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Die Grenzen des Wortes

Gewohnheiten und Worte

Matthias Günther

Unsere westlichen Gesellschaftsformen haben im 21. Jahrhundert nicht nur denjenigen etwas zu bieten, die elektronische Unterhaltung schätzen, die chillen und sich berieseln lassen wollen. Keineswegs. Wir leben in einer Zeit, die es erlaubt, proaktiv Veränderungen zu managen, uns eine Meinung zu bilden, unsere Probleme zu lösen, kurzum unseres eigenen Glückes Schmied zu sein. 

Goethes Faust hätte daran seine Freude. Innerhalb von fünf Minuten lässt sich dank Wikipedia herausfinden, "was die Welt im Innersten zusammenhält". Spannend wird es vor allem dann, wenn wir etwas in unserem Leben verändern wollen. Reichtum, Gesundheit, Glück, Erfolg, Idealgewicht, Schönheit sind uns allen zugänglich. Wir leben in einer Wissensgesellschaft. Auch wenn ich selber nicht weiß, wie ich mir effektiv das Rauchen abgewöhnen kann, ... irgendjemand weiß es mit Sicherheit. Diesen jemand bezeichnet man als Experten. Zwar gibt es auch jede Menge schwarzer Schafe, die vorgeben Experten zu sein, und man braucht oft jemanden, der Experte darin ist, tatsächliche von vermeintlichen Experten zu unterscheiden. Diesen Punkt wollen wir aber der Einfachheit halber überspringen und sagen, es gäbe tatsächlich einen Experten dafür, wie man sich das Rauchen abgewöhnt, nennen wir ihn Professor Müller. Professor Müller ist ein international hochrenomierter Spezialist. Es ist nicht unplausibel, dass er mir dabei helfen könnte, das Rauchen aufzugeben. Der Anruf in seinem Sekretariat endet leider zunächst mit einer Enttäuschung. Er hat keine Zeit, ist völlig ausgebucht für die nächsten drei Jahre und übernimmt sowieso nur noch Industrieaufträge. Aber seine Sekretärin hat auch eine gute Nachricht für mich. Professor Müller hat gerade ein Buch zum Thema "Nichtraucher in 21 ¾ Tagen" geschrieben, sehr gut, dann brauche ich natürlich keinen persönlichen Rat von ihm und schon gar keine kontinuierliche Betreuung durch ihn, sondern muss nur sein Buch lesen. Ob er mir die Lösung für das Problem nun persönlich mitteilt oder ich seine Worte nachlese ist ja einerlei.

Gewohnheiten

Bevor der Vorsatz gefasst wird, eine Gewohnheit zu ändern, ist es nicht schlecht zunächst zu verstehen, woraus sich Gewohnheiten zusammensetzen. Da Gewohnheiten von noch umfassenderer Bedeutung sind als Süchte wie Nikotinabhängigkeit, wollen wir eine Gewohnheit analysieren. Süchte und Gewohnheiten ähneln sich so stark, dass man behaupten kann, Gewohnheit sei der Oberbegriff und Sucht sei der Spezialfall. Eine praktizierte Sucht präsentiert sich als Gewohnheit, andererseits ist zwar nicht jede Gewohnheit eine Sucht, die Grenzen sind jedoch fließend und es gibt mehr Gemeinsames als Trennendes.

Ein guter Ausgangspunkt für die Entwicklung einer Gewohnheit ist zunächst ein bestehendes körperliches Bedürfnis. Nehmen wir an, unsere Mittagspause hat begonnen, wir haben Hunger, aber heute unsere Brote vergessen. Die nächsten drei Schritte spielen sich in unserem Kopf ab:

  1. unser Gedächtnis erinnert uns daran, dass nebenan gerade ein Italiener aufgemacht hat, der zur Mittagszeit preisgünstige Gerichte anbietet,
  2. wir denken daran, wie gerne wir jetzt eine Pizza essen würden und uns läuft buchstäblich das Wasser im Mund zusammen (hier werden das erste Mal Glückshormone ausgeschüttet), und
  3. wir stellen fest, dass es nichts gibt, dass uns daran hindern würde, jetzt ´rüber zur Pizzeria zu gehen: das Wetter ist schön, wir haben genug Geld dabei, das Restaurant ist ganz in der Nähe, so dass unsere Pausenzeit bequem reicht.

