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Wenn es um Reisekrankheiten geht, kennt sich kaum jemand besser aus als die Ärzte vom Hamburger Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin. Auf dieser Seite finden Sie das ständig aktualisierte Wissen der Experten: über Gesundheitsrisiken, deren Behandlung und Vorbeugung

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Gentechnisch veränderte Pflanzen

Gentechnisch veränderte Pflanzen

Sind wir auf dem Weg zur Monopolisierung von Grundnahrungsmitteln?

Als überzeugter Großstadtmensch nehme ich die Segnungen der Landwirtschaft meist etwas gedankenlos als gegeben hin. Dabei ist das erfolgreiche Bestellen von Äckern eine große zivilisatorische Errungenschaft. Evolutionsbiologen führen die Entwicklung eurasischer Kulturen zurück auf Klimaveränderungen in den gemäßigten Breiten, die unsere Vorfahren aus dem Paradies des Jagens und Wildgetreidehütens in die Arbeit mit Ackerbau und Viehzucht zwangen (sog. Neolithische Revolution). Durch regelmäßige Ernten konnte die Zahl der Einwohner trotz widriger Umweltbedingungen steigen. Landwirtschaftliche Überschüsse erlaubten die Freistellung großer Bevölkerungsteile für spezialisierte Tätigkeiten wie Handwerk, Wissenschaft, Kriegführung oder Verwaltung. Dies wiederum führte in einem sich fortlaufend selbstverstärkenden Effekt wieder zu größeren Flächen und besseren Bedingungen für die Landwirtschaft. Die eigenständige Versorgung mit Lebensmitteln ist daher von kaum zu unterschätzender Bedeutung für eine Bevölkerung. Daran hat sich in den vergangenen Jahrtausenden nicht viel geändert.


Heute ist die gesicherte Versorgung der Bevölkerung mit gehaltvollen und nicht verunreinigten Grundnahrungsmitteln ein hohes Gut und sogar Ausdruck einer demokratischen, werteorientierten Gesellschaft. Unter totalitären Machtverhältnissen findet sich hingegen ein entgegengesetztes Phänomen: Dem Einzelnen an der Spitze ist der leere Magen bestimmter Bevölkerungsschichten egal, vor allem im Vergleich zu den “höheren Zielen”, die erreicht werden sollen. Beispielsweise verhungerten in China - unter der Herrschaft Maos - bis Anfang der 1960er Jahre etwa 30 Millionen Menschen. Unter der Parole “Der Große Sprung nach vorn” sollte China aus dem Stand von einem Agrarstaat in ein Industrieland verwandelt werden. Während die Bauern an den Hochöfen arbeiten mussten, verdarb die Ernte auf den Feldern. In der Ukraine - der Kornkammer Europas - verhungerten 1930-33 schätzungsweise 7 Millionen Menschen, darunter 3 Millionen Kinder, infolge der von Stalin beschlossenen Kollektivierung. Dies sind zwar extreme Beispiele, jedoch Beispiele derjenigen Art, die sich beliebig lang und bis in die Meldungen der aktuellen Tagespresse hinein fortsetzen ließen. Selbst dort, wo Entscheidungen aus bester Absicht getroffen werden, gilt: Die Entscheidung über die Verfügbarkeit von Grundnahrungsmitteln gehört nicht in die Hand einzelner Personen.


Heute ist Hunger kein Ressourcenproblem mehr, sondern ein strukturelles Problem. Schätzungen der Finanzhilfe gegen den Hunger (Quelle: Welternährungsorganisation, FAO) gehen davon aus, dass unter Nutzung der heute verfügbaren (gentechnikfreien) Standardtechnologien ohne weiteres zwölf Milliarden Menschen ernährt werden könnten. Doch selbst von den geschätzten 6,9 Milliarden Menschen der heutigen Weltbevölkerung wird ein großer Teil niemals satt. Im Fünf-Sekundentakt stirbt ein Kind an den Folgen von Unterernährung. Nach Schätzungen der Welternährungsorganisation (FAO) sind etwa 850 Millionen Menschen dauerhaft unterernährt; die daraus folgenden Mangelerscheinungen lassen bei den betroffenen Kindern auch in späteren Jahren praktisch keine normale körperliche und geistige Entwicklung mehr zu. Hinzu kommen die ständig steigenden Lebensmittelpreise. Menschen in Simbabwe, Bangladesh oder Haiti müssen bis zu 90% ihres Einkommens für Lebensmittel aufwenden. Und die Preise steigen weiter. 

 

Die strukturellen Ursachen hierfür mögen vielfältig sein, in der öffentlichen Diskussion werden jedoch immer wieder die folgenden drei Punkte aufgegriffen:

  • Verschuldung einzelner Personen und ganzer Staaten
  • Subventionierung der Lebensmittelerzeugung, z.B. durch die EU
  • Rohstoffspekulationen, z.B. Nutzung landwirtschaftlicher Flächen für die Erzeugung von Bioethanol

