Ostafrika, Madagaskar. Über 80% der Erkrankungsfälle stammen aus Afrika.
  • Infektionsweg: Vor allem durch den Stich eines befallenen Rattenflohs. Tröpfcheninfektion bei Lungenpest.
  • Inkubationszeit: 2-7 Tage; Lungenpest wenige Stunden bis Tage.
  • Krankheitszeichen: Beulenpest (80% der Fälle) beginnt akut mit hohem Fieber, Schüttelfrost und schwerem Krankheitsgefühl. Es entsteht eine stark schmerzhafte Schwellung einer Lymphknotengruppe. Bei etwa 15% kommt es zur Streuung der Erreger über die Blutbahn (Pestsepsis); auch ein Befall der inneren Organe ist möglich.Die Lungenpest ist selten, verläuft aber sehr schwer. Sie beginnt mit Schüttelfrost, Fieber, Husten und blutigem Auswurf. Unter dem Bild einer schweren Lungenentzündung versterben die Patienten innerhalb weniger Tage.
  • Labornachweis: Erregernachweis aus Blut, aus Buboneneiter oder Auswurf (zum Beispiel molekularbiologisch mittels PCR).
  • Behandlung: durch Antibiotika
  • Vorbeugung: Mückenschutzmittel sind in der Regel auch geeignet zum Schutz vor dem Pestfloh. Wichtig ist die Beseitigung des Reservoirs durch Vernichtung der Flöhe und anschließender Bekämpfung der Nager

Was spricht gegen die Pest als Ursache für den Schwarzen Tod? 
Historische Quellen sprechen von einem Intervall von mehr als 30 Tagen zwischen (vermeintlicher) Ansteckung und Ausbruch der Krankheit. Eine Ansteckung mit Yersinia pestis führt hingegen bereits innerhalb von ein bis sechs Tagen zum Ausbruch der Erkrankung. Andererseits erfordert eine exakte Angabe der Inkubationszeit eine genaue Kenntnis des Übertragungsweges und solche Erkenntnisse moderner Infektiologie standen im 14. Jahrhundert noch nicht zur Verfügung. Daher sind historische Angaben zur Inkubationszeit mit Skepsis zu betrachten. Liegen Wochen zwischen der Erkrankung einer Person A und einer Kontaktperson B, so kann dies bedingt sein durch eine lange Inkubationszeit, aber genauso gut könnte es sich um eine Erkrankung mit kurzer Inkubationszeit handeln für die ein gesondertes Reservoir (Ratten, Flöhe, Läuse etc.) existiert. Selbst in unserer Zeit sind im Falle massiver Krankheitsausbrüche die Wege über die ein Erreger  sich ausbreitet im Einzelnen oft nicht mehr erruierbar (siehe EHEC-Ausbruch in Norddeutschland im Mai/ Juni 2011).

Zeitgenössische Beobachter gingen von einer direkten Übertragung von Mensch-zu-Mensch aus, dadurch ließe sich auch die rasante Ausbreitungsgeschwindigkeit  des Schwarzen Todes erklären. Auch sei die Erkrankung in Regionen vorgekommen, wie Island, in denen zu dieser Zeit keine Ratten bekannt waren. Möglicherweise spielten jedoch neben dem Pestfloh noch weitere Insekten, wie zum Beispiel Läuse,  eine Rolle bei der Übertragung. Eine direkte Übertragung des Pest-Erregers von Mensch-zu-Mensch ist jedoch ebenfalls möglich, nämlich im Falle der Lungenpest. Diese gilt als hochansteckend (Tröpfchen, z.B. Anhusten, Annießen etc.) und ist unbehandelt praktisch zu 100% tödlich. Auch Übertragungen durch den Menschenfloh (Pulex irritans) sind möglich, damit wäre die Anwesenheit von Ratten nicht erforderlich, um das Grassieren der Epidemie zu erklären. 

