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Interkulturelle Kommunikation

Interkulturelle Kommunikation und soziokultureller Vergleich

Anpassung an die Kultur des Gastlandes

Auf den ersten Blick scheinen die Spielregeln des menschlichen Umgangs sehr voneinander abzuweichen. Die Grundformen menschlicher Kommunikation unterscheiden sich allerdings erstaunlich wenig. Alle Individuen des Homo sapiens stammen von einer sehr kleinen ostafrikanischen Gruppe ab, die nach Norden und Süden auswanderte, und die genetische Prägung ihres Verhaltens ist bei Geburt nahezu identisch und nur epigenetisch (z.B. durch Stresserlebnisse in der Schwangerschaft) modifiziert.

Bild: Kropke 2001

Die Vielfalt der etwa 6.000 Sprachen beruht auf einem sehr ähnlichen Grammatikfundament. Verständigung erfolgt nicht nur durch Worte, sondern und sogar wesentlich intensiver durch Mimik, Haltung, Gesten und Körperausdruck. Hier sind Missverständnisse möglich. Ohne es zu wollen, können im Ausland leicht die Gefühle anderer verletzt werden u.a. durch:

  • zu viel nackte Haut zeigen
  • zu "persönliches" Fotografieren
  • zu "kämpferisches" Auftreten
  • Handzeichen, die missdeutet werden
  • Fehleinschätzung des Körperabstandes
  • die Art der Körperhaltung

Die Anpassung an eine neue Kultur kann Wochen, aber auch Monate andauern, je nachdem wie anpassungsfähig und
anpassungswillig Reisende sind:

  • Erste Phase (Exotik)
    • Reisefieber, Neugier, Begeisterung über das Andere, das Fremde
    • ideal: Respekt, den anderen (das Objekt) nicht verletzen wollen
    • im organisierten Tourismus bleibt es bei dieser Phase
  • Zweite Phase (Krise des Kontextwechsels)
    • Angst, Überlastung, Überforderung, Hilflosigkeit, latente Aggression, Frustration
    • das Fremde wandelt sich vom Objekt der Betrachtung zum handelnden Subjekt und bedroht eigene Werte, Gefühle, Grundeinstellungen, Überzeugungen. Umwelt, Klima, soziales Umfeld etc. beginnen zusätzlich zu belasten.
    • dieses Krisentief tritt insbesondere auf bei der Eingewöhnung an längerer Aufenthaltsdauer und intensiverem Kontakt
  • Dritte Phase (Neue Identität in mehreren Kulturen)
    • der Objekt Charakter des Fremden hat sich verloren und wird durch Kommunikation und Lernen unter Subjekten ersetzt. die Anpassung ist gelungen und die eigene Identität hat sich erweitert: „Fisch im Wasser“
    • Gefahr bei drohendem Identitätsverlust: Flucht oder zynisch verbittertes Ausharren, weil der Job dazu zwingt, ggf. mit Suchtmittelkonsum

 

Bild: Krottmeier 2001

Viele Unternehmen setzen eine positive Persönlichkeitsentwicklung ihrer Auslandsmitarbeiter voraus. Das geschieht umso mehr, je besser Mitarbeiter vorbereitet und bei Problemen begleitet werden. Krisen des Kontextwechsels verlaufen milder, wenn auf folgendes geachtet wird:

  • geeignete Auswahl (Toleranz, Lernbereitschaft, Belastbarkeit)
  • interkulturelle Vorbereitung (Training vor Ausreise)
  • dosierte Eingewöhnung an die neuen Kultur dosiert (Einführung im Gastland)
  • professionelle Begleitung (Coaching, Supervision)
  • Möglichkeit zu Gesprächen in der eigenen Kultur und Nähe zu vertrauter Umgebung(Auszeit)
  • angenehme Atmosphäre am beruflichen Einsatzort (Sicherheit)
  • Möglichkeit eine Krisenintervention (Notfall)

Einfache Regeln für den Einstieg:

