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Im Rhythmus der Gezeiten

Einsamkeit kann glücklich machen: Pfützenspiele ohne Publikum (Foto von: Christiane Muche)
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Einsamkeit kann glücklich machen: Pfützenspiele ohne Publikum

Am nächsten Morgen ist meine Scheu gemeinsam mit dem Wasser gewichen, und ich mache mich daran, die Hallig zu erkunden. Die Warft, wie die Halligbewohner den aufgeschütteten Hügel nennen, auf dem ihre Häuser stehen, ist in drei Minuten durchschritten. Die wenigen Häuser gruppieren sich um einen kleinen Teich in der Mitte des kreisrunden Dorfplatzes. Eines davon ist der einzige reetgedeckte Leuchtturm der Welt. In Hamburg gibt es Toilettenhäuschen, die größer sind, aber sein Licht weist den vorbeifahrenden Fähren den Weg nach Föhr. Ich spähe durch das Fenster der Schule, in einen Raum voller Bücher, darin die beiden Schüler und ein Lehrer. Hoffentlich haben sie ihre Hausaufgaben gemacht, denke ich, verstecken kann man sich bei solch intimen Unterrichtsverhältnissen nicht. Die kleine Kirche spare ich mir für den nächsten Tag auf und verlasse die Warft, um den Rest der Insel zu sehen.

Zwei Quadratkilometer plattes Land, außen herum nur Wattenmeer. So überschaubar, sagt eine Oländerin scherzhaft, dass man heute schon weiß, wer nächste Woche zu Besuch kommt. Trotzdem dauert mein Spaziergang zwei Stunden. Immer wieder halte ich an und wage mich ein paar Schritte ins Watt hinaus, sammele Steine und Muscheln, versinke einmal fast mit meinen Gummistiefeln im Schlick. Dabei ändert sich die Szenerie ständig. Das liegt am Licht: Mal legt sich Nieselregen wie eine graue Decke über das nasse Land, dann wieder bringt die Sonne das Watt zum Leuchten.


Der Rhythmus dieses Flecken Erde wird bestimmt durch die Nordsee, vom Wind, der das Wetter unberechenbar macht, vom gleichmäßigen Auf und Ab der Gezeiten. Und so bedeutet Stille hier nicht die Abwesenheit von Geräuschen: Immer klingt das Pfeifen des Windes im Ohr oder das Pitschern der Gummistiefel im Schlick. Das Klangbild dieses Ortes ist nicht vom Menschen geprägt. Die Geräusche sind organisch. Sie reinigen die Ohren wie die frische Meeresluft die Lunge. Nach diesen Eindrücken gönne ich mir eine seltene Freude: Mittagsschlaf. Ich erwache erst wieder zum Sonnenuntergang, ein Blick aus dem Fenster treibt mich nach draußen. Vom Rand der Hallig aus schaue ich nach Westen. Auf dem Horizont kauern die Warften von Langeneß, während hinter ihnen die Sonne ins Meer zu gleiten scheint.


Hier gibt es nichts? Doch. Ruhe im Überfluss (Foto von: Christiane Muche)
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Hier gibt es nichts? Doch. Ruhe im Überfluss

Die Nordsee macht die Termine

Am nächsten Morgen unterhalte ich mich mit meiner Gastgeberin. 1994 lebten noch 34 Menschen auf Oland. Heute sind es nur noch 17, sagt sie. Der Insel fehlt der Nachwuchs. Manche Menschen schreckt die Abgeschiedenheit, andere stellen sich das Leben der Halligbewohner zu idyllisch vor und sind enttäuscht, dass hier abends keineswegs alle zusammen am Kamin sitzen und Klönen. Denn wer auf einer Warft auf engstem Raum mit seinen Nachbarn lebt, freut sich vielmehr über jedes Stück Privatsphäre. Sollte die Insel zum Feriendorf verkümmern, wäre das ein herber Verlust für die Tradition und Kultur der Halligfriesen. Davon zeugt die winzige Kirche, die Relikte aus längst vergangenen Zeiten beherbergt. Die Saalkirche hat die Ausmaße eines großen Wohnzimmers, doch sie steckt voller Geschichten, von Sturmfluten und Land unter, von mutigen Seefahrern und Piraten. Einen kleinen Friedhof gibt es auch. Ich lese die Inschriften auf den Grabsteinen, auf einem von ihnen steht „It’s only Rock & Roll“. Vielleicht ist selbst die Stille Ansichtssache. Gerne würde ich noch ein bisschen bleiben, doch die Nordsee macht mir einen Strich durch die Rechnung. Eine Sturmflut ist angesagt, und ich muss die Insel verlassen, sonst könnte ich hier tagelang festsitzen. Auch darauf muss man sich einstellen: Den Terminkalender bestimmt hier das Meer - und nicht das Smartphone.



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