Hauptinhalt

Gesundheit auf Reisen
Gesund reisen
Wenn es um Reisekrankheiten geht, kennt sich kaum jemand besser aus als die Ärzte vom Hamburger Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin. Auf dieser Seite finden Sie das ständig aktualisierte Wissen der Experten: über Gesundheitsrisiken, deren Behandlung und Vorbeugung

Meistgeklickte Inhalte:
Grippevirus Ratgeber: Impfen Pollenallergie Ratgeber: Allergien Unfälle Ratgeber: Sicherheit Krankenhaus Beijing - China Ratgeber: Auslandsärzte

Reisemedizinisches Zentrum am Bernhard-Nocht-Institut
MD Medicus Reise- und Tropenmedizin GmbH
Bernhard-Nocht-Str. 74
20359 Hamburg
www.gesundes-reisen.de
Hotline:
Mo. - Fr. 08:00 - 19:00 Uhr
Sa. 10:00 - 18:00 Uhr
Tel.: 0900 - 1234 999*
*EUR 1,98 pro Minute

Medikamente: Antibiotika-Verordnungen

Antibiotika werden auch bei banalen Gesundheitsstörungen verschrieben.

Die Gründe dafür können sein:

  • Gewohnheit oder Gedankenlosigkeit
  • Angst vor einer schweren bakteriellen Infektion
  • Nachfrage der Patienten
  • Täuschung der Patienten (Pseudo-Plazeboverordnung)

Es ist möglich, dass hoch-wirksame Substanzen häufig mit dem Ziel verordnet werden, um durch Täuschung des Patienten eine nicht-spezifische Wirkung auszulösen (Hróbjartsson 2003). Bei milden Verläufen von Atemwegsinfektionen bieten solche Antibiotikabehandlungen, gegenüber Medikamenten, die nichts enthalten, keinen Vorteil  (Hazir 2011).  

Dagegen richten die unnötigen Verordnungen Schaden an:

  • Da alle wirksamen Medikamente mit Nebenwirkungen verbunden sind, führen sie zu einer unnötigen gesundheitlichen Beeinträchtigung von Patienten, wenn sie ohne Grund verordnet worden sind.
  • Es entstehen unnötige Ausgaben.
  • Die Besiedelung mit gesunden Mikroorganismen wird gestört.

Weltweit nehmen Antibiotikaresistenzen bei Bakterien zu. Insbesondere ein neues "mobiles" Resistenzgen (Plasmid), das Darmbakterien untereinander austauschen können, bereitet große Sorge. Bakterien, die dieses aus Neu-Dehli stammende Reistenz-Gen tragen sind gegen nahezu alle Antibiotikagruppen resistent.

Vermeidung unnötiger Verschreibungen

Frankreich führte im Jahr 2002 eine Kampagne zur Reduzierung unnötiger Antibiotikaverordnungen ein. Ziel war es die Verschreibungen innerhalb von fünf Jahren um 25 Prozent zu reduzieren. Die Ergebnisse zeigten eine deutliche Verringerung (26,5 Prozent) von unnötigen Antibiotika-Verschreibungen, insbesondere bei Kindern. Jedoch ist Frankreich zehn Jahre nach der Intervention immer noch eines der Länder mit dem höchsten Konsum von Antibiotika in Europa. Zwischen den Jahren 2008 und 2009 kam es wieder zu einem  Anstieg der Verordnungen um durchschnittlich vier Prozent (höher in den Wintermonaten).

Auch in Deutschland liegen Antibiotika-Verschreibungsraten nach wissenschaftlichen Standards zu hoch (Stock 2008). Ein nicht erheblicher Teil der unnötigen Antibiotika-Verordnungenscheint mit ungenügender Arzt-Patienten-Kommunikation assoziiert zu sein. Im Rahmen einer Interventionsstudie („CHANGE") wurde versucht, die Antibiotika-Verordnungen von Hausärzten bei akutem Husten durch eine Intervention zu senken. Noch ein Jahr nach der Intervention konnte eine Verminderung der Antibiotikaverordnungen von rund 40% in der Interventionsgruppe beobachtet werden.

Pseudo-Plazeboverordnungen sind nicht gerechtfertigt

Ob etwas nicht-spezifisch oder spezifisch wirkt, hängt von der Art subjektiver Beobachtung und Anwendung ab: Ein „spezifisches“ Antibiotikum wirkt bei Schnupfen nicht-spezifisch. Die Erkenntnis der Physik, jede wissenschaftliche Beobachtung sei abhängig vom Beobachter, betrifft auch die Medizin.

Die Bundesärztekammer nimmt nicht-spezifische, indirekte Wirkungen (und ihre ggf. unerwarteten, komplexen Folgen) bei ärztlichen Interventionen oder pharmakologischen Therapien in ihrer Bedeutung ernst (Dt. Ärzteblatt 2010). Die Arbeitsgruppe der Ärztekammer glaubt eine Pseudo-Plazeboanwendung könne unter bestimmten Voraussetzungen vertretbar sein. Andere Wissenschaftler halten das für unnötig und unprofessionell (Hróbjartsson 2008).

Eine Täuschung von Patienten widerspricht dem ärztlichem Ethos. Da jede medizinische Intervention hinsichtlich ihrer Vorteile und ihrer Risiken überprüft werden sollte, muss es einen nachweisbaren Nutzen nicht-spezifischer und ggf. spezifischer Wirkungen zum Wohl des Patienten geben, was sich z.B. an der Einsparung von Folgekosten messen läßt. Angesichts von Trends zur Kommerzialisierung im Gesundheitswesens werden Konzepte zu einer besseren Kontrolle und Qualitätssicherung immer wichtiger.

Weitere Informationen

Quellen:

  • Are antibiotics still “automatic“ in France? Bull World Health Organ 2011; 89-9.
  • Hausärztliche Quartiärprävention am Beispiel der Reduzierung unnötiger Anitbiotikaverordnungen bei akutem Husten. Prävention. 2006, D, 399-407.
  • Stock K et.al.Qualitativer Blick in die Blackbox: Edukative Intervention zur Senkung unnötiger Antibiotikaverordnungen (CHANGE). Z Allg Med 2008 ; 84: 444 – 450,
  • Hróbjartsson A, Norup M: The Use of placebo in medical practice – a national questionnaire survey of Danish clinicians. Eval Health Prof. 2003;26:153-65.
  • Hróbjartsson A: Clinical placebo interventions are unethical, unnecessary, and unprofessional. J Clin Ethics. 2008;19(1):66-9.
  • Plazebo in der Medizin, Dt. Ärzteblatt 2010, 107(28-29)B1253-57. Buch-Download: Ausführliche Stellungnahme
  • Hazir T. et al: Comparison of Oral Amoxicillin with Placebo for the Treatment of World Health Organization–Defined Nonsevere Pneumonia in Children Aged 2–59 Months: A Multicenter, Double-Blind, Randomized, Placebo-Controlled Trial in Pakistan. CID 2011:52

 



HEF, MG, 17.10.2012