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Bewegung

Im Gegensatz zu Pflanzen ist es den Tieren gelungen ihre Umwelt aktiv zu gestalten, sie können einen Ort verlassen, sich an einen anderen begeben und diesen Ort dabei beeinflussen und verändern. Die Art ihrer Wechselwirkung mit ihrer Umgebung verlor ihren zuvor eher passiven Charakter. Für die Veränderung der Umwelt war die Entwicklung eines Apparates erforderlich, der die Art der Körperoberfläche verändern kann und der Signale aus dem Umfeld mit denen aus dem inneren Milieu vergleichen kann. Die Einheit von Muskel-Sehnen-Knochen und Nerv wurde erfunden, wobei das Nervensignal die Erfolgsorgane der Bewegung anregt sich zu verändern und umgekehrt Nerven nur funktionieren, wenn sie äußere Bewegung wahrnehmen und verarbeiten. Beides bedingt sich gegenseitig.

Bis zum Ende des vorigen Jahrhunderts vermutete man, Bewegung sei eine von einer Steuerzentrale im Hirn befohlene Muskelaktivität. Und man nahm selbstverständlich an, willkürliche Bewegung sei bewusst. Je mehr Bewegung erforscht, beobachtet und vor allem effektiv geübt wurde, desto deutlicher wurde, dass an der Gestaltung von Bewegung u.v.a. folgende Teilbereiche des Körpers intensiv beteiligt sind:

  • Propriozeption.
    • Damit ist der sechste Sinn gemeint, neben Ohr, Auge, Geschmack, Riechen und dem Fühlen mit Hautsensoren. Dieser Körpersinn meldet alles was im Inneren gerade vor sich geht und für die Beeinflussung des Außen von Bedeutung sein könnte.
  • Kollagenfasern.
    • Sie durchziehen Sehnen und Muskeln und übertragen, wenn sie gespannt werden, wie eine Gitarrensaite die Information der Dehnung schneller auf andere Fasern, als dies Nervenzellen möglich wäre. Das löst unmittelbare Handlung aus: die Gegendehnung in umgekehrte Richtung, zum Beispiel beim Laufen: die Wirbelsäule dreht sich rhythmisch wie eine Spirale von rechts nach links und wieder nach rechts, ohne das Nerven dies steuern müssten.
  • Reflexe.
    • Schaltkreise für unbewusste, nervengeleitete Sofortreaktionen, die im Rückenmark oder im Stammhirn verdrahtet sind, und die zu sehr schnellen Handlungen führen oder indirekt beteiligte Organe auf eine Handlung einstimmen.
  • Emotionen.
    • Damit ist die Bewertung all dessen gemeint, was von Außen kommt: Überraschung, Fröhlichkeit, Ärger, Angst, Ekel, Schmerz, Trauer. Jede Bewegung führt zu Emotion und jede Emotion drückt sich in der Aktivität von Muskeln aus. Beides gehört zusammen wie zwei Seiten einer Münze.
  • Großhirnprogramme.
    • Das sind erworbene Fähigkeiten, die bei Geburt noch nicht vorhanden waren und durch mühsames Training erarbeitet wurden. Sie zischen in der Regel sehr schnell, unbewusst über eine Datenautobahn (Pyramidenbahn) am Mittelhirn vorbei, und sind dann nicht sehr viel langsamer als Reflexe.
  • Mittel- und Kleinhirnprogramme.
    • Sie entstehen nach sehr langem Training über viele Jahre und sind dann quasi in der Hardware verkabelt für vollautomatische Bewegungsabläufe. Bis so etwas reibungslos funktioniert, können wie z.B. beim Klavierspielen über sieben Jahre intensiven Trainings erforderlich sein.
  • Zustandsformen der Hirnaktivität.
    • Die Grundschwingungsarten der Hirnzellen können als Erregungswellen gemessen werden. Wir sind wach, aufmerksam, konzentriert, schläfrig, ruhig, entspannt, dösig tagträumend. Wenn das Hirn scheinbar nichts tut (so genannter Default Mode) ist es offenbar intensiv ordnend tätig. Training erfolgt deshalb besonders effektiv, wenn aktivem Lernen Zeit zur Konsolidierung folgt. Alle Zustandsformen modellieren die Zusammensetzung der Chemie der Informationsübertragung (Neurotransmitter) und die Bewegungen der Erfolgsorgane bei denen Erregungswellen ankommen.
  • Körperuhren.
    • Jede Zelle hat ihren Rhythmus, jedes Organ wiederum einen übergeordneten Rhythmus und der Körper insgesamt schließlich seinen Zentralwecker, der oberhalb der Kreuzungsstelle der Sehnerven liegt. Je nach Tageszeit oder Monatszyklus sind Hormone anders zusammengesetzt und der Stoffwechsel des Körpers aktiver oder träger eingestellt.

