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St. Helena - 07. Januar
Jede Wanderung über die abgelegene Insel St. Helena ist auch eine Wanderung durch die Geschichte der zahlreichen Völker und Kulturen, die Einfluss auf das kleine Eiland nahmen. GEO.de-Reporter Raphael Weber begibt sich auf die Spuren Napoléons
So winzig St. Helena auf dem Globus ist, so winzig sind in der restlichen Welt auch die Kenntnisse über die abgelegene Atlantik- Insel. Wir fanden vor unserer Abreise nur wenige Personen, denen dieser Inselname vertraut war. Und all diesen Leuten war immer dieselbe Tatsache geläufig: dass Napoléon Bonaparte auf St. Helena unfreiwillig seine letzten sechs Lebensjahre verbracht hatte. Napoléon selber konnte sich mit der Insel nie anfreunden. "Dies ist kein hübscher Ort. Ich wäre besser in Ägypten geblieben, dann wäre ich jetzt Herrscher über den ganzen Orient." Das sollen die ersten Worte des einstigen Kaisers gewesen sein, als er im Jahr 1815 vom Schiff aus die massiven Klippen St. Helenas erblickte.
Einigermassen glücklich fühlte sich Napoléon nur in den ersten beiden Monaten auf der Insel, als er im winzigen Briars Pavillon im warmen und windgeschützen Tal von Jamestown residierte. Danach musste er samt seinen Offizieren und Dienern aber auf die karge Hochebene von Longwood ziehen, wo die ständigen Südostwinde für deutlich kühlere und feuchtere Wetterverhältnisse sorgen. Nachdem Napoléon bereits einmal - von Elba - aus seinem Exil entwichen war, wollten die Briten auf Nummer sicher gehen, und verbannten ihn nicht nur auf eine kaum zugängliche Insel, sondern schickten ihm gleich noch rund 3000 Soldaten nach. Diese bauten einerseits riesige Festungen entlang der felsigen Küste und bewachten andererseits das Longwood House rund um die Uhr. Um wenigstens im Innern des Hauses unbeobachtet zu sein, ließ Napoléon die Fenster den ganzen Tag verdunkelt und schnitzte sich mit einem Messer winzige Gucklöcher durch die Fensterläden.
Bonapartisten sprechen kein Englisch
Noch heute sind die Läden bei Führungen im Longwood House geschlossen, um einen möglichst authentischen Eindruck von Napoléons Alltag zu vermitteln. Dennoch präsentiert sich Napoléons Residenz ungleich anders als in den Anfängen des 19. Jahrhunderts: Damals waren die Holzböden und -wände von Schimmel überzogen, und Hunderte von Ratten rannten von einem morschen Schlupfloch zum anderen. Mittlerweile sind das Longwood House und der Briars Pavillon wieder Vorzeigeresidenzen. Die französische Regierung hat beide Liegenschaften erworben und mit viel Geld saniert. Diese gelten nun als französisches Territorium, zu dem nicht einmal die lokale Polizei ein Zutrittsrecht hat. Sieben Personen sind für den Unterhalt der Residenzen angestellt - zu deutlich besseren Bedingungen als Angestellte der lokalen Inselverwaltung. Ihr Chef ist ein französischer Konsul, der sich die wohl grösste Privatresidenz auf der Insel hat errichten lassen. Frankreich vermittelt auch auf diesem so entlegenen Flecken der Erde gerne den Eindruck der "Grande Nation". Im prächtigen Garten des Longwood House sind alle Blumen in den Farben der "Tricolore" gehalten: rot, weiss, blau. Im Schnitt schauen sich gerade mal 25 Franzosen im Jahr diesen Prunk an - darunter einige hart gesottene Bonapartisten, die sich während der Schifffahrt und auf der Insel weigern, nur ein Wort Englisch zu reden, wie uns mehrere Insulaner und Crewmitglieder der RMS St. Helena kopfschüttelnd erzählten.
So sehr St. Helena im Rest der Welt mit Napoleon in Verbindung gebracht wird - im Alltagsleben hat der "little Frenchman", wie ihn die Insulaner nennen, wenig Spuren hinterlassen. Oder zumindest nicht mehr als all die anderen ethnischen Gruppen, die St. Helena seit der Besiedlung im Jahr 1659 auch einmal eine längere Visite abgestattet haben. Nebst den britischen Siedlern und Soldaten sind dies vor allem afrikanische Sklaven, die unter dem Regime der weissen Herrscher litten, später aber auch Sklaven, die nach der Aufhebung der Sklaverei auf halbem Weg nach Amerika befreit worden sind.
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