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Sightjogging: Der Renner - nicht nur in Rom
Allein am Trevi-Brunnen? Das geht tatsächlich: Man schnürt die Sportschuhe und joggt am frühen Morgen mit einem Reiseleiter zu den schönsten Plätzen und Sehenswürdigkeiten. Mit etwas Puste lässt sich die Stadt im Schnelldurchlauf erobern
Der Vatikan ist noch im Schatten,
als Roman seine erste Runde auf dem Petersplatz
dreht. "Schau mal, dort oben hat
der Papst seine Gemächer", sagt er, tänzelt
auf der Stelle und deutet auf vier kleine
Fenster im rechten Seitentrakt. "Da brennt
oft bis Mitternacht Licht." Hinter den Scheiben
von Benedikts Büros ist es dunkel - um
diese Uhrzeit sitzt auch der fleißige Papst
noch nicht an seinem Schreibtisch. Es ist
6.45 Uhr in der Früh, und wir laufen in
lockerem Tempo weiter durch Rom.
Führung im Traberschritt
"Sightjogging" nennt sich der Morgenausflug. Eigentlich ist es eine Führung
durch die Ewige Stadt - absolviert im Traberschritt
von Langstreckenläufern. Bei
Sonnenaufgang hat mich mein Privattrainer
Roman, 39, am Hotel abgeholt. Jetzt
jogge ich neben ihm zu den schönsten
Plätzen: Vatikan, Piazza Navona, Pantheon,
Fontana di Trevi, Spanische Treppe. Und
während Rom sich tagsüber in einen
Rummelplatz verwandelt, haben wir auf
unserem Lauf durch den frühen Morgen
Straßen, Plätze und Sehenswürdigkeiten
exklusiv für uns: So menschenleer erlebt
man das zu keiner anderen Tageszeit.
Über den Petersplatz hastet - außer uns
- nur noch eine Nonne mit wehendem
Schleier. Wir biegen in die Piazza Pia ein,
tagsüber hupen hier die Autos um die
Wette. Jetzt aber bleibt Roman mitten auf
der Fahrbahn stehen und holt tief Luft.
"Der einzige Moment des Tages, an dem
man hier durchatmen kann."
Weiter geht’s. Hinter der Engelsbrücke
biegt er in die Gassen der Altstadt ab. Unser
Weg wird welliger. Kopfsteinpflaster ist ein
ungewohnter Untergrund zum Laufen,
aber man kommt erstaunlich schnell damit
klar. Viel Zeit, sich über den neuen
Straßenbelag Gedanken zu machen, bleibt
sowieso nicht. Roman zeigt im Laufen auf
eine graue Statue, die an einer Hauswand
klebt: "Das ist ein öffentlicher Altar. Früher
trafen sich hier die Menschen zum Beten.
Solche Stationen siehst du hier an jeder
Ecke - achte mal darauf." Mein Guide, der
vor zwei Jahren von Zürich nach Rom gezogen
ist, kennt viele hübsche Details, die
nicht im Reiseführer stehen.

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Laufen und lernen
Wir joggen über die Piazza Navona,
wo zu Zeiten des Römischen Reichs Gladiatoren
um Geld und Ruhm, oft auch um
Leben und Tod kämpften - und heute Restaurants
um Kundschaft. Gesternabend
spielte hier eine A-capella-Gruppe auf,
Straßenmaler versuchten mit ein paar
Strichen Touristengesichter in Kunst zu
verwandeln, und an der Fontana dei Fiumi
stritten zwei Italiener wie die Rohrspatzen.
Bei solchen Szenen gleicht Rom einem
Film: Man steht oder sitzt als Zuschauer
auf seinem Platz und genießt das Schauspiel
des urbanen Lebens. Beim Laufen ist
alles umgekehrt: Man selbst ist in Bewegung,
die Kulisse zieht ruhig vorbei - und
Roman erklärt die Handlung: etwa wie sich
die Bildhauer Bernini und Borromini in die
Haare kriegten. Die Meister, so die Legende,
konnten einander nicht ausstehen,
deshalb verpasste Gian Lorenzo Bernini
seinen Skulpturen am Brunnen, die auf die
Kirche von Francesco Borromini blickten,
verzerrte Fratzen. Der Rivale revanchierte
sich, indem er seine Statue so weit oben an
der Kirche montieren ließ, dass sie den
Brunnen keines Blickes würdigt.
Laufen und gleichzeitig einem Stadtführer
folgen - das erfordert Konzentration.
Während ich beim Laufen zu Hause
gern mit Freundinnen über den Alltag tratsche,
muss ich hier aufmerksam zuhören.
Denn zu jeder Fassade kennt Roman eine
Story. "Geschichte ist mein Hobby", sagt
er. Eigentlich unterrichtet er Biologie an
einem Gymnasium. "Das Laufen vor dem
Unterricht ist die reine Entspannung."
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