In dem Moment, wo unser körperliches Bedürfnis Hunger mit den drei genannten Punkten 1,2 und 3 zusammenfällt, macht es plötzlich Klick, und wir handeln: wir gehen tatsächlich los. Wir sind jetzt draußen, das Wetter ist herrlich, die Vögel singen (hier wird zum zweiten Mal Glückshormon ausgeschüttet). Wir kommen ins Restaurant, es riecht schon sehr lecker, wir finden einen guten Platz, sind zufrieden mit den zur Auswahl stehenden Speisen, die Bedienung ist sympathisch und aufmerksam, wir bestellen, wir lesen eine der ausgelegten Zeitungen, fühlen uns behaglich und genießen die Vorfreude auf das Essen (es werden zum dritten Mal Glückshormone ausgeschüttet). Am nächsten und übernächsten Tag passt es auch wieder gut und wir machen uns zur Mittagszeit wieder auf den Weg zu unserem neuen Lieblingsitaliener.

Stabilität und Flow

Gewohnheiten sind Konstruktionen in unserem Leben, die sich oft als außerordentlich stabil erweisen. Ungefähr so stabil wie die Umlaufbahn eines Planeten, der um die Sonne kreist. Während wir der Gewohnheit nachgehen befinden wir uns in einem so genannten Flow-Zustand, Körper und Geist befinden sich in Harmonie zueinander, wir sind körperlich und geistig unangestrengt, aber angeregt. Wir brauchen uns keine komplizierten Gedanken machen, was wir tun und wie wir es tun, der gesamte Handlungsablauf fließt .

  • Zum einen hat der Flow die Eigenschaft sich selber zunehmend zu stabilisieren, je länger man einer Angewohnheit nachgeht. Je länger der Planet um die Sonne kreist, um so stabiler wird das Arrangement.
  • Zum anderen wird der Flow zusätzlich stabilisiert durch jede positive Erfahrung (Ausschüttung von Glückshormonen), die ich mache, während ich meiner Gewohnheit nachgehe.
  • Eine dritte Stabilisierung wird durch einen Effekt, den wir alle kennen, erreicht, durch das Phänomen der verklärten Vergangenheit. Wir erinnern uns an positive Erlebnisse viel nachhaltiger als an unangenehme Erfahrungen. Die vielen angenehmen Erfahrungen, die ich beim Mittagessen in meiner Pizzeria gemacht habe, haben einen größeren Einfluss auf mich, bleiben länger haften als die gelegentlichen negativen Erlebnisse. Je länger ich dieser Gewohnheit nachgehe, umso mehr kommt es im Laufe der Wochen, Monate, Jahre zu einer Anhäufung von Glücksmomenten. Während die unangenehmen Erlebnisse recht schnell verblassen.
  • Der vierte stabilisierende Faktor, ist der Entzug, wenn wir aus dem wohligen Flow unserer Gewohnheit herausgerissen werden, setzt der Körper Stresshormone frei, dies versetzt uns nicht nur körperlich sondern vor allem auch seelisch in einem zunehmend unangenehmen Zustand, dem wir am einfachsten entfliehen können, wenn wir uns auf schnellstem  Wege wieder unserer Gewohnheit hingeben.
  • Schließlich existiert noch ein fünfter stabilisierender Faktor, nämlich unser soziales Umfeld. Wenn ich gerne und häufig italienisch esse, werde ich wahrscheinlich viele Menschen kennen, die das ebenfalls tun. Von besonderer Bedeutung ist dieser Faktor im Falle von Abhängigkeiten. Personen, die zu viele Kalorien aufnehmen und sich zu wenig bewegen, finden sich schnell in der Gesellschaft anderer wieder, die ebenfalls ständig mit ihrem Gewicht kämpfen. Gemeinsames Abnehmen ist dann eher die Ausnahme, häufiger ist das gemeinsame Essen. Es fehlen greifbare Rollenvorbilder wie man es richtig macht, aber es herrscht kein Mangel an Freunden mit den gleichen Problemen. Trotzdem fühlt man sich in dieser Gruppe zu Hause, hat viel Spaß miteinander und bestärkt sich im Zweifelsfall gegenseitig in seinen Gewohnheiten.