Bei der Informationsverarbeitung der Propriozeption wird im Gehirn zunächst etwas wahrgenommen. Diesen Prozess empfindet man als "Spüren" von Druck, Dehnung, Schmerz, Wärme, Kälte, Gelenkstellung. Das Gespürte wird dann interpretiert und bewertet und mit Erinnerungsbildern und Zukunftsvorstellungen verknüpft. Dieser Prozess wird gut mit dem Wort Fühlen beschrieben. Fühlen beschreibt die Verknüpfung einer gespürten Wahrnehmung mit einem Erinnerungs- oder Zukunftsbild. Die meisten Menschen fühlen, aber haben Schwierigkeiten zu sagen, was sie dabei eigentlich spüren. Z.B. drückt der Satz "Ich fühle mich gestresst" ein diffuses Unwohlsein aus, eine Erinnerung an ähnliche frühere Situationen, die unangenehm waren und die man gerne vermeiden möchte. Die eigentliche Ursache, die zu diesem Gefühl geführt hat, bedarf meist einer genaueren Beobachtung von sich selbst:

  • „Wie und wo äußert sich „Gestresst sein“ eigentlich?
    • Kribbeln? Schweiß?
    • Art der Atmung?
    • Schneller Herzschlag?
    • Schmerz?
    • Druck?
    • Magengefühl?
    • Anspannung? ..."


Bildquelle: www.salzburgersportwelt.com

 
Quellen (der Artikelserie) u.a.

  • Altenmüller E.: Hirnphysiologische Grundlagen des Übens. In: Mahlert U (Hrsg). Handbuch Üben. Breitkopf und Härtel, Wiesbaden 47-67 (2006)
  • FAZ 16.10.08
  • Galambos SA et al.: Psychological predictors of injury among elite athletes. Br J Sports Med 2005; 39: 351-354.
  • Golimbet VE, Alfimova MV, Gritsenko IK, Ebstein RP. Relationship between dopamine system genes and extraversion and novelty seeking. Neurosci Behav Physiol 2007; 37: 601-6.
  • Kantak S. et al.: Neural substrates of motor memory consolidation depend on practice structure, Nature Neuroscience, 11.07.2010, doi:10.1038/nn.2596
  • Llinás R et al.: Roy S: The ‘prediction imperative’ as the basis for self awareness. Phil.Trans.R.Soc.B 2009;364:1301-7
  • Mulder T: Das adaptive Gehirn – Über Bewegung, Bewusstsein und Verhalten, Thieme 2006
  • Myers TW: Anatomy Trains, Urban&Fischer 2010
  • Pain M et al.: Extreme risk taker who wants to continue taking part in high risk sports after serious injury. Br J Sports Med 2004; 38: 337-339.
  • Pogosyan A et al.: Boosting cortical actiity at Beta-band-frequencies slows movement in humans. Curr Biol. 2009;19:1637-41
  • Porges SW: Reciprocal influences between body and brain in the perception and expression of affect: A polyvagal perspective. In: Fosha D et al: The healing power of emotions: Affective neuroscience, development, clinical practise. New York, W. W. Norton & Company 2009
  • Takuan Sōhō: Brief an den Schwertkämpfer Yagyu Munenori, 17. Jhh.
  • Peter Ralston: Effortless Power, 1989
  • Van Raalten TR et al.: Practice Induces Function-Specific Changes in Brain Activity, PLoS One, 2008, 3(10): e3270. doi:10.1371/journal.pone.0003270
  • von Kleist H: Über das Marionettentheather, 1810

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MG, HEF, 10.04.2012




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