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Bewegung: Sport, Stress, Kollateralschäden
Sport, Stress, Kollateralschäden
Bildquelle: D. Zimmer
Sportpsychologen schätzen, dass fünf bis zehn Prozent der Sportverletzungen psychologische Ursachen haben. Das ist nicht verwunderlich, weil äußere Bewegung aus psychischer Bewegung entsteht und umgekehrt.
Mangelnde Aufmerksamkeit, Müdigkeit, Medikamente, Genussmittel, Drogen, aber auch Angst, Wut, Stress und vieles andere können die Feinabstimmung von Bewegungen ungünstig beeinflussen. Dann entstehen Störungen, Widersprüche, Blockaden, unnützer Energieverbrauch für verkrampfte Haltungsarbeit oder eine mangelnde Koordination der Bewegungsabläufe. Die daraus entstehenden Fehler können schließlich zu „Kollateralschäden“, zu Unfällen und Verletzungen führen.
Manche Freizeitsportler gehen auf der Suche nach einem schnellen „Kick“ oder in der krampfhaften Verfolgung eines Ziels („Fit sein!“, Abnehmen!“) hohe Risiken ein. Ihre stressige Quälerei, mit der sie ihren „innere Schweinehund“ (also einen oft sehr gesunden Teil von sich selbst) verdrängen wird zwar belohnt: durch körpereigene, beruhigende Morphine und durch aufputschendes Adrenalin. Aber viele der Gestressten, erleiden dann einen Herzinfarkt o.ä. nachdem sie kurz zuvor beim Joggen waren oder als sie nach dem Krafttraining beim Bier saßen. Woran liegt das?
Bildquelle: D. Zimmer
Sehnen, Muskeln und Nervenzellen sind eng miteinander verdrahtet. Der Gedanke, Bewegung sei etwas bewusst von einer Steuerzentrale Erzeugtes, greift zu kurz. Mittlerweile wissen wir mehr.
Unter Flow verstehe ich etwas anderes: die energielose Eleganz einer Antilope, die einfach so über viele Kilometer durch die Steppe springt ohne gejagt zu sein oder vor etwas zu fliehen, einfach so, weil Springen Antilopen Spaß macht. Bewegungsapparate fühlen sich gut an, wenn sie das tun dürfen wozu sie gebaut sind. Ich hatte in Afrika die Chance, Gorillas zu beobachten. Trance hab ich dabei nicht gesehen (ich sah auch keine erkennbar zeitgetriebene Zielorientierung) dafür aber extrem viel eleganten Flow entspannter, gewandter, ruhig-balanziert-aufgewogener und dabei hocheffektiver Bewegung in sozialer Kommunikation. Harmonie im Höchstmaß, selbst bei einer eher zufälligen Konfrontationen (mit einem Leoparden, der sich verirrt hatte).
Stressiger Sport, ohne spüren und fühlen dessen, was Körper und Geist in diesem Moment brauchen, ist eine reine Arbeitsbeschaffungsmaßnahme für Orthopäden oder für Suchttherapeuten, die sich mit „extreme arousal seeking behavior“ oder mit verschlissenen Knien herumschlagen müssen. Sucht nach Extremsport ist nicht weniger gefährlich als die Abhängigkeit von harten Drogen. Auch wenn gerade nicht gedopt wird. Bei „knochenhartem“ Training und maximalem Einsatz kommt „erst der Ball und dann das Leben!“ und entsprechend oft reißen die Sehnen oder brechen die Knochen. Auch die Hirnchemie und der Stoffwechsel verändern sich dabei drastisch, was psychische und körperliche Krankheiten auslösen kann. Extremsportler unterliegen oft der Fehleinschätzung, dass sie stets nur „kontrollierte Risiken“ eingehen würden. Personen mit überzogener Risikobereitschaft denken oft nicht sehr weit voraus: zum Beispiel an die langfristige Funktionsfähigkeit eines Gelenkes.
Im Hinblick auf ihr Risikoverhalten lassen sich Sportler in zwei sehr gegensätzliche Grundtypen einteilen:
- Paratelische Personen sind auf der Suche nach dem schnellen Adrenalinkick, sie bevorzugen Sportarten mit hohem Risikopotenzial und planen wenig (nur von „Kick zu Kick“) oder keine Zielsetzungen im täglichen Leben.
