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Oderbruch: Stilles Glück am Strom
Im Oderbruch kämpften die Menschen 1997 gegen die Jahrhundertflut, mit letzter Kraft verteidigten sie ihre Deiche. Danach kehrte wieder Ruhe ein. Wer heute das Grenzland zu Polen bereist, sucht vor allem einsame Natur und dörfliche Idylle. Und vielleicht eine untergegangene Stadt: Küstrin, das "deutsche Pompeji"
In Neutornow geht es steil hinauf zur