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Diana Nyad: Schwimmend von Kuba nach Florida

Mit Mitte sechzig schaffte Diana Nyad das Unglaubliche. Sie schwamm von Kuba bis Florida ohne Schutzmaßnahmen durch eine der gefährlichsten Meerespassagen. Warum dieser Traum ihr Leben dominierte und warum sie nun nicht mehr schwimmt, erzählt sie im Interview

Interview:

Vor dem letzten Versuch gibt Diana Nyad noch ein Interview in Havanna. Es liegen 177 Kilometer vor ihr (Foto von: Karen Christensen)
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Vor dem letzten Versuch gibt Diana Nyad noch ein Interview in Havanna. Es liegen 177 Kilometer vor ihr

Von Kindesbeinen an verfolgte die Amerikanerin Diana Nyad einen Traum. Sie wollte die Floridastraße schwimmen - von Kuba nach Florida. Die Strecke von 177 Kilometern gehört zu den gefährlichsten Meeresengen der Welt. Hier leben Haie und giftige Quallen, es lauern Strömungen und unberechenbare Winde. Bei Langstreckenschwimmern, wie Nyad, ist sie deswegen auch als der Mount Everest der Ozeane bekannt. Doch Nyad hatte sich schon früh in den Kopf gesetzt, diese Passage zu schwimmen und das ohne Schutzmaßnahmen wie einem Haikäfig. Vier Mal scheiterte sie, beim fünften Versuch war sie 64 Jahre alt und schwamm in 53 Stunden von Havanna nach Key West - Rekord! Entstanden ist die Dokumentation "The other shore", die erahnen lässt, wie sehr dieser Traum Nyads Leben bestimmte und warum. Der Film ist in diesem Jahr Teil der "International Ocean Film Tour". Im Interview spricht Diana Nyad mit uns über Gedanken unter Wasser und die unerschütterliche Kraft von Träumen.


Wann ist Ihnen zum ersten Mal die Idee gekommen, von Kuba nach Florida zu schwimmen?
Diana Nyad: Ich wuchs in der Nähe von Fort Lauderdale auf. Als die kubanische Revolution ausbrach, war ich neun Jahre alt. Innerhalb von 24 Stunden immigrierten tausende Kubaner in meine Heimatstadt. Das Land selbst umgab plötzliche eine Mystik, es wurde für uns zu einem verbotenen Land. Die meisten meiner Freunde waren Kubaner. Ich mochte ihre Lebensfreude, ihre Küche und Tänze. Sie wurden zu einem bedeutenden Teil in meinem Leben. Zudem hatte ich mit sechs meine Liebe zum Schwimmen entdeckt und war bis zu fünf Stunden am Tag im Wasser. Eines Tages stand ich mit meiner Mutter am Strand und fragte sie: "Mama, wo ist Kuba?" Sie nahm meinen Arm und zeigte in eine Richtung und sagte: "Es ist gleich dort hinter dem Horizont. Kuba ist so nah und du bist so eine gute Schwimmerin, du könntest dort eines Tages einfach hinschwimmen." Dieser Satz ließ mich nicht mehr los. Als ich bereits erfolgreiche Athletin war und Rekorde rund um die Welt im Langstreckenschwimmen aufstellte, hatte ich immer meine Mutter im Ohr. Irgendwann war ihr Satz so lebendig, dass ich wusste, ich muss es versuchen.



Warum genau diese Meerespassage?
Diana Nyad: Ich wollte die längste Strecke schwimmen, die jemals ein Mensch geschwommen ist, und suchte auf der Weltkarte nach einer geeigneten Strecke. Als ich Kuba sah, setze mein Herz kurz aus und ich wusste, es gibt nur diese eine Passage für mich. Der Satz meiner Mutter und meine Neugierde dieses für Amerikaner verbotene Land mit eigenen Augen zu sehen, waren sicherlich ausschlaggebend. Es gab bereits Menschen, die es versucht hatten, bevor ich überhaupt auf die Idee gekommen war. Sie nannten es den Mount Everest der Ozeane, denn es gibt keine schwierigere Passage auf dieser Welt. Sie hat alles, Wind, Strömungen, giftige Quallen und Haie.