  • Sinne öffnen und neugierig beobachten,
  • sich respektvoll zurückhalten und nicht vorschnell urteilen und handeln,
  • Spüren und Fühlen, was in einem Selbst vor sich geht: Belastungen, Überlastungen Stress und ggf. auch Ängste frühzeitig wahrnehmen und dazu Rat und Gespräche suchen,
  • Die Dringlichkeit der Ziele hinterfragen, nicht zu schnell eingreifen und Freiräume suchen, um zu betrachten, wie Lebensrhythmus und Alltag in der neuen Kultur ablaufen, wie sich Dinge (scheinbar von selbst) regeln, wie Konflikte gelöst und wie sich Ereignisse oder Situationen entwickeln,
  • Sehr nützlich wäre es sich am Anfang ein wenig treiben zulassen: im Café der Umwelt zusehen und dabei auf die Details achten (Gesten u.a.). Dafür scheint bei beruflichen Aufenthalten häufig die Zeit zu fehlen. Erfahrungsgemäß ist es jedoch wie beim Bergsteigen: Wer weit und hoch hinaufkommen will, darf am Anfang nicht zu schnell gehen.

Respektvolles Verhalten gegenüber anderen kulturellen Werten, Lebensanschauungen oder Religionen erspart nicht nur unnötigen Ärger, sondern ebnet vor allem den Weg zu neuen Begegnungen, die die Reise wertvoll machen. Alle "Fettnäpfchen" können zwar nicht umgangen werden und manche Einheimischen reagieren auch bei einfühlsamsten Verhalten aggressiv oder ausnutzend. Konflikte sind unvermeidbar, aber sie müssen nicht ausufern und eskalieren. Mit freundlicher und sachlicher Wortwahl und Gestik lässt sich ein Streit leicht begrenzen: In der Form nachgiebig sein und doch bestimmt bleiben, wenn es sein muss. Wichtig ist, zu versuchen, „das Gegenüber“ zu verstehen und Herabsetzungen zu vermeiden. Falls ein Teil des entstandenen Problems durch eigenes Verhalten bedingt war, darf der Mut zu einer Entschuldigung nicht fehlen!

 

Elementare Formen menschlicher Kommunikation

Bild: Kropke 2001

Wir können auf eine Reihe unterschiedlicher Kommunikationsformen zurückgreifen, die sich im Laufe der Evolution entwickelt haben. Die Triebkraft der evolutionären Entwicklung kulturell geprägter Kommunikationsformen waren immer komplexer werdende Systeme des Zusammenlebens. Im Prinzip kann die in der Menschheitsentwicklung und in Individuum in der Frühkindheit zuletzt entwickelte Kommunikationsform alle früheren unterdrücken. Das kann zu inneren Konflikten führen. Sind die Grundbedürfnisse sehr stark gefährdet, bricht die archaische Kommunikationsform durch: z.B. Stress.

Kreuzotter

Im Stress nutzen wir die ultraschnelle Reptilienreaktion: Angriff (gewaltsam Gegen-an-gehen) oder Flucht (sich Abwenden) oder, wenn das nichts hilft, sich totstellen (Erstarren). Unter Stress wird im Notfall gehandelt, weil Grundbedürfnisse bedroht sind und Dauerstress (Strain) führt zu Kollateralschäden. Stress entsteht, individuell sehr unterschiedlich, wenn Belastungen nicht bewältigt werden können. Wenn dagegen das Gefühl besteht, die Belastungen seien notwendig, überwindbar und machen vielleicht sogar Spaß, setzen Trainingseffekte ein. In diesem Fall werden alle aktivierenden autonomen Funktionen (Sympathikus) aktiviert, gleichzeitig aber auch die beruhigenden Funktionen (Vagus, und Zwischenhirn): das Herz schlägt nicht aufgeregt hektisch, sondern besonders effektiv und stark.

  • Angeboren: Sympathikusreaktion. Die Vagusfunktion ist unreif. Auch die Anlage der Sexualfunktion ist angeboren und wird u.a. hormonell geprägt. Sie kann kulturell modifiziert oder verdrängt werden
  • Vorkommen bei anderen: Schlangen, Krokodile

 

Bild: Kropke 2001

 

Soziale Kommunikation erfordert Ruhe und Sicherheit: die Stressreaktion wird gedämpft, Herz und Atmung verlangsamen sich, die Gesichtsmuskulatur bewegt sich, das Essen schmeckt, der Hals kann sich wieder neugierig zuwenden und Gefühle können wahrgenommen und mitgeteilt werden. Emotion beschreibt die Kunst der Säugetiere ihre Kinder und engen Familienmitglieder zu lieben, "süß" zu finden und deshalb nicht zu fressen. Emotionsmuster des Homo sapiens sind weltweit, interkulturell gleich angelegt.

