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Mallorca: Rennradkurs mit Profi
Auf Mallorca bietet der ehemalige Radprofi Marcel Wüst Rennradkurse an. Auch für blutige Anfänger? Ja, hieß es. Autor Marc Hasse hat es ausprobiert
Cala Murada: Nichts für Bade-Touristen, aber ideal für Radler
Bevor die Wahrheit auf den Tisch kommt, essen wir Nutellabrote und Bananen. In Wüsts Küche blubbert die Kaffeemaschine, aus dem Radio tönt "Roxanne" von
Police. Der Mann mit dem graumelierten Schopf kneift
jedem von uns in die Hüfte, ermittelt mit den Fingern die überflüssigen Pfunde, sagt mal "drei Kilo", wobei er anerkennend die Lippen schürzt, mal "fünf Kilo". Dann
bleibt er bei mir stehen, zwickt mich und sagt: "Sieben
Kilo". Er könnte jetzt streng gucken. Doch Marcel Wüst reicht mir einen Milchkaffee und schenkt mir ein mildes Lächeln: "Wir sind ja im Urlaub." So beginnt meine Woche in der "Casa Ciclista", dem Haus der Radfahrer, wie der Kölner Radprofi seine Finca auf Mallorca genannt hat. Sie steht zwischen Pinien und Palmen am Hang von Cala Murada, einem Nest an der
Ostküste der Insel. Hier gibt es zwei Mittelklasse-Hotels, einige Restaurants, einen Beton-Tennisplatz und einen Sandstreifen, kaum 100 Meter breit, den manche Strand
nennen. Kein Ort für Bade-Touristen – aber ideal für Radler: Kurvenreiche Straßen durchziehen das Hinterland, führen über bewaldete Hügel, vorbei an Zitronenhainen und Mandelplantagen. Mal schweift der Blick über das tintenblaue Mittelmeer, mal bleibt er hängen an den
zerklüfteten Bergen der bis zu 1445 Meter hohen Serra de Tramuntana. In Mallorcas abwechslungsreicher Insellandschaft findet jeder sein Revier – vom entspannt
dahingleitenden Genussradler bis zum Hobbyfahrer in
Profimontur, der sich mit Freude abstrampelt.
Seit mehr als zehn Jahren gilt Mallorca als Top-Ziel für Radsportler. Wenn im milden Insel-Februar die Mandelbäume mit ihren weißen Blüten prassen, bereiten sich
dort mehrere Profi-Teams auf die Saison vor. Im April und Mai folgen tausende von Hobby-Rennradlern, die in bunten Schwärmen über die schmalen Straßen schwirren.
Eine Vielzahl von Veranstaltern hat sich auf die Radsportler spezialisiert, auch große Anbieter spielen mit. Ex-Profi Wüst hat in Eigenregie eine ockerfarbene Finca mit Dachterrasse umgebaut. Bis zu zehn Gäste können hier wohnen (auf Wunsch mit All-inclusive-Verpflegung)
und vor allem trainieren. Doch jetzt stehen die Räder im Schuppen. Dunkelgraue Regenwolken hängen über der Insel.
Mit der geringsten Anstrengung die größte Kraft auf die Pedale bringen
"Wir warten auf die Sonne", verkündet Wüst. Früher wäre ihm das Wetter egal gewesen, er hätte sich auch bei Schnee in den Sattel gesetzt. Schon als 14-Jähriger – seine Freunde gingen in die Tanzschule – trainierte Wüst bis zur Erschöpfung. Er träumte davon, die Tour de France zu gewinnen. Früh begann er mit dem Radsport, sprintete von Sieg zu Sieg, wurde zu einem der
erfolgreichsten deutschen Rennradprofis.
Wahrscheinlich war er auf dem Höhepunkt seines Könnens, als seine Karriere jäh endete: Im Massensprint eines Rennens stieß Wüst mit einem anderen Fahrer zusammen und zog sich beim Sturz schwere Kopfverletzungen zu. Er erblindete auf dem rechten Auge und
brauchte Monate, bis er sich wieder bewegen konnte. Verschiedene Profiteams heuerten Wüst in der Folge als Pressesprecher an. Schließlich berichtete er als Experte
im Fernsehen über die Tour de France. Mit der "Casa Ciclista" startet Marcel Wüst eine dritte
Karriere unter neuen Vorzeichen. Für seine Gäste will er kein Drill Instructor sein: "Ich wende mich nicht an tunnelblickende, kilometerfressende, kalorienzählende
Monster. Mit mir hast du vor allem Spaß." Dann fügt er hinzu: "Spaß produziert Leistung." Er scheint viel Spaß zu haben. Der 42-jährige Sportler nimmt an Triathlon-Wettbewerben teil, er ist noch immer durchtrainiert, und man kann nur ahnen, was er wohl zu leisten im Stande war, wenn er in seiner flapsigen Art sagt: "Ich bin eine Wurst, ich kann höchstens noch 20 Prozent von dem, was ich mal konnte."
Die ersten Sonnenstrahlen brechen durch die Wolken, wir justieren die Räder, stellen Sattel und Lenker ein. Wüst doziert mit dem Zollstock in der Hand: "Es kommt darauf an, mit der geringsten Anstrengung die größte Kraft auf das Pedal zu bringen." Und das ist eine Einstellungsfrage, so machen schon zwei Zentimeter zu viel in der Entfernung zwischen Sattelspitze und Vorbau den Unterschied zwischen Kraft und Schwäche. Wer seine
Einstellungen kennt, kann jedes Leihrad optimal fahren.