Warum hat diese Idee eine solche Kraft auf Sie ausgeübt, dass Sie es fünf Mal versucht haben?
Diana Nyad: Sie hatte für mich einen politischen Stellenwert, einen persönlichen und sogar einen sportlichen. Denn diese Passage ist einfach die Königsdisziplin. Für mich war es von Anfang an mehr, als ein Rekordversuch oder Sportevent, für mich war es der Versuch das Leben mit jeder Pore meines Körpers zu spüren.


Fast 53 Stunden war Diana Nyad auf der Floridastraße schwimmend unterwegs. Fünf Boote haben sie begleitet, aber im Wasser war sie auf sich allein gestellt (Foto von: Christi Barli)
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Fast 53 Stunden war Diana Nyad auf der Floridastraße schwimmend unterwegs. Fünf Boote haben sie begleitet, aber im Wasser war sie auf sich allein gestellt

Welche Bedenken hatten Sie persönlich, als Sie im Wasser waren?
Diana Nyad: Als ich einmal im Wasser war, hatte ich keine Angst mehr. Das wäre auch falsch gewesen, denn es hätte mich blockiert. Und was hätte ich allein auch machen sollen, wenn plötzlich ein Hai in meiner Nähe gewesen wäre? Dafür hatte ich mein Team. Insgesamt begleiteten mich fünf Boote mit 44 Personen. Es gab Hai-Taucher, Menschen die nach Quallen suchten, Ärzte und Freunde, wie Bonnie Stoll, die mich in- und auswendig kennen und wissen, wann ich was brauche. Mal ein motivierendes Wort, mal ein Schluck Cola. Während ich schwimme, bin ich in meiner eigenen Welt, singe mir im Kopf selbst Lieder vor oder begebe mich auf Weltreise, während der Körper wie automatisiert schwimmt.

Welche Bilder haben Sie im Kopf, wenn Sie an Ihren letzten Versuch denken?
Diana Nyad: Ich erinnere mich vor allem an die Ehrfurcht, die ich empfunden habe, vor unserer wunderschönen Welt und den Ozeanen, die immerhin einen Großteil davon ausmachen. Natürlich gibt es Momente, in denen der Körper nicht mehr kann und man ins Zweifeln kommt. Aber ähnlich wie Bergsteiger, die unbedingt den Mount Everest bezwingen wollen, schaffe ich es mir in solchen Momenten immer wieder Motivation aus dem simplen Fakt zu ziehen, dass ich die andere Seite erreichen möchte. Es gibt keine andere Möglichkeit. Und wenn ich dann einen bestimmten Punkt erreicht habe, dann fühlt sich das schwimmen leicht an, wie cruisen.


Wussten Sie zu einem bestimmten Zeitpunkt, dass Sie es dieses Mal schaffen würden?
Diana Nyad: In der zweiten Nacht hatte ich wirklich Probleme. Mir war kalt, ich musste mich von dem Salzwasser oft übergeben und verlor nach und nach meine Kräfte. Meine beste Freundin Bonnie rief mich zu sich ans Boot und bettelte mich förmlich an, etwas zu mir zu nehmen. Doch ich wollte einfach nicht, weil mir so schlecht war. Es gab Momente, in denen ich nicht schwamm und da fällte Bonnie eine Entscheidung. Obwohl wir noch fast 15 Schwimmstunden von der Küste entfernt waren, konnten sie im Boot schon die Lichter sehen. Und die einzige Chance, die sie sah, mich noch einmal motivieren zu können, war mir das mitzuteilen. Sie rief mich also zu sich, zog mich ein Stück hoch und sagte: "Was siehst Du?" Ich dachte die Sonne würde am Horizont aufgehen und freute mich, dass ich dann zumindest nicht mehr frieren würde. Und sie sagte unter Tränen, was nicht oft vorkommt: "Das ist besser als die Sonne, das sind die Lichter von Key West." Natürlich war der Versuch noch lange nicht vorbei und es hätte alles passieren können – von einem Haibiss bis zu einem Wirbelsturm, aber zu wissen, dass die Küste bereits in Sichtweite war, gab mir einen großen Schub. Vielleicht war das der Punkt, an dem ich es ahnte.

