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Uckermark: Ganz weit weg aufs Land
Höchst entspannt ist der Lebensrhythmus, hier im Nordosten Brandenburgs. Die Einheimischen bewahren Ruhe, und Zugereiste finden bisweilen im Schäfchenzählen ihre neue Berufung. Eine Reportage zum Lesen und Hören
"Kommakommakomma", schallt der Ruf über den Welsebruch,
und Lollo rast heran. Sie stoppt abrupt und schnuppert
an der schwieligen Hand von Peter Kloss. Der tätschelt ihr den
Kopf. "Lollo ist die Chefin", sagt er, "ich erkenne sie am Gesicht."
Viel mehr ist auch nicht zu sehen von Lollo, der das Fell wie zerfetzter
Filz am Körper hängt. Sie gehört zur Rasse der Skudden -
kniehohe Landschafe, die gut in die Uckermark passen.
"Die fressen alles weg, auch Disteln und Schlehen", sagt
Kloss. Er streicht sich über die Glatze und schlappt in Gummigaloschen mit der
knabbernden Lollo an der Hand hinüber zu den 64 anderen Fellhaufen. "Naja, ich
bin spät dran mit dem Scheren."

Kein Mensch in Sicht
Hetzen lässt er sich nicht, der Neusiedler Kloss. Deshalb ist er hier. Der 61-
jährige Fertigungsingenieur aus Berlin fand Anfang der neunziger Jahre in der
Uckermark erst Arbeit und Stress, später mit seiner Schäferei das Glück. In Karohemd
und löchriger Hose zieht er mit seiner meckernden Herde umher, rund um
Biesenbrow, diesen Flecken aus Feldsteinkirche, Bushaltestelle und einer Handvoll
niedriger Häuschen an der Durchgangsstraße, im größten Landkreis Deutschlands.
Er streift über das "Unland" aus Wildkraut, das Schilf der Niederungen, die samtigen
Wiesenhügel, an Wäldern entlang, um stahlblaue Eiszeitseen herum. Über seinem
Kopf spannt sich der Himmel, Störche ziehen dahin; keine Straße, kein Hochspannungsmast,
kein Mensch in Sicht.
Weit, weit ist dieses Land nördlich von Berlin, 3000 Quadratkilometer groß, mit
nur 140 000 Einwohnern zwischen der Oder und Lychen, wo der Uhrmacher Johann
Kirsten 1902 die Reißzwecke erfand. Es ist einfach da und vermittelt das Gefühl,
so viel Himmel sei sonst nirgends. Schwer zu sagen, wie die Uckermark das
macht. Vielleicht ist hier so viel Himmel, weil so wenig von ihm ablenkt.
Um die Uckermark zu erleben, muss der Reisende sie nehmen, wie sie kommt: langsam. "Man braucht ein Auge für diese Landschaft", sagt Peter Kloss, "und das richtige Tempo." Er erlebt es oft, wenn er Gäste aufnimmt im ehemaligen Stall seines Vierseithofes: "Sie kommen als Nervenbündel an, wollen machen, machen, machen. Wenn sie hören, dass der nächste Supermarkt 17 Kilometer entfernt ist, werden sie still. Nach drei Tagen kommen sie zur Ruhe, sägen Holz, sammeln Schnecken, liegen im Gras." Dann knabbert Amira an ihren Füßen, die Ziege, die in Biesenbrow vom Laster fiel. Sein Pferd hat Kloss von Nachbarn übernommen, weil es an Bronchitis litt. Jetzt kürzt es die Wiese im Hof, sucht Schatten unterm Holunderbusch. "Wir leben einfacher hier", sagt Peter Kloss in seiner gekalkten Küche, über sich den schwarz gepunkteten Fliegenfänger. Wenn die Schicht aus Mist im Schafstall so hoch geworden ist, dass der Schäfer beim Füttern mit dem Kopf an die Decke stößt, weiß er: Der Winter ist vorüber, es wird Frühling. Die Sehnsucht nach Überschaubarkeit, nach Platz treibt Neusiedler wie ihn in die Uckermark. Pensionäre, Freiberufler, Künstler. Nach der Wende zog der Treck gen Westen, nun kommen andere zurück, finden Zuflucht in Dörfern, die kein Wirtschaftswunder verschandeln konnte mit Klinkern und Parkbuchten. Die paar Autos finden Platz auf den Sandstreifen neben den Kopfsteinpflasterstraßen. Vor 100 Jahren zogen Pferde auf denselben Streifen Getreidewagen in die Speicher.
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