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Deutschland: Fünf-Flüsse-Radweg in der Oberpfalz
Mit dem Fahrrad durch Deutschland. Unsere Autoren haben sich abgestrampelt und grandiose Landschaften vor der Haustür gefunden. Weitere Begleiter: Biergärten, Naturspektakel und Weltkulturerbe
"Eigentlich müssen wir nicht weiterfahren", sage ich. Sabine sieht mich über ihren Bierkrug hinweg an: "Wie meinst du das?" Vor ungefähr einer Stunde sind wir am Markt von
Amberg gestartet, sind durch schmale Gassen gefahren, deren Namen die Geschichte dieser Stadt erzählen, die ihre Stattlichkeit dem Eisenerz und dem Handel über die Vils verdankt: Proviantamtsgässchen, Schiffgasse, Salzgasse, Paulanergasse. Wir haben uns auf den Maria-Hilf-Berg hinaufgekämpft und vor dem Franziskanerkloster, das wegen des Priestermangels von polnischen Brüdern geleitet wird, über die Stadt geschaut. Dann sind wir zum Volksfest gefahren. An den Fressständen grillen wohlgenährte Männer mit roten Gesichtern Würstchen
über Kiefernzapfenglut und laden uns lachend eine gehörige Portion auf den Teller, dazu einen Schlag Sauerkraut. In den Brauereizelten wuchten Frauen mit üppigen Dekolletés das Bier
in hohen Steinkrügen an unseren Tisch und sagen mit ernstgemeinter Herzlichkeit: "Wohl bekomm’s!" Und nach kaum einer Stunde weiß ich, ich habe eine weite Reise hinter mir. Dabei bin ich höchstens fünf Kilometer geradelt.
Ein Eindruck, der uns auf dieser Radtour ständig begleiten wird: das Gefühl, mehr zu erleben, als wir uns eigentlich erarbeitet haben, mehr Aussichten, mehr Genüsse, mehr Kultur, mehr
Herzlichkeit. Und so kommt uns die Oberpfalz mit jedem Tag größer und überraschender vor – als würde dieses Stückchen Deutschland auf wundersame Weise über sich hinauswachsen.
Fünf Flüsse, Natur und Weltkultur
Rund 250 Kilometer misst die Strecke, die wir in den nächsten sechs Tagen zurücklegen, von Amberg folgen wir der Vils, bis sie beim Künstlerdorf
Kallmünz in die Naab mündet. Auf dem Naabtalradweg geht es bis zur Donau und an ihrem Ufer entlang nach Regensburg, eine der ältesten Städte Deutschlands, Weltkulturerbe, und doch sehr lebendig und überraschend bunt. Wir werden die Altmühl begleiten – und die noch immer große Wehmut der Menschen nach einem untergegangenen Idyll spüren. Vorbei an Kelheim kommen wir durch das Bierdorf Riedenburg nach Neumarkt. Ab da geht es am König-Ludwig-Kanal entlang, der Ende des 19. Jahrhunderts entstand und inzwischen eine Sehenswürdigkeit ist. Durch die Ausläufer des Oberpfälzer Waldes fahren wir schließlich zurück nach Amberg.
Unsere Radtour wird auch eine Genießerreise. Allerdings geht es nicht um kulinarisches Kunsthandwerk. Wir werden den Geschmack einer Region erleben, werden ihr Wild essen,
ihr Bier trinken, ihre Früchte aus duftenden Kuchen picken und dabei wohlig an Tischen mit rot-weiß karierten Decken sitzen. Und beim Hinausschauen in die Landschaft spüren wir eine
seltsame Vertrautheit, die man früher mit dem Begriff Heimat bedacht hätte und für die wir heute noch keinen Begriff haben.
Die Schönheit des Ostens
"Nach dieser Mittagspause müssten wir eigentlich bis Regensburg durchstrampeln", sagt Sabine.
Wir fahren zwischen Bäumen, die das Ufer der Vils säumen. Manche beugen sich weit über das Wasser, an einigen hängen Seile, und man meint, das fröhliche Geschrei von Kindern zu hören, die sich über den Fluss schwingen, loslassen und hineinplumpsen. Große goldene Flecken malt die Sonne in das schimmernde Grün, Libellen surren neben uns über das Schilf, und bei Vilshofen begegnen wir einer Familie im Kanu. Zu dritt sitzen sie in ihrem Boot. Ob sie es noch weit haben, wollen wir wissen, während wir neben ihnen fahren. "Nein, wir wohnen da vorn, in der umgebauten Mühle." Plitschplatsch machen die Paddel.
Früher war das hier Zonenrandgebiet, die Nähe zur Tschechoslowakei sorgte für Isolation. Damals war die Oberpfalz ein Landstrich ohne Perspektive, ein Verlierer der Teilung Deutschlands. Heute macht gerade das seine Schönheit aus: naturbelassen zu sein. Hier musste nicht renaturiert werden, kein Plan war nötig, um aus Forsten wieder Urwälder zu machen, keine EUProjekte, um Flüsse in ihre alten Betten zurückzuleiten. Und dieser Auenlandschaft scheint eine Magie innezuwohnen; viele Menschen, die sie verlassen haben, kehren zurück. Auch Sabine war aus Amberg fortgezogen und wohnt heute wieder da. Ich habe
sie auf einer Radreise kennengelernt. Und irgendwann erhielt ich von ihr eine E-Mail, in der sie vom Fünf-Flüsse-Radweg und der Oberpfalz schwärmte.
Wir erreichen Kallmünz. Hoch über dem Ort thront eine Burgruine, und gegen den Fels, auf dem sie errichtet wurde, lehnen sich einige Häuser des Dorfs. Kallmünz ist eine Besonderheit
in Bayern, hat einen SPD-Bürgermeister und ein berühmtes Künstlerpaar, Gabriele Münter und Wassily Kandinsky verliebten sich hier. Noch heute lockt der Ort Künstler aus allen
Teilen des Landes an, es gibt erstaunlich viele Galerien in dem kleinen Ort, Kunst ist allgegenwärtig, Statuen stehen am Straßenrand, und eine liegt am Wehr beim Fluss.



