Ist der Hunger als strukturelles Problem erkannt, erscheinen Versprechen von Ertragssteigerungen durch die Nutzung gentechnisch veränderter Pflanzen wenig verlockend. Im Gegensatz zu der von Historikern beschriebenen “Aufwärtsspirale” der alten Hochkulturen durch verbesserte Landwirtschaft besteht die Gefahr einer “Abwärtsspirale” durch immer neue strukturelle Verschlechterungen. Die Einführung von gentechnisch verändertem Saatgut hat bereits zur Quasi-Monopolstellung einzelner Großkonzerne geführt. Wie es gelegentlich vorkommt, erwies sich das Konzept Produkte zweifelhafter Qualität mit großer finanzieller Macht in den Markt zu drücken als erfolgreich. So steuert ein einziges Unternehmen inzwischen 90% des weltweiten genmanipulierten Saatguts bei. Das Unternehmen Monsanto steht bereits seit Längerem im Kreuzfeuer der Kritik. Sowohl einzelne Produkte als auch einzelne der angewendeten Methoden werden kritisiert:

  • Aktivitäten im Bereich der Wasser- und Aquakultur-Business könnten dazu führen, dass weite Teile der Nahrungswirtschaft monopolisiert werden
  • Der Umgang mit der Verantwortung für Umweltbelastungen, die aus Anwendung früherer Produkte (dioxinhaltiges Entlaubungsmittel “Agent Orange”, PCB, Wachstumshormon zur Steigerung der Kuhmilchproduktion) resultierten
  • Entwicklung und Verkauf von sog. Terminator-Saatgut, welches unfruchtbare Pflanzen hervorbringt, deren Pollen - wie selbst Experten befürchten - u.U. auch die Nachkommen normaler Pflanzen steril machen könnte, was im schlimmsten Fall zu einer weltweiten Verknappung vermehrungsfähiger Pflanzen führen könnte
  • Gen-Soja zeigte sich trotz höherer Preise weniger ertragsreich
  • Gen-Raps GT73 wurde von der Europäischen Umweltbehörde wegen seiner ungehinderten Ausbreitung als Hochrisikopflanze eingestuft
  • Das Studiendesign toxikologischer Untersuchungen (meist durch Herstellerfirmen finanziert) erlaubt in der Regel keine Einschätzung darüber,  in wie weit ein Langzeitkonsum genmanipulierter Lebensmittel gesundheitliche Folgen haben könnte
  • Bauern sollen sich vertraglich verpflichten, kein Saatgut aus der Vorjahresernte auszusäen; ansonsten werden konsequent Patentrechtsklagen geführt
  • Bauern, die verklagt wurden, versicherten, dass es sich bei dem gefundenen Material um durch den Wind verursachte Kontaminationen durch Pollen von Nachbarfeldern handelte
  • Der Saatgut-Vertrag berechtigt das Unternehmen über einen Zeitraum von vielen Jahren unangemeldete Kontrollen auf dem Privateigentum der Bauern durchzuführen
  • Die Gesamtsumme, die dem Unternehmen bereits aufgrund von Klagen zugesprochen wurde, liegt bei über 15 Mio. US-Dollar
  • Regionale Saatgutfirmen werden aufgekauft, so dass vor allem den Bauern in weniger entwickelten Regionen oft keine andere Alternative bleibt als der Kauf des teureren und teilweise weniger ertragreichen Gen-Saatgutes
  • Bauern (z.B. Baumwollfarmer), die aufgrund teuren Gen-Saatgutes und mangelnder Erträge ihre Kredite nicht mehr zurückzahlen können, sind häufig gezwungen, ihr Land oft zu Dumpingpreisen an große Agrarunternehmen zu verkaufen!!!
  • Sehr erfolgreiche Lobby-Arbeit in vielen Ländern, z.B. in Mexiko, führte zu Gesetzen und Regelungen, die viele Bauern als drastische Einschränkungen ihrer Rechte empfinden. Dies gilt vor allem im Hinblick auf das Unterbinden der jahrtausendealten Tradition, Saatgut aus der aktuellen Ernte für die nächste Aussaat zu verwenden.


Der Widerstand gegen die Umsetzung der strategischen Ziele großer Agrarkonzerne nimmt zu. Nichtregierungsorganisationen (NGOs) wie Greenpeace, Attac, Oxfam, Germanwatch, verschiedene Landwirtschaftsorganisationen und viele andere gewinnen immer mehr an Zulauf und gewinnen mit ihren Anliegen so zunehmend eine demokratische Legitimation. Auch Zeitungen, Nachrichtenmagazine und andere Medien haben das Thema intensiv aufgegriffen. Eine interessante Perspektive bietet der vermehrte Einsatz der NGOs im Bereich nationaler wie internationaler Entscheidungsgremien, Parlamente und Gerichtshöfe.

Was bleibt für den Einzelnen zu tun? Auch, wenn keine eindeutigen Belege über direkte Gesundheitsrisiken durch “Gen-Food” existieren: Mit einer bewussten Ernährung lebt man gesünder. Und mit politisch sinnvollem Handeln hilft man auch anderen.


Weiterführende Literatur

Paparini A, Romano-Spica V. Public health issues related with the consumption of food obtained from genetically modified organisms. Biotechnol Annu Rev 2004; 10: 85-122.

Séralini G-E, Spiroux de Vendomois J, Cellier D, et al. How subchronic and chronic health effects can be neglected for GMO´s, pesticides or chemicals. Int J Biol Sci 2009, 5: 438-443.

Varzakas TH, Arvanitoyannis IS, Baltas H. The politics and science behind GMO acceptance. Crit Rev Food Sci Nutr 2007; 47: 335-61.

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MG, 23.10.2012