  • Angeboren. Früheste Prägung (Epigenetik in der Schwangerschaft und Myelinisierung der Kiemenbogennerven in den ersten Lebenswochen und Monaten)
  • Vorkommen bei anderen: alle Säugetiere

 

Bild: Jäger 1987

Die Repräsentanz der Hand nimmt im Hirn so viel Platz ein, wie die der Mimik, die anderen Menschen Emotionen vermittelt. Die Handsteuerung ist seit 30.000 v.u.Z. perfektioniert, und seither hat sich die Hardware des menschlichen Gehirns nicht mehr wesentlich verändert. Die größte Neuerung dieser Phase der Hirnentwicklung war die Gewandtheit: das Einswerden im Flow mit Dingen, die bearbeitet werden, durch einen Gegenstand, ein Werkzeug hindurchfühlen. Geschicklichkeit für zielorientierte schnelle Problemlösungen besitzen auch Rabenvögel, wenn nur der Hunger groß genug ist.

  • Angeboren, frühe kulturelle Ausprägung durch Training (Hand- und Fußgebrauch) in den ersten Monaten und Jahren
  • Vorkommen bei anderen: alle Hominiden (sehr eingeschränkt auch heutige großen Affen)

Bild: Kropke 2001

Die Brüder des griechischen Eros, der im Mythos die Welt aus dem mütterlichen Gaia-Ur-Chaos aufweckte, hießen nicht etwa „Sex und Erfüllung“ (wie bei unseren nahen Verwandten den Bonobos), sondern „Sehnsucht und Verlangen“ (Himeros und Pothos). Das Prinzip der Erotik gleicht einem Spannungsbogen, bei dem entgegengesetzt geladene Teilchen auseinander gezogen werden, um den Stammes-Dynamo anzutreiben. Mann und Frau im Räuber-Jäger-Sammlerparadies lernten Geschlechterrollen, damit sie nicht ständig neu aushandeln mussten, wie im Lager Suppe zu kochen oder in der Ferne Mammuts zu jagen sind. Im Prinzip wird bei Eros die Mohrrübe vor der Nase des Lastesels (Sex) weiter weggehalten: das „schöne Bildnis“ (die Illusion) beglückt und spornt zu hohen Leistungen an.

  • Angeboren. Starke kulturelle Ausprägung durch Erlernen von Rollenverhalten in den ersten Lebensjahren,
  • Eros ist eindeutig Homo sapiens typisch und Voraussetzung für Stammesbildungen. Die uns sehr nahen Bonobos nutzen Sex direkt als soziales Kommunikationsmittel (sofort und ohne Sehnsucht).

 

 

Bild: Jäger 1987

Trance bezeichnet die Fähigkeit intensiv zu hören und dem Gehörten zu folgen (zu „ge-horchen“), und sich dabei auf innere oder äußere Harmonie einzuschwingen. In Trance entsteht ein schwebendes, ich-entrücktes Gefühl der Verbundenheit, das an der Grenze zwischen Traum und Realität eine schlafwandlerische Sicherheit mit eigener Logik vermitteln kann („Feuer verbrennt mich nicht mehr“, „Wände halten mich nicht auf"). Das Besondere in Trance ist Ichverlust (Frontalhirndominanz) in einem Massenphänomen und u.a. Dämpfung der Schmerzreaktion. Der Wandel vom Chaos des Paradieses (Eros) zur Ordnung der schamanistischen Trancegesellschaft, in der innere Götter und Träume den Menschen zu dem zwangen was getan werden musste, vollzog sich sehr blutig. Diese neolithische Revolution wird im ältesten Epos der Menschheit (Gilgamesh, 2.300 v.u.Z.) und weltweit in zahllosen Drachen- und Stierkampfmythen beschrieben. Die Natur wurde ab jetzt beherrscht und unterworfen.

  • Die Fähigkeit zu Trance ist angeboren. Die Reifung des Hirns führt zur Dominanz des Frontalhirns. Störungen dieser Reifungsprozesse äußern sich im Extremfall als Schizophrenie. Schwellenwerte zur Auslösung von Trance oder auch von Psychose sind genetisch ausgeprägt und bei Individuen sehr unterschiedlich (genetischen Unterschiede zwischen Kulturen scheinen nicht zu bestehen). Das Aufsuchen von Trancezuständen wird sehr stark kulturell festgelegt und in den ersten Lebensjahren als festes Wertemuster durch Erlernen von Ritualen eingeprägt,
  • Vorkommen bei anderen: Trance kommt auch bei gemeinschaftlich lebenden Säugetieren vor. Beispiele: Flucht einer Pferdeherde, Angriff eines Wolfsrudels. Hunde sind uns nah, weil sie in Trance blind gehorchen können. Katzen weniger.

