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Wintersport: Wintersport: Schneeschuh-Wandern in den Dolomiten
Gut gelaufen! Eine Schneeschuhwanderung nur für Frauen führt unsere Reporterin zu scharfkantigen Felsen, einsamen Pulverdünen und unerwarteten Kraftreserven
Zerren, beißen, Muskeln anspannen: Am Steilhang kurz vor dem Gipfel des Monte Castello ramme ich die Frontzacken der Schneeschuhe in den gefrorenen Grund und stütze mich mit den Trekkingstöcken ab, um nicht wegzurutschen. Trotz Sonne peitscht der Gipfelsturm auf 2760 Meter Höhe Eiskristalle in mein Gesicht. "Jetzt eine Sauna!", denke ich kurz. Andererseits: Der Kalkfelsenklotz, der wie ein Milchzahn aus dem weißen Berg sticht, ist nah – ich bin schon zu weit gekommen, um einfach aufzugeben. "Du machst das super für eine Anfängerin", feuert mich Christine an, die bereits oben angekommen ist. "Weiter so!" Weil mich auch die anderen acht Frauen, mit denen ich eine Februarwoche lang auf Schneeschuhen durch Südtirol laufe, so enthusiastisch unterstützen, erreiche ich die Spitze. Und mir wird klar, warum es in der ladinischen Sprache ursprünglich kein Wort für Horizont gab.
Im Norden erstreckt sich der Naturpark Fanes-Sennes-Prags, begrenzt durch die hohen Wände von Ciampestrin und Furcia Rossa, die von Erosionslinien durchzogen sind wie ein Schichtkuchen. Dahinter die Hochalm der GroSS-Fanes und die Gipfel der Kreuzkofelgruppe. Südlich die Dolomiti d’Ampezzo. Nirgends zu sehen: ein Ende oder Abflachen der Zinken. "In Ladinien waren wir lange durch unüberwindbare Berge abgeschieden, deswegen hat sich unsere rätoromanische Sprache konserviert", hat gestern Hanspeter Frenner erklärt, Wirt der Lavarella-Hütte. Hier haben wir uns einquartiert, um in Tagestouren die Region in den nördlichen Dolomiten zu erkunden. "Manche Wörter gibt es auf Ladinisch nicht, weil sie früher niemand brauchte." Etliche Sagen wie die Legende der Heldin Dolasila im "Reich der Fanes" spielen im ladinischen Gebiet. Doch wir wollen die Natur ohne heldenhafte Attitüde genießen. In unserem Tempo. Männer, fürchten wir, würden uns mit Ehrgeiz nerven - oder wir sie, weil wir nicht mithalten können oder wollen. So stießen wir auf "Frida", einen Veranstalter für Frauen. Seit zehn Jahren durchwandert die Tourführerin Gudrun Queitsch den Naturpark.
Frauengruppen werden oft belächelt
Jeden Winter trainiert die kleine Chiemgauerin mit den
Sommersprossen und dem eingravierten Sportbrillenabdruck
den Umgang mit dem Lawinensuchgerät. Am Morgen hat sie
getestet, ob die Lawinenpiepser Signale senden. Die 47-Jährige
spricht mit Nachdruck, wenn es um Sicherheit geht: "Erst
wenn jede ihr LVS-Gerät um hat, gehe ich los."
Der erste Abschnitt der Tour zum Gipfel des Monte Castello
führte am Morgen von der Klein-Fanes-Alm zum Limojoch.
Frühe Sonnenstrahlen verwandeln die Landschaft in einen
Porzellanladen:
Wie Kristallfäden ruhen die Äste der Zirben im
Zenit
des Jochs.
"Ich laufe auch zum ersten Mal mit Schneeschuhen",
sagt Julia, untermalt vom Klappern der erdnussförmigen
Kunststoffschlappen, die das Körpergewicht auf eine größere
Fläche verteilen, damit die Füße nicht so tief im Schnee
versinken. Der Bergbezug der Berlinerin? "Wandern mit
Aussicht ist einfach toll. Kürzlich war ich in Nepal unterwegs."
Mit Julias Erfahrungsvorsprung rechtfertige ich meine Pause
nach 200 Höhenmetern - sie wirkt entspannt, ich schwitze.
Der Blick entschädigt: Gegenüber piekst die Antonispitze
in den Himmel, vor der Neunerspitze ziehen Gemsen an gefrorenen
Wasserfällen vorbei, und die Eisengabel, an deren Fuß
einst Dolasila ihre letzte Schlacht gekämpft haben soll, prangt rötlich
in der Sonne. "Wir müssen spuren, heute war noch niemand
hier", verkündet Gudrun. Beim Austreten einer Fährte im
Neuschnee übernimmt im Zehnminutentakt eine von uns die
Führung. Jetzt bin ich dran. Knietief sacke ich in das weiße Pulver,
während wir über Schneedünen an einer alten
Militärunterkunft
vorbeikommen. Hier verlief im Ersten Weltkrieg die
Frontlinie. "Links halten, auf die zwei Kiefern zu", weist mich
Gudrun an. Ich frage mich, woran sie in dem Kiefernwaldstück
exakt diese beiden Bäume ausmacht. "Weil Gudrun besser
ist als jedes Navi", sagt Christine und sorgt damit für Heiterkeit.
