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Schweden: Floßfahrt auf dem Klarälven
Einen Haufen Stämme, eine Kiste voller Seile: Mehr braucht es nicht, um ein Floß zu bauen. Auf dem Klarälven, dem längsten Wasserweg Schwedens, hat ein GEO Special-Team die Tour auf dem wackligen Gefährt gewagt
"Du brauchst doch immer einen guten ersten Satz", sagt mein Sohn Jan. "Schreib: Oh Gott, es kommt genau auf uns zu!" Solche Sätze kennt Jan aus Filmen, die er schaut, wenn er mit seinem Bruder allein zu Hause ist. Filme, in denen Menschen von Monsterwellen und Mörderbienen verfolgt werden oder vor Außerirdischen fliehen müssen. Seit unser Floß nahe dem Dorf Osebol abgelegt hat, gut 100 Kilometer nördlich des Väner, ist Jans Satz für unsere fünfköpfige Mannschaft zum geflügelten Wort geworden.
Eigentlich ist Floßfahren eine der beschaulichsten Reisearten überhaupt. Man kommt voran, ohne irgendetwas tun zu müssen. Fahrtrichtung und Tempo bestimmt das Wasser, und das hat es in unserem Fall nicht eilig: Nur mit rund zwei Kilometern pro Stunde trägt uns der Klarälven, der längste Fluss Schwedens, in weit ausladenden Schleifen durch die waldreichen Hügel von Värmland.
Wir sitzen da und gucken ihm dabei zu, Stunde um Stunde. Zählen die Biberburgen am Ufer, verfolgen die Überholmanöver von Entenformationen oder blicken Fischen nach, die für Sekundenbruchteile aus dem dunklen Wasser hochspringen. Nur ab und an wird ein Mannschaftsmitglied vom Tatendrang übermannt. Greift in die Proviantkiste, holt das Kochgeschirr und bereitet Tee zu oder eine Dose Köttbullar - jene Fleischklopse, die den Kindern noch vom letzten Besuch im Ikea-Restaurant vertraut sind.
Und dann passiert es. Immer dann, wenn sich gerade alle um die Kochstelle geschart haben, einen dampfenden Teller in der Hand, voller Vertrauen darauf, dass das Floß auch in der nächsten halben Stunde seinen Weg allein finden wird. Ein Baum taucht auf, dessen Äste wie eine Schranke übers Wasser ragen. Oder eine Sandbank, erkennbar an einem Gänsepaar, das mitten im Wasser zu stehen scheint. Wir sind noch gut 50 Meter entfernt von unserem Hindernis, weit genug, um auszuweichen. Eigentlich. Jan und sein Freund Robin tauchen die vier Meter langen Stakstangen ins Wasser. Aber die Fahrrinne ist zu tief. Fotograf Ralf und mein zweiter Sohn Jakob paddeln nach Kräften, back- und steuerbords. Aber die Strömung ist stärker. Meine Anfeuerungsrufe bewirken nur, dass sich beide noch mehr ins Zeug legen und das Floß sich dreht. Stangen und Paddel in den Händen, balancieren wir von Bug zu Heck, stoßen mit den Köpfen gegen Holzbalken, fluchen, brüllen, ringen die Hände...
Aber das Floß hält unbeirrt Kurs. Noch wenige Sekunden, dann wird es unter unseren Füßen hässlich knirschen, wird ein mächtiger Weidenast mit voller Wucht gegen unser Deckzelt krachen. Noch 30 Meter. Noch zehn. OH GOTT, ES KOMMT GENAU AUF UNS ZU! Dass es ein Abenteuer werden würde, wussten wir vorher. Aber nicht, was für eines. Die Reisebeschreibung las sich wie ein Leitfaden für den perfekten Familienurlaub: Gemeinsam ein Floß bauen undvier Tage den Klarälven hinunterfahren, der so sauber ist, dass man aus ihm sogar Wasser zum Teekochen schöpfen kann.
Tagsüber dahintreiben, abends am Ufer die Zelte aufschlagen
Tagsüber dahintreiben, abends auf einer Wiese am Ufer die Zelte aufschlagen – irgendwo dort, wo sich Elch und Biber gute Nacht sagen. Die Beschreibung verschwieg nicht, dass das Abenteuer anstrengend werden könnte. Von der "gewaltigen Kraft des Wassers" war die Rede, und davon, dass Holz hart ist und tonnenschwer. Es wurde auf die Notwendigkeit verwiesen, regelmäßig kräftige Mahlzeiten einzunehmen, ebenso auf die Nützlichkeit von Regenbekleidung, Mückenschutz und, nicht zuletzt, Arbeitshandschuhen. Wir haben es zur Kenntnis genommen, alles Nötige eingepackt. Aber was wirklich auf uns zukommt, ahnen wir erst, als wir an einem kühlen Augustmorgen am Ufer des Klarälven stehen, etwa 50 Kilometer nördlich unseres Zielortes Gunnerud.
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