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Wie lebt es sich als Sekretär der Heiligen in Vietnam?
Dinh Cong Sung, 65, übermittelt Botschaften ins Jenseits. Und zwar, indem er die Wünsche seiner Kunden auf Zettelchen schreibt und in Rauch aufgehen lässt
Wie sind Sie zum Sekretär der Heiligen geworden?
Man kann das nicht einfach "werden", man wird dazu geboren.
Es ist Schicksal. Durch eine Eingebung habe ich eines Tages
von meiner Mission erfahren. Das war vor 16 Jahren. Seither
leite ich Wünsche an Geister, Heilige und Gottheiten weiter.
Was wünschen sich Ihre Kunden gewöhnlich?
Meist Glück, Erfolg, Gesundheit, Geld oder Schutz vor Unfällen.
Für solche einfachen Gesuche habe ich vorgefertigte Zettelchen,
auf denen ich nur noch den Namen der betreffenden
Person mit Geburtsdatum und Adresse einzutragen habe.
Wieso wenden sich Menschen überhaupt an Sie?
Sie könnten ihr Anliegen doch ebenso gut im persönlichen Gebet vorbringen?
Weil man nicht einfach beten kann: "Ich wäre gern dünner."
Bevor man einen Wunsch vorträgt, muss man nämlich unbedingt
wissen, welche Gottheit zuständig ist und wie ihr korrekter
Name lautet. Natürlich ohne sich in der Himmelshierarchie
zu vergreifen! Deshalb ist es besser, sich an einen Profi
zu wenden. Meine Kunden können ganz sicher sein, dass sie
nicht versehentlich einen Geist beleidigen. Außerdem ist ein
Besuch bei mir schneller und diskreter als ein Gebet in Phu
Tay Ho. Dieser Tempel ist ja nicht sehr groß. An Feiertagen
müssen die Gläubigen oft lange Schlange stehen, bevor sie
zum Beten vor den Altar treten dürfen.
Sie behaupten, Ihre Zettelchen seien landesweit gültig. Aber ist
es nicht so, dass an unterschiedlichen Orten in Vietnam ganz
unterschiedlichen Geistern gehuldigt wird?
Wir reden hier von einer Welt, die sich dem menschlichen
Verständnis entzieht. Die Dinge des Himmels lassen sich von
Irdischen höchstens erahnen.
Außer Ihnen arbeiten hier Dutzende weiterer Heiligensekretäre:
mit chinesischen Schriftzeichen, die Vietnamesen nicht entziffern
können. Ist es denkbar, dass einige Scharlatane darunter
sind, die einfach nur Firlefanz aufs Zettelchen malen?
Unmöglich! Mit Religion scherzt man nicht. Wäre meine
Feder nicht heilig, könnte ich diesen Beruf nicht ausüben.
Außerdem
besteht durchaus die Möglichkeit, nachzuprüfen,
ob das, was ich schreibe, auch wirklich richtig ist. Der Kunde
braucht mich nur aufzufordern, den Text laut vorzulesen! Das
sollte er ohnehin tun: um zu sehen, ob ich Namen und Vornamen
richtig transkribiert habe. Sonst geht sein Wunsch möglicherweise
bei einer ganz anderen Person in Erfüllung!
Für 3000 Dong, rund 15 Cent, übermitteln Sie eine Botschaft,
und außer an Feiertagen kommen nicht viele Kunden. Können
Sie von Ihrem Beruf leben?
Ich verdiene genug. Manche Leute zahlen freiwillig das Doppelte:
6000 Dong für eine Botschaft. Ich habe auch Stammkunden,
ja sogar Abonnenten. Da ist zum Beispiel ein Reicher,
der acht Autos besitzt. Jeden Monat lässt er mich die acht
Nummernschilder auf acht Zettelchen kopieren, als Zusatzversicherung.
Natürlich bin ich nicht so vermögend wie er.
Aber in den 16 Jahren, in denen ich diesen Beruf ausübe,
habe ich mir ein kleines Haus bauen, ein Moped kaufen und
genug Geld für meine Beerdigung auf die Seite legen können.
Wissen Sie, ob jemals einer der von Ihnen weitergeleiteten
Wünsche in Erfüllung gegangen ist?
Eines Tages kamen ein Mann und eine Frau zu mir. Der Mann
bot mir eine Zigarette an und sagte: "Neulich haben Sie einen
Zettel verbrannt, darauf stand mein Wunsch, eine Frau fürs
Leben zu finden. Darf ich Ihnen meine Gemahlin vorstellen?"
Das Interview führte Dao Thanh Huyen.

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