Ein gutes Argument gegen das Vorliegen der Pest wäre die Effektivität der Quarantäne. Waren Schiffe, die 40 Tage im Hafen vor Anker liegen mussten, sicher, so würde dies gegen die Pest sprechen. Zur Eindämmung von Pestausbrüchen wäre eine solche Quarantäne nicht geeignet, weil die Rattenpopulation an Bord von Schiffen als Erregerreservoir dienen würde und der Erreger aus diesem Reservoir jederzeit wieder auf den Menschen überspringen könnte. Der Haken bei dem Quarantäne-Argument liegt vor allem in der Tatsache, dass keine konkreten Quellen für die Wirksamkeit der Quarantäne in der Zeit des Schwarzen Todes bekannt bzw. von den "Pest-Kritikern" genannt sind. Andererseit ist es eine Tatsache, dass einige Hafenstädte (trotz Quarantäne?) sehr stark vom Schwarzen Tod betroffen waren. 

Ein wohl weniger stichhaltiges Argument ist der Verweis auf einen bestimmten genetischen Faktor, CCR5-delta-32, der in der europäischen Bevölkerung wesentlich häufiger vorkommt als in anderen Teilen der Welt. Dieser Faktor steht im Zusammenhang mit dem Immunsystem. Eine Infektionskrankheit, die ein  Drittel einer Bevölkerung tötet, würde zwangsläufig zu einer Verschiebung der genetischen Eigenschaften einer Bevölkerung führen. Besonders genetische Merkmale, die einen Überlebensvorteil in der jeweiligen Gefahrensituation bieten, wären nach einer Epidemie prozentual häufiger in der Bevölkerung nachzuweisen als vor einer Epidemie. Zusammenhänge zwischen Pest und CCR5-delta-32 existieren keine. Jedoch findet sich in Bevölkerungen, die stark den Pocken ausgesetzt waren ein höherer Anteil von CCR5-delta-32 als in Gesellschaften, die historisch nie mit den Pocken in Berührung gekommen sind. Da sich jedoch bereits bei ethnologischen Untersuchungen im Genom der alten Germanen ein mit heute vergleichbarer CCR5-delta-32 Anteil fand, geht man davon aus, dass die große (Pocken?)-Epidemie, die für den CCR5-delta-32 Shift verantwortlich war, vor mehr als 3.500 Jahren in Europa stattfand. Daher steht die größere Häufigkeit des CCR5-delta-32 Anteil der Europäer nicht im Zusammenhang mit dem Schwarzen Tod, also einem Ereignis, das erst im 14. Jahrhundert stattfand.

Was spricht für die Pest als Ursache für den Schwarzen Tod?
Mit Hilfe moderner Molekularbiologie lässt sich der Pesterreger relativ leicht in Gewebeproben nachweisen. Das Problem besteht jedoch darin, dass die Leichen der Erkrankungsopfer längst nicht mehr existieren, abgesehen vom knöchernen Schädel und dem Skelett. Dieses "Material" ist für den Erregernachweis aber kaum geeignet. Mit einer einzigen Ausnahme. Das Innere der Zähne, die sog. Pulpa ("Zahnmark") ist ein gutdurchblutetes Gewebe, das durch das umgebene Zahnschmelz jedoch perfekt von der Außenwelt abgeschlossen ist. Die Zahnpulpa von mutmaßlichen Opfern des Schwarzen Todes wurde mittels PCR (Polymerase Chain Reaction) untersucht. Hier ließ sich zumindest in der Gruppe der möglichen Seuchenopfer signifikant häufiger das Erbgut von Yersinia pestis nachweisen als in der Zahnpulpa einer Vergleichsgruppe.