Welche Bedeutung hat das Meer für Sie persönlich?
Diana Nyad: Es hatte schon immer eine wichtige Bedeutung in meine Leben. Ich bin schließlich direkt an der Küste groß geworden und der Ozean war mein Spielplatz. Die Wüste, Wälder, große Städte wie New York oder Paris, in denen ich viele Jahre meines Lebens verbrachte habe, sind nicht minder interessant oder schön. Aber das Gefühl, wenn ich am Meer stehe oder mich in ihm bewege, das hat keiner dieser anderen Orte bisher erreicht. Jeder Sportler hat einen Platz, an dem er sich instinktiv zu Hause fühlt. Dieser Ort wird auch Jahre später immer wieder die gleichen Gefühle auslösen können und das schafft bei mir das Meer, egal wo auf der Welt ich es sehe.



Können Sie mir Ihre Gefühle beschreiben, als Sie endlich die andere Küstenseite erreicht hatten?
Diana Nyad: Ich spürte eine überwältigende Befreiung, aber ich habe keine einzige Erinnerung daran. Das Erste, was kam als ich aus dem Wasser stieg, so zeigen es die Kameraaufnahmen, war: Gib niemals auf!‘ Das rührte einige Anwesende zu Tränen. Ich glaube, das lag weniger daran, dass sie sich so sehr für mich freuten. Sie weinten, weil sie diese Aussage auf ihr eigenes Leben übertragen konnten. Jeder von uns hat einen Traum, sei es endlich das Buch zu schreiben, an das Sie immer wieder denken oder nach der aus den Augen verlorenen Tante zu suchen. Und da kommt eine, die beweist, dass es möglich ist. Über 35 Jahre habe ich nicht aufgegeben und habe es an die andere Küstenseite geschafft und ihnen somit Mut gemacht, dass auch sie ihren Traum erreichen können, wenn sie nicht aufgeben. Ich war so stolz auf mich und mein Team, dass wir immer daran geglaubt haben, eines Tages auf der anderen Seite anzukommen. Mit Disziplin und der unverwüstlichen Überzeugung daran, dass wir es schaffen werden, hat es dann geklappt.

Sind Sie, nachdem Sie sich Ihren Lebenstraum erfüllt hatten, in ein großes Loch gefallen? Oder war es eher eine Erleichterung?
Diana Nyad: Es gab natürlich Momente der Leere und ich vermisse dieses Extreme des Schwimmens. Ich werde keine andere Strecke finden, die mich dazu bringen wird, eine solche Passion und Leistung abzurufen. Es gibt für mich nichts mehr zu schwimmen, dieser Lebensabschnitt ist für mich beendet. Aber er hat mir Türen geöffnet, die ich vorher nicht für möglich gehalten hätte. Menschen finden meine Reden inspirierend - und ich halte teilweise vier bis sechs Reden die Woche. Das ist toll. Ich hatte die Möglichkeit ein Buch über dieses Schwimm-Vorhaben zu schreiben. Find a way ist gerade auf Englisch erschienen. Aber ich habe auch eine nächste sportliche Vision, die ich mit meiner Freundin Bonnie umsetzen möchte. Wir werden den Amerikanern beibringen zu laufen. Unsere Gesellschaft ist so verfettet, weil Viele die kürzesten Wege mit dem Auto zurücklegen. Mit dem Projekt Everwalk wollen wir auf langen Strecken, die wir zurücklegen, Menschen dazu inspirieren, sich mehr zu bewegen und sei es ein täglicher Spaziergang um den Block. Wir fangen in Amerika damit an und planen dann den Rest der Welt mit einem ähnlichen Ansatz zu besuchen.


Die Meerespassage hatte für Nyad mehr Reiz als nur ein Rekordversuch. Sie hatte einen politischen, persönlichen und sportlichen Stellenwert (Foto von: Karen Christensen)
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Die Meerespassage hatte für Nyad mehr Reiz als nur ein Rekordversuch. Sie hatte einen politischen, persönlichen und sportlichen Stellenwert



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