 

Kaspertheater

Die Theory of Mind (ToM) ist eine nicht unbedingt menschentypische Kommunikationsform, aber wir können es am besten: „Ich denke, dass du denkst, dass ich denke“. Wir können Lügen und pokern und an allem zweifeln, was als Wahrheit daherkommt. Die neuronale Basis dafür sind Fähigkeiten, die Gefühle anderer zu verstehen und auch zu fühlen (Spiegelneurone) und Areale (right TPJ), die u.a. helfen Mimik und Körperhaltungen richtig zu deuten. Möglicherweise wurde diese Form böser, weil normwidriger, Kritik als Sprache individualistischer Räuber populär, weil Menschen, die sich in chaotischen Zeiten auf der Suche nach Überlebensvorteilen durchgeschlagen mussten, alles verlachten, was anderen heilig war. Odysseus war in dieser Situation und brachte die alten Götter in sich zum Schweigen und schlug sich tricksend mit immer neuen eigenen Ideen durchs Leben.

  • Die Fähigkeit zu ToM ist angeboren. Erlernt wird sie aber erst 4-7 Jahren (Kaspertheater). ToM ist sehr stark kulturell ausgeprägt oder wird als Kommunikationsform unterdrückt. Skepsis („fröhliche Wissenschaft“) ist suspekt,
  • Vorkommen bei anderen: Affen, Delphine u.a..

Kropke 2001

Die letzte große radikal neue Denk- und Kommunikationsform des Homo sapiens könnte man „Wahrheit“ nennen. Beispiel: „Rote Ampel“ im Rahmen der StVO: davor hält man an, und wer es nicht tut, wird bestraft - egal warum. Unumstößliche Regeln und Dogma waren erforderlich, damit riesige Staatengebilde zusammenhalten konnten. Nötig waren sehr weit entrückte Belohnungsriten und sehr konkrete Sanktionierungsandrohungen. Historisch ist diese Kommunikationsform noch sehr jung: Echenaton 1.300 vuZ und Zarathustra 1.100 vuZ postulierten einen entrückten Gott und den Gegensatz von Gut und Böse (der Ursprung der heutigen Weltreligionen) , Konfuzius (500 vuZ) empfahl die Einzwängung des Schamanismus in das strikte Ritual, was sich bis heute in China bewährt hat. Und in Rom 200 vuZ wurde (wie auch in der Qin-Han Periode in China) das Gesetz, der Legalismus, entwickelt.

  • Wahrheiten, Regeln, Gesetze, Dogmen, Ideologien sind sehr starke kulturell ausprägt und 100% menschentypisch. Erworben werden sie individuell, insbesondere ab dem Schulalter. Durch die Erziehung wird die Kontrolle über die anderen Kommunikationsformen erzieht: Fröhliches Ballspielen findet dort, wo die Straßenverkehrsordnung gilt, ein jähes Ende.

 

Auf die Mischung kommt es an

 

Bild: Kropke 2001

Menschen unterschiedlicher Kulturen unterscheiden sich im Mischungsverhältnis der für Homo sapiens möglichen Kommunikationsformen. Diese Modi, in denen Hirn und Körper sich ausdrücken können, passen sich mehr oder weniger an das Gesamtbild des gewünschten Verhaltens an. Alte Muster werden in Ruhe sehr effektiv unterdrückt, brechen aber unter Stress sehr leicht hervor: als gesellschaftlich unerwünschtes Verhalten, das zu Repression führt. Interkulturelles Lernen bedeutet u.a., am anderen neugierig Wahrnehmen, was für den Beobachteten selbst nicht mehr möglich ist (z.B. Änderung frühst-kindlich eingeprägter Werte) oder doch möglich sein könnte, wenn in Ruhe eine Öffnung gebahnt wird, die zu Übung führt (z.B. Sprache lernen, Bewegungsmuster oder künstlerischen Ausdruck lernen). „Die Anderen“ sind dann nicht mehr fremde Objekte, die manipuliert werden sollten, sondern Subjekte, die beim individuellen Lern- und Reifungsprozess helfen.

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HEF, MG, 07.03.2012




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