Wissenschaftskommunikation mit Handicaps
Die Auseinandersetzung mit der Meinung von Außenseitern kann für die Wissenschaft sehr fruchtbar sein. Jeder kann (und sollte) sich gelegentlich in der Rolle des Außenseiters wieder finden und seine Ansicht mit Engagement vertreten. In solchen Diskussionen können sich auf beiden Seiten jedoch leicht Denk- und Argumentationsfehler einschleichen, die die Verständigung  zwischen den Experten erschweren und den Laien vom Gebrauch der eigenen "Denkwerkzeuge" abhalten (überreden statt überzeugen). Tara C. Smith in ihrer hier dargestellten kritischen Auseinandersetzung mit dem Thema liefert hervorragende Beispiele dafür, wie Fehlschlüsse in der Wissenschaft eine Diskussion in die Sackgasse befördern können: 

  • Zirkelschlüsse. Beispiel:  Wenn es sich nicht um die Pest handelt, dann könnte eine Erkrankung vorliegen, die direkt von Mensch zu Mensch übertragen wird. Wenn der Schwarze Tod ausschließlich direkt von Mensch zu Mensch übertragen worden ist, dann müsste es sich - ausgehend von historischen Quellen - um eine Erkrankung handeln, die eine sehr lange Inkubationszeit hat. Wenn es sich um eine Krankheit mit langer Inkubationszeit handelt, dann kann es nicht die Pest gewesen sein.
  • Unzulässige Vereinfachung: Pest wird keineswegs nur durch den Pestfloh übertragen, sondern auch durch andere Insekten. Im Fall der Lungenpest ist sogar eine Ansteckung durch Anhusten oder Annießen möglich.
  • Unklarheit darüber, nach welchen  Regeln oder Prinzipien die Quellen ausgewählt wurden, auf die sich die eigene Argumentation stützt.
  • Unterschätzung der Komplexität: Exakte Infektionswege lassen sich auf dem Boden der Aussagen mittelalterlicher Zeitzeugen nicht rekonstruieren. Hier ist mit erheblichen Fehlerquellen und Fehleinschätzungen zu rechnen. Schnell gelangt man an den Punkt wo über Spekulationen spekuliert wird, Ungewissheit in der Potenz.  Selbst mit den modernsten Mitteln der Medizin und Technik heutiger Industriestaaten lassen sich Infektionswege oft nicht detailliert aufklären (siehe EHEC Ausbruch im Mai/Juni 2011).
  • Besitzen zwei Hypothesen die gleiche Erklärungskraft , so sollte diejenige bevorzugt werden, die mit dem geringsten Aufwand für ihre Erklärungen auskommt, die also  die "sparsamste" Struktur besitzt. Beispiel: Ein direkter Nachweis des Erregers in den Zähnen Verstorbener ist in dieser Hinsicht den komplizierten Schlussfolgerungen nach detektivischer Auswertung historischer Dokumente überlegen.
  • Aussagen/ Behauptungen auf die sich wesentliche Teile einer Argumentation stützen, müssen belegt werden können. Besonders bei "gewagten Behauptungen" sollten stichhaltige Belege angeführt sein. Mitunter sieht man das genaue Gegenteil: je gewagter die Behauptung, desto beiläufiger die Begründung. Vorsicht ist angebracht bei Begriffen wie "immer", "nie" , "a priori" sowie bei allen Arten von Superlativen ("am größten", "am höchsten", "am weitesten" etc.)
  • Theorien sollten/dürfen nicht im Widerspruch zu bekannten und  neuen Fakten stehen. Die Häufigkeit von CCR5-delta-32 im 14 Jahrhundert und in heutiger Zeit besitzt wenig Erklärungskraft für eine genetische Selektion durch den Schwarzen Tod, wenn eine entsprechende Verschiebung in der Verteilung dieses genetischen Markers bereits Jahrtausende zuvor vorhanden war. 

Fazit
Es wird wahrscheinlich dauerhaft ein Geheimnis bleiben, welcher Erreger für den Schwarzen Tod verantwortlich war. Die Plausibilität spricht jedoch immer stärker für Yersinia pestis als für einen heute unbekannten Erreger eines Ebola-ähnlichen Krankheitsbildes mit langer Inkubationszeit.

Quellen



HEF, MG, 14.10.2011




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