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Reise mit dem Nachtzug: ein Test

Mit dem Nachtzug durch Europa - komfortabel und günstig, heißt es in der Werbung. Doch in der Praxis zeigt sich vor allem ein Nachteil: der hohe Preis


Im Schlaf ans Ziel: Nachtzüge können eine billige Alternative sein - wenn man rechtzeitig bucht (Foto von: Welters/laif)
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Im Schlaf ans Ziel: Nachtzüge können eine billige Alternative sein - wenn man rechtzeitig bucht

Ein Schlag, Rumpeln, ich werde im Bett durchgeschüttelt und wache auf. Der Zug bremst. Nein, in Zürich können wir noch nicht sein. Hannover? Ich sehe aus dem Fenster. "Reiterstadt Verden an der Aller" heißt es auf dem Bahnhof, eine Uhr zeigt kurz nach zehn. Ich stecke die Stöpsel zurück ins Ohr. Wahnsinn, rund 100 Kilometer sind es von Hamburg bis hierher – rund zwei Stunden sind wir unterwegs. Im ICE-Reich Deutschland, wo für Milliardenbeträge Trassen über Täler und Berge geführt und ganze Bahnhöfe in der Erde versenkt werden, begibt sich der Nachtzug-Reisende auf eine Fahrt durch ein anderes Zeitmaß. Und wird doch pünktlich Zürich erreichen. Die Argumente für den Nachtzug sind überzeugend: Von Stadtmitte zu Stadtmitte fahren. Im Schlaf – also ausgeruht – das Ziel erreichen (auch wenn man zwischendurch immer mal wieder wach wird). Geld sparen, das man sonst für ein Hotelzimmer ausgeben müsste. Das ist alles richtig. Und trotzdem nur ein Teil der Wahrheit.


Schaukelndes Hotelzimmer

Von Stadt zu Stadt. Es ist eine charmante Art zu verreisen. Wir treffen uns nach der Arbeit, packen ein paar Sandwiches ein und den gekühlten Riesling, schnappen das Gepäck und besteigen im Hauptbahnhof den Zug. Ein Pfiff. Es geht los. Plop. Wir öffnen die Flasche und machen ein Picknick. Ausgeruht reisen. Meine Vorstellungen von Schlafwagen sind geprägt von dem Film "Mord im Orientexpress". Deshalb war ich ernüchtert, als ich die enge Kabine im Oberdeck des Doppelstockwaggons betrat. Hochfunktionelle Raumnutzung: hinter der Falttür rechts das Etagenbett, oben mit Blick durch das schräge Fenster, unten mit mehr Fußraum, beide schmal, aber etwa 190 Zentimeter lang. Ein Tisch steht in der Mitte des Raums, zwei Stühle, ein knapper, aber ausreichender Platz für das Abendessen. Links das Bad, eine wahre Nasszelle, schmal, aber mit WC und Dusche; es gibt auch Abteile ohne. Hat man sich an die Enge gewöhnt, reist es sich komfortabel im schaukelnden Hotelzimmer. Und hat man sich an das Geschaukel gewöhnt, schläft es sich gut im frisch bezogenen Bett.

Günstig fährt, wer früh bucht
Geld sparen. In der Werbung heißt es, dass man ab 49 Euro entspannt reisen könne. Diese Sonderangebote beziehen sich auf die Reise im Sitz- oder Liegewagen. Wer in ein Bett steigen will, muss mehr bezahlen. Es kostet im Economy-Double (WC und Dusche am Ende des Waggons) mindestens 99 Euro, im Deluxe-Abteil sind 139 Euro fällig. Für die einfache Fahrt. Günstig fährt nur, wer früh bucht. Der "Normalpreis" für die Schlafwagenfahrt nach Zürich beträgt 290 Euro pro Person, einfach. Wer kurzfristig in nachfragestarken Zeiten bucht, dem nennt die Website einen Preis von 1186,80 Euro für zwei Personen, mit Frühstück. Die Reise im Nachtzug lohnt sich, wenn man rechtzeitig bucht. Und dafür eignet sich die Website der Bahn leider nicht, bestimmte Verbindungen werden nur angezeigt, wenn man genau weiß, wie der Bahnhof heißt. Zudem hat man uns im Reisezentrum noch einen Sparpreis angeboten, zu dem es auf der Website hieß: "nicht verfügbar". Was den Buchungsservice betrifft, fährt der Nachtzug noch im Dunkeln.



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Kommentare zu "Reise mit dem Nachtzug: ein Test"

Thomas | 07.01.2011 08:00

Zu den Preisangaben und den Vergleich mit den Kosten für einen Flug: Bitte nicht Äpfel mit Birnen vergleichen.

Für den Bericht gebucht wurde ein Deluxe Double-Abteil, das ist der Schlafwagen 1. (!) Klasse. Das kostet einen Aufpreis von 60 € zusätzlich zu dem 1. (!) Klasse Ticket. Dieser durchaus luxuriösen Auswahl sollte man nun gerechterweise nicht die Kosten für einen Billigflug plus Übernachtung im 2*-Hotel gegenüberstellen.

@ Friedrich: 290 € sind der sog. Normalpreis, den nur der zahlen würde, der von jetzt auf sofort bucht und (!) der keine Bahncard hat. Das muß nicht sein und ist daher so realistisch wie der auf den Hotelzimmern aushängende Zimmerpreis.

Im übrigen wählt die große Mehrheit der Reisenden im Nachtzug den Schlafwagen 2. Klasse (Aufpreis von 40-60 € zum Bahnticket 2. (!) Klasse) oder den Liegewagen (Aufpreis 20-30 €). Faktisch hat der Liegewagen ebenfalls Betten, und daher ist die Buchung dort aus meiner Sicht der sinnvollste Weg, die Preis- und Zeitvorteile des Nachtzuges zu kombinieren.

Gute Fahrt!
Beitrag melden!

Thomas | 07.01.2011 08:00

Zwei Vorteile des Nachtzuges hat der Autor des Geo-Berichts übrigens nicht erwähnt: Erstens kann man am Abend vor der Abreise - anders als beim Flug - noch etwas unternehmen, und zweitens gibt es bei der Bahn kein sog. "Sicherheitskontrollen" mit Abtatschen, Nagelscherenbeschlagnahme und ähnlichem. Beitrag melden!

Ilona | 05.01.2011 13:02

Für Städtereisen habe ich schon öfter den Nachtzug benutzt. Klar, wer nur nach dem Preis schielt, ist mit dem Flugzeug meist billiger dran. Meine Argumente: 1.Die Bahnhöfe liegen in der Regel direkt im Stadtzentrum, ich muss mich also nicht um den Transfers kümmern. 2. Die Co² -Ersparnis ist enorm. 3. Kinder bis 14 zahlen nur den Preis für den Schlafplatz. 4. Durch die relativ lange Anreise findet eine Entschleunigung statt die ich als "entstressend" empfinde. 5. Ich liebe die Atmosphäre im Zug und in den Bahnhöfen! Beitrag melden!

Friedrich | 24.12.2010 17:21

für 290,-€ einfach pro Person (1180,- retour für 2) erhält man aber auch einen kurzweiligen Flug und ein sehr angemessenes Hotel vor Ort. Warum sollte man dafür die Zeit in der Bahn verbringen, nachts wo man nicht mal die Landschaft an sich vorbeifliege lassen kann?
Die Bahn hat den Schuss einfach noch nicht gehört! Beitrag melden!


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