- Telische Personen vermeiden eher ein Übermaß an Spannung und Aufregung, sie planen sorgfältig und setzen sich (auch längerfristige) Ziele. Sportler vom telischen Typ betreiben zum Beispiel gerne Sportarten mit gleichmäßiger Bewegung wie Langsteckenlauf, Radfahren oder Badminton. Wenn sie dies effizient gestalten wollen, wird ihnen manchmal Balance und Flow besonders wichtig.
Bildquelle: Irina Klein
Immer höher, immer steiler, immer schärfer, immer schneller ...
Sportler mit ausgeprägtem Risikoverhalten zeigen oft besondere Auffälligkeiten. Z.B. fühlen sie sich in Gefahrensituationen paradoxerweise nicht nur wohl, sondern auch sicher und geborgen. Einen Zustand, den man als Trance bezeichnen kann, eine schlafwandlerische Form der Logik, die rationale Gefahrensignale ausschaltet und das Schmerzempfinden herabsetzt. Wölfe sind Trancemeister, wenn sie sich wider alle Logik auf einen viel gewaltigeren Elch stürzten, dessen Huf sie leicht töten könnte. Befinden sich Menschen in Trance während sie in der „Gefahrenzone“ sind, dann geht es ihnen gut, sie fühlen sich äußerst wohl in dem schwebenden Gefühl „quasi abheben zu können und Übermenschliches zu leisten“. Zurück im langweiligen Alltag wächst die Sehnsucht, dieses Gefühl möglichst schnell wieder aufleben zu lassen. Das führt zu Abhängigkeit vom „Kick-Erleben“ und schließlich zur Sucht. Um diese Sucht zu befriedigen, ist bald kein Aufwand und kein Risiko mehr zu groß: „immer höher, immer tiefer, immer weiter und das immer öfter“. Fehlt der Kitzel des Risikos, z.B. unfallbedingt (!) in einer Zwangspause, treten „Entzugssymptome“ wie Frustrationen, Stimmungstiefs und Aggressionen auf.
Extremes Risikoverhalten kann durch genetische Faktoren begünstigt werden, durch sogenannte epigenetische Prägungen im Mutterleib (bei denen Gene an – oder ausgeknipst werden) oder durch frühstkindliche Erlebnisse und Prägungen. In all diesen Fällen ist es für die Betroffenen absolut unbewusst und daher Verhaltenstherapie meist nur sehr schwer zugänglich.
Eine Vielzahl weiterer psychologischer Faktoren kann einem erhöhten Unfallrisiko beitragen. Im Vordergrund steht psychischer Stress und die mangelnde Fähigkeit, Stress im Alltag zu bewältigen. Die Stressbelastung kann durch erhöhte Kortisol-Konzentration im Blut gemessen werden oder sie wird mit Hilfe psychologischer Fragebögen erfasst. Im Hochleistungssport werden erhebliche Anforderungen an eine schnelle Auffassungsgabe und situationsangepasstes Reagieren des Körpers gestellt und daher können bereits mäßige Veränderungen der Stimmung und/oder Phasen erhöhter Stressbelastung die Feinabstimmung von Bewegungen behindern. Bestehen bei Sportlern starke Stimmungsveränderungen, Auffälligkeiten in der psychologischen Untersuchung (QAS - Queensland Academy of Sport – Fragebogen) oder hohe Kortisolspiegel, muss mit einem erhöhten Verletzungsrisiko gerechnet werden.
Bildquelle: Werner Schönherr
Ein gesunder Geist ruht in einem gesunden Körper (und umgekehrt).
