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Bergwandern: Die Entdeckung der Langsamkeit
Fast unbemerkt hat sich das Bergwandern zu einer Trendsportart entwickelt - weil es Entspannung und Ruhe verspricht. Und wohl niemand verkörpert die neue Art des Wanderns besser als Luis Pirpamer
Nicht immer nimmt man in den Bergen den geraden Weg. In Vent, dem hintersten Dorf im Ötztal, saß man vor fast 30 Jahren eines Abends beieinander, und da sagte der Hotelier Luis Pirpamer: "Wenn ich wüsst, dass die Frau nichts dagegen hat, würd ich ja den Bergführer machen." Vent hat 158 Einwohner, die Dorfgemeinschaft gilt als intakt, deshalb erfuhr Frau Pirpamer über Dritte rasch von diesem Wunsch. Und gab ihrem Mann bereitwillig den Segen. Mittlerweile ist der staatlich geprüfte Bergführer Luis Pirpamer 69 Jahre alt, und noch immer führt er Gäste auf die Gipfel der Alpen. An diesem Tag geleitet er ein Dutzend Frauen und Männer auf das "Wilde Mannle", einen 3020 Meter hohen Berg in den Ötztaler Alpen. Pirpamers dünne Beine bewegen sich so gleichmäßig wie die Kolben einer Maschine, mit kleinen und sicheren Schritten steigt er stetig bergan.
Jede Geste ist Kraftverschwendung
"Die Leut tun am Anfang viel zu schnell gehen", sagt er auf Tirolerisch, "wenn man aber erst langsam tut, wenn die Kraft weg ist, nutzt das nix mehr." Nach einer Stunde kommen seine Beine erstmals zum Stillstand, und er sagt zu seiner Gruppe: "Trinkt jetzt einen Schluck und esst einen Bissen. Wenn ihr wartet, bis der Hunger kommt, braucht die Verdauung zu viel Energie." Ein kurzer Blick auf den Höhenmesser seiner Armbanduhr: "Wir sind jetzt schon auf 2670 Meter. Da muss man mit den Kräften haushalten." Dieses Prinzip hat Pirpamer bis in die Fingerspitzen verinnerlicht: Die Daumen sind in den Bauchgurt seines Rucksacks eingehakt, die Hände mit der ledrigen Haut ruhen am Körper, jede Geste wäre Kraftverschwendung. Unter dem grünen Filzhut ziehen sich Falten über sein schmales Gesicht, die Lider verdecken viel von den blauen Augen, als ob der Körper in Jahrzehnten selbst einen Schutz gegen die Höhensonne gebildet hätte.
Mit 97 Jahren jeden Tag eine Wanderung
In Bergsteigerkreisen ist Pirpamer so bekannt wie das Matterhorn bei Flachlandtirolern. In den 1990er Jahren war er Präsident des Weltverbandes der Bergführer, und im Herbst 1991 sorgte er mit seinem Eispickel für Schlagzeilen. Gemeinsam mit einem Freund grub er einen Toten aus, den Wanderer am Berg entdeckt hatten. Zufällig kam Reinhold Messner des Wegs und schätzte das Alter der Gletscherleiche auf 500 Jahre. "Da hab ich zu ihm gesagt: Du wärst nicht der Messner, wenn du nicht aufschneiden würdest", erinnert sich Pirpamer. Spätere Untersuchungen mit der Radiokarbonmethode ergaben dann, dass die Feuchtmumie, vulgo "Ötzi", seit rund 5300 Jahren tiefgekühlt im Eis lag. Die Höhenluft konserviert anscheinend auch die Bergführer. Pirpamer erzählt von Anderl Heckmair, dem legendären Erstbezwinger der Eigernordwand. Der machte noch mit 97 Jahren jeden Tag eine Wanderung im Allgäu, bei schlechtem Wetter zumindest einen Spaziergang. Bei den Bergsteigertreffen nahm er nach dem Abendessen zwei Schnäpse und rauchte einen Stumpen; der zähe Mann wurde 98. "Und mein Vorbild ist der Ulrich Inderbinen", schwärmt Pirpamer. Der führte noch mit 95 Jahren Gäste auf die Gipfel im Wallis; zum 100. Geburtstag setzte man ihm in Zermatt ein Denkmal, erst mit 103 Jahren verstarb Inderbinen.
Leben Bergwanderer länger als andere Menschen?
Wer nicht abstürzt oder unter eine Lawine gerät, hat tatsächlich gute Chancen, gesund alt zu werden. "Wer regelmäßig wandert, profitiert von den Segnungen des Ausdauersports: Er bekommt eine gute Grundkonstitution und beugt Osteoporose vor", urteilt Karl Schrag, Ausbildungsleiter im Deutschen Alpenverein (DAV). Die Forschungsgruppe Wandern an der Universität Marburg listet weitere Pluspunkte auf: Wandern stärkt das Immunsystem, reguliert den Fettstoffwechsel und kräftigt den Kreislauf; ein psychisches Wohlgefühl stellt sich ein, gleichzeitig werden Blutdruck, Puls und Stresshormone heruntergefahren. Doch nicht nur Gesunde profitieren: Die Höhenmediziner Egon Humpeler und Wolfgang Schobersberger von der Tiroler Landesuniversität UMIT in Hall haben untersucht, wie sich Wandern auf Patienten mit metabolischem Syndrom auswirkt, also bei Übergewichtigen, die zudem unter Diabetes, Bluthochdruck oder Fettstoffwechselstörungen leiden. Nach nur drei Wochen Wanderurlaub verbesserten sich entscheidende Merkmale: Körperfett, Gewicht und Hüftumfang nahmen ab, Cholesterinwerte und Blutdruck sanken. Die Probanden waren in zwei Gruppen aufgeteilt: Eine wanderte in einer Höhe um 200 Meter, die andere auf 1700 Meter. Der Stoffwechsel verbesserte sich bei beiden Gruppen, die Bergwanderer wiesen jedoch zusätzlich eine höhere Qualität der roten Blutkörperchen auf, die das Gewebe vermehrt mit Sauerstoff versorgten.
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