"Trotzdem werden Frauengruppen oft belächelt", erwidert
Gudrun.
"Ich bin mal mit 14 Frauen gewandert. Uns kam ein
einzelner Mann entgegen und fragte, ob wir allein unterwegs
seien!" Das Gefühl, es den Männern beweisen zu müssen,
hat sie dennoch nicht. "Frauen wandern weniger zielorientiert,
da ist Platz für Albernheiten." Kaum hat sie den Satz beendet,
trifft ein Schneeball Gudruns Allerwertesten. "Volltreffer!", johlt
jemand. Auch die Schneeschuhtechnik ist ein Argument für
Frauentouren: "Männer haben längere Beine und machen größere
Schritte. Frauen, die ihnen folgen, müssen nachspuren."
Von der nicht bewirtschafteten Groß-Fanes-Alm, wo es nach
Strohballen duftet und wir uns ein Pausenbrot gönnen, ist in der
Ferne die Königin der Dolomiten zu sehen: Die Marmolata ,
höchster Gipfel der Gebirgskette. Der Aufstieg zum Monte Castello
schlängelt sich zwischen Zirben und Findlingen hindurch,
die Landschaft zeigt sich durch meine Sonnenbrille
in drei
Farben: schneeweiß, himmelblau und schwarz wie die Konturen
der Bäume. Als wir durch eine mit weißen Steinbrocken,
die vom Ciampestrin heruntergerollt sind, gespickte
Szenerie
gehen, möchte ich fast nach Eingangstüren suchen: Wie ein Dorf
mit Pilzkappen-Dächern liegen die Felsen am Fuße des Massivs.
"Alle fit fürs Finale zum Gipfel?", fragt Gudrun vor dem letzten
Stück des Aufstiegs zum Monte Castello. Ein dreißigprozentiges
Gefälle. "Na klar", rufe ich, noch nicht ahnend, dass nun das
Ringen um meine Fitnessreserven beginnen wird.
Als wir in der Lavarella-Hütte zu Abend essen, ermittelt
Gudrun mit ihrer Uhr, gleichzeitig Kompass und Barometer,
das Profil der siebenstündigen Tour: ein Dreieck, kontinuierlich
steigend und abfallend, über 700 Höhenmeter. Köchin
Michaela Frenner weiß, was wir nun brauchen: Schlutzkrapfen
in Butter, Schweinekotelett, Rosmarinkartoffeln und Kaiserschmarrn
als Nachtisch. "Morgen geht es auf die Zehnerspitze,
900 Höhenmeter", sagt Gudrun und deutet aus dem Fenster auf
einen Steilpfad. Da rauf? Christine nickt mir aufmunternd zu.
Ich denke an meinen kleinen Sieg über mich am Monte Castello
und bin mir sicher: Ja, da rauf.
Schneeschuhtouren
Frida Frauenreisen. Wer über
die Fanes-Alpe stapfen möchte,
kann bei dem Veranstalter
aus Fürth buchen. Vier bis
sechs Stunden dauern die mittelschweren
Tagestouren mit
reichlich Picknick- und Fotopausen.
Die Anreise wird
selbst organisiert; Übernachtung,
Verpflegung, Ausrüstung
und Muskelkater sind
inklusive. "Frida" hat auch andere
Frauenreisen im Angebot, www.frida-frauenreisen.de ;
Alpinkreaktiv. Weil ihr Männer
auf Bergtouren zu ehrgeizig
waren, gründete Gudrun
Queitsch den Wander- und
Kletterreisen-Anbieter nur für
Frauen. Im Winter führt sie
Scheeschuhgeherinnen in
Kleingruppen auf die Gipfel -
auch in Kooperation mit
"Frida". Eurasburg, www.alpinkreaktiv.de
Südtirol Info. Hier gibt es
Tipps zu Schneeschuhwanderpfaden
mit Karten und Kurzbeschreibungen,
zu Unterkünften
und zur Region, www.suedtirol.info
Lavarella-Hütte. Zwei- und
Dreibettzimmer auf der
Klein-Fanes-Alm in familiärem
Ambiente. Die Sauna in
einem alten Weinfass aus Zirbenholz
entspannt die Muskeln,
die Öfen in der Stube
wärmen den Rest. Hüttenwirt
Hanspeter Frenner holt das
Gepäck seiner Gäste mit der
Schneekatze im Tal ab.
Treffpunkt ist der Berggasthof
Pederü am Ende des Rautals.
Zu erreichen über die Brennerautobahn
A 22, nach Osten
abbiegen ins Pustertal und
vor Bruneck ins Gadertal nach
St. Vigil in Enneberg. Von
St. Lorenzen im Pustertal fährt
ein Bus ins Rautal. Zweistündiger
Fußmarsch von
Pederü
zur Lavarella-Hütte.
Wanderunwillige dürfen
auch mit der Schneekatze mitfahren.
St. Vigil in Enneberg, www.lavarella.it
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