Ich sitze auf einem sieben Kilo leichten, 6000 Euro teuren Carbonrad, das wie von selbst fährt. Bis bei Kilometer 12 die erste Steigung kommt. Wüst beobachtet, wie ich den Oberkörper einsetze, um Kraft auf die Pedale zu bringen. Wie ich aus dem Sattel gehe – und mich wieder
hinsetze. "Du fährst einen zu hohen Gang", sagt er, "schalte vorne auf das kleinere Kettenblatt." Und: "Viele Fahrer geben sofort 100 Prozent, das rächt sich. Teile dir deine Kraft ein!"

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Erst Rennrad-Rausch, dann feistes Abendessen
Kilometer 20: Vor uns liegt eine Senke. Die Straße führt erst 150 Meter bergab und dann etwa 100 Meter steil bergauf. Ich rase begeistert hinunter, der Wind rauscht in
meinen Ohren – und bleibe auf der Hälfte des Anstiegs fast liegen, weil ich nicht rechtzeitig geschaltet habe.
Kilometer 35: In einer scharf gezogenen Rechtskurve trägt es mich beinahe auf die Gegenfahrbahn. Marcel Wüst demonstriert die richtige Technik: Kurve von außen
nach innen anfahren, hochschalten, abbremsen und sofort wieder beschleunigen. Wir sind so konzentriert auf die Koordination von Rad, Körper und Straße, dass die
Landschaft einfach an uns vorbeirauscht.
Kilometer 49: Starker Gegenwind. Wir üben das Fahren in Formation, wechseln uns in der Führung ab, um den Windschatten auszunutzen. Dabei fahren wir so dicht
hintereinander, dass nur eine Handbreit zwischen Hinterund Vorderrädern liegt. Der Tacho zeigt jetzt 46 km/h. Ich konzentriere mich. Gleichzeitig steigt Euphorie in mir auf, weil wir uns antreiben, schneller werden.
Kilometer 57, ein fantastisches Gefühl: Meine Oberschenkel krampfen, die Lunge brennt, das Trikot klebt auf der Haut. Neben mir, in einem blau-schwarzen Profi-Dress, fährt tief über seinen Lenker gebeugt Marcel Wüst. Er sieht aus wie ein Topstar – und der bloße Anblick hat eine erstaunliche Wirkung: Meine schmerzenden Beine sind mir egal, ich bin im Rennrad-Rausch. Was dieses Trainingslager von anderen unterscheidet? Nach 65 Kilometern ist das ganz klar: der Wüst-Faktor. Zurück in der "Casa Ciclista", freue ich mich auf die Dusche.
Lange bin ich nicht mehr so entspannt und gut gelaunt gewesen. Aus der Küche weht der Duft von gedünsteten Zwiebeln und Tomaten ins Esszimmer. Marcel Wüst serviert Spaghetti all’ arrabbiata und dazu einen vorzüglichen Wein, außerdem Tortillachips mit Guacamole, Schinken, Oliven und eingelegte rote Paprika. Ich kneife in meine Hüfte. Von meinen sieben überflüssigen Kilos habe ich vielleicht eins verloren. Jetzt das Abendessen. Aber: Ich bin ja im Urlaub.
Info: Radsportseminare von Marcel Wüst
Die Radsportseminare von Marcel Wüst finden ab vier Personen statt. Die Inhalte (Fahrtechnik, Leistungsdiagnostik, Vorträge etc.) und die Intensität der Trainingseinheiten richten sich nach den Wünschen der Teilnehmer – vom Anfänger-Workshop bis zur Rennvorbereitung für ambitionierte Fahrer soll alles möglich sein. Eine Woche mit Übernachtung im DZ in Marcel Wüsts Haus "Casa Ciclista" in Cala Murada inklusive Vollverpflegung, zwei bis sechs Stunden Training pro Tag und Leihrad ab 1000 € p. Pers. (exklusive Anreise); andere Arrangements auf Anfrage. Buchung direkt bei Marcel Wüst: Tel. 0178-777 78 80, www.marcelwuest.com
Info: Mit Stars in die Gänge kommen
Einige Reiseveranstalter (z. B. Aldiana, Robinson) bieten ganzjährig und europaweit "Events" mit Stars aus dem Radsport oder anderen Profisportlern an. Beispiel:
6-Tage-Rennradkurs auf Mallorca mit Olympiasieger Mario Kummer, Zeitfahrweltmeisterin
Hanka Kupfernagel und Tour-de-France-Etappensieger Marcus Burghardt; tägliches Renntraining
in Leistungsgruppen, Bergzeitfahren, radspezifisches Kraft- und Konditionstraining, Verpflegungsfahrzeug. Veranstalter: Robinson-Club Cala Serena, 17. bis 24.
Oktober 2009; 210 € p. Pers. (zzgl. des Preises für den Clubaufenthalt); Buchung:
Tel. 01803-76 24 67 (spezielle Gebühren), www.robinson.com/events
Sie fühlen sich auf einem Mountainbike wohler? Auf Zypern können Sie mit der
Olympiasiegerin und Weltmeisterin Sabine Spitz trainieren. Zum Kurs gehören ein
Techniktraining mit Videoanalyse, Fitness- und Ernährungstipps sowie mehrere Touren
durch das Hinterland. Veranstalter: Aldiana Zypern, 28. bis 31. Oktober 2009, 149 € p. Pers. (inkl. Leihrad und Verpflegung, zzgl. des Preises für den Clubaufenthalt); Buchung: Tel. 01803-90 10 48 (spezielle Gebühren), www.aldiana.de/events.html
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Kommentare zu "Mallorca: Rennradkurs mit Profi "
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