Griechen formulierten diesen Satz vor etwa 2.500 Jahren. Das Denken als Bewegung des Geistes und die Beweglichkeit des Körpers müsse gleichermaßen trainiert werden. In Indien hielten Yogis Denken ohne einen entspannten, trainierten Körper für wenig hilfreich, weil sich ein in-sich kreisendes Denken nicht in leere Aufmerksamkeit wandeln könne. In Afrika wurde trommelnd das Aufrufen der Trance trainiert, das Gefühl „besessen“ Wunderdinge tun zu können. Und in China flossen wie in einen großen Eintopf die Trance-Tänze der schamanistischen Frühzeit, die griechische Gymnastik und indisches Yoga & Kampftechniken hinein. Im Westen wurde die Einheit von Geist und Bewegung im 19. Jahrhundert wiederentdeckt („Turnvater Jahn“, „Pfarrer Kneipp“) und von Psychotherapeuten (W. Reich, A. Lowen, M. Ericson, uva.) und Praktikern (FM. Alexander, M. Feldenkrais uva.) intensiv weiter entwickelt.
All diese Methoden sind, wenn sie in qualitätsgesicherter Form von geeigneten, langjährig erfahrenen, körperlich und geistig unverkrampften, nicht ideologischen Trainern unterrichtet werden, sehr hilfreich für das Training jeder beliebigen Sportart, die letztlich von universellen Grundbewegungsmustern abgeleitet ist. Wenn also afrikanischer oder Samba-Tanz, Akrobatik, Alexander Technik, Feldenkrais, Pilates, Qi Gong, Hatha-Kundalini-Prana-Yoga oder Taiji erlernt wird, geht es immer um ein gemeinsames Trainingsziel: körperliche Funktionen harmonischer mit den Rhythmen des Hirns zusammenklingen zu lassen.
Dann kann
- unnötig energieverbrauchende Bewegung losgelassen werden
- Aktivierung entspannt erfolgen
- Kontraktion Sehnen aufdehnen, aus deren Entspannung dann die Dynamik entsteht
- die Wirbelsäule sich flexibel und elastisch biegen lassen
- der Körper als Ganzes bewegt werden
- die Aufmerksamkeit körperliche Bewegung begleiten
- der Atemfluss die Bewegung initiieren oder sie harmonisch begleiten.
Wenn Atmung, Bewegung und Aufmerksamkeit gleichzeitig laufen, und die Wahrnehmung für Körperfunktionen wach ist, fühlt sich das meist gut an.
Diese Art zu trainieren ist nicht nur günstig für Sportler. Jeder kann so in jeder Lebenslage trainieren, auch im Sitzen und selbst im Krankenhausbett.
Bildquelle: Himmel/Gerstenberg
Weitere Informationen
Quellen (der Artikelserie) u.a.
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- FAZ 16.10.08
- Galambos SA et al.: Psychological predictors of injury among elite athletes. Br J Sports Med 2005; 39: 351-354.
- Golimbet VE, Alfimova MV, Gritsenko IK, Ebstein RP. Relationship between dopamine system genes and extraversion and novelty seeking. Neurosci Behav Physiol 2007; 37: 601-6.
- Kantak S. et al.: Neural substrates of motor memory consolidation depend on practice structure, Nature Neuroscience, 11.07.2010, doi:10.1038/nn.2596
- Llinás R et al.: Roy S: The ‘prediction imperative’ as the basis for self awareness. Phil.Trans.R.Soc.B 2009;364:1301-7
- Mulder T: Das adaptive Gehirn – Über Bewegung, Bewusstsein und Verhalten, Thieme 2006
- Myers TW: Anatomy Trains, Urban&Fischer 2010
- Pain M et al.: Extreme risk taker who wants to continue taking part in high risk sports after serious injury. Br J Sports Med 2004; 38: 337-339.
- Pogosyan A et al.: Boosting cortical actiity at Beta-band-frequencies slows movement in humans. Curr Biol. 2009;19:1637-41
- Porges SW: Reciprocal influences between body and brain in the perception and expression of affect: A polyvagal perspective. In: Fosha D et al: The healing power of emotions: Affective neuroscience, development, clinical practise. New York, W. W. Norton & Company 2009
- Takuan Sōhō: Brief an den Schwertkämpfer Yagyu Munenori, 17. Jhh.
- Peter Ralston: Effortless Power, 1989
- Van Raalten TR et al.: Practice Induces Function-Specific Changes in Brain Activity, PLoS One, 2008, 3(10): e3270. doi:10.1371/journal.pone.0003270
- von Kleist H: Über das Marionettentheather, 1810
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MG, HEF, 07.12.2012