Es entsteht also eine Konstruktion in der unsere physiologischen Bedürfnisse (z.B. Hunger) mit angenehmen physiologisch-psychischen Zuständen (Flow), angenehmen Vorstellungen von der Zukunft (Antizipation), angenehmen Erinnerungen an die Vergangenheit und gegenwärtigen angenehmen Sinneserfahrungen auf das engste verflochten sind und sich auf allen diesen Ebenen in negative Erfahrungen und Empfindungen verwandelt, sobald wir diese Konstruktion verlassen wollen ("Entzugssymptome"). Gewohnheiten führen buchstäblich zu einer Veränderung unseres Körpers, incl. einer dauerhaften Änderung der Verschaltungen unseres Gehirns. Nun kommen wir wieder zu Professor Müller und seinem Buch "Nichtraucher in 21 ¾ Tagen". Die Chemie des Körpers und die Vernetzung der Nervenzellen des Gehirns eines Rauchers sind auf die Verhaltensweise Rauchen festgelegt. Das einmalige Lesen geschriebener Wörter ist nun bedauerlicherweise nicht geeignet, in unserem Körper oder im Schaltplan unseres Gehirns oder in den Verbindungstellen zwischen den Nervenzellen (Synapsen) eine Änderung auszulösen, die nachweisbar und dauerhaft wäre. Zwar können durch Lesen Veränderungen in der Hirnphysiologie erreicht werden, diese sind aber zu schwach und zu kurzlebig, um ein Gegengewicht zu dem massiv stabilen Zustand einer Gewohnheit darzustellen. Aussagen wie "Dieses Buch hat mein Leben verändert" sind verdächtig. Im günstigsten Fall könnte ein Buch der letzte Tropfen sein, der das Fass zum überlaufen bringt, also einen ohne hin schon auf baldige Veränderung konditionierten Menschen zur endgültigen Kursumkehr veranlasst. Liegt man jedoch stabil im Fahrwasser seiner Gewohnheit, sind die Nervensignale, die das Lesen eines Buches im Gehirn auszulösen vermag einfach von zu geringer Intensität, auch wenn der Autor ein Spezialist ist und sich beim Schreiben alle erdenkliche Mühe gibt, seinen Punkt darzulegen. So wie eine Person mit einem einzelnen Hammerschlag kein Haus zum Einsturz bringen kann, so kann das geschriebene Wort nichts auslösen bei jemanden, der sich nicht ohnehin schon mitten im Veränderungsprozess befindet. Aber die meisten
Hilfesuchenden sind weit davon entfernt, bereits in einem Veränderungsprozess zu stehen, daher wird "Nichtraucher in 21 ¾ Tagen" das Schicksal der meisten Selbsthilfebücher teilen. Es wird im Regal verstauben.

Integration

Schriftlicher Rat ist, zumindest für sich allein genommen, nicht geeignet Veränderungsprozesse anzustoßen. Noch weniger geeignet ist er, Veränderungsprozesse zu gestalten. Hier berühren wir das Problem der fehlenden Integration von Wissen. Stellen wir uns vor, wir fahren mit dem Auto durch ein uns unbekanntes Land, es existieren zwar gute Straßen aber keine Schilder mit denen wir etwas anfangen könnten. Auch die Sprache des Landes verstehen wir nicht, wir können niemanden nach dem Weg fragen.

Das einzige, was uns zur Verfügung steht, ist ein Funkgerät mit dem wir empfangen, aber nicht senden können. Und am anderen Ende des Gerätes ein Experte, der uns als Navigator Anweisungen gibt wie "nächste links abbiegen", "nächste rechts abbiegen" oder "weiter geradeaus". Der Experte beschreibt uns hochprofessionell den Weg von Stadt A nach Stadt B. Die Schwierigkeit ist nur, wir wissen nicht, wo wir uns gerade befinden und der Experte weiß auch nicht, wo wir sind. Seine hochprofessionellen Navigationstipps bleiben für uns ohne jeglichen Wert. Nicht, weil er als Experte nicht kompetent wäre, sondern weil die Information nur in eine einzige Richtung fließt, also keine Kommunikation, kein Informationsabgleich zwischen ihm und mir stattfindet. Genau so sieht es mit Büchern und Internet-Texten aus, die Information fließt nur in eine Richtung (unidirektional) vom Experten zum Leser, aber der Experte kann nicht wissen, wo sich der Leser mit seinem Problem befindet. Wenn das Funkgerät in beide Richtungen funktionieren würde, so könnte man mit dem Spezialisten nach gemeinsamen Orientierungspunkten suchen. Hat man diese gefunden, hat der Experte eine Grundlage, uns zu unserem Ziel zu lotsen, wobei trotzdem noch ein regelmäßiger Abgleich der Orientierungspunkte notwendig wäre.

Fazit

Gewohnheiten einzelner Personen, Gruppen, Organisationen, Staaten können nicht wie ein Kleidungsstück mühelos abgelegt werden, sondern werden vielmehr im Laufe der Zeit zu einem Teil unserer selbst. Es ist nicht möglich durch das Lesen einiger bedruckter Seiten tief greifende Verhaltensänderungen zu bewirken, aber es ist möglich, Menschen durch professionelles Marketing dazu zu bewegen, sich ein Buch zu kaufen. Unsere Wissensgesellschaft vermittelt die Illusion, dass es vom Gedanken hin zur Umsetzung nur eines kleinen Schrittes bedarf, nämlich des Konsums anonymer, massentauglicher Informationen. Änderungen lassen sich jedoch nur erzielen, wenn wir bereit sind, uns selber sehr intensiven Veränderungen auszusetzen und unsere Ziele verfolgen in enger Kommunikation mit den Menschen, von denen wir lernen wollen.

 



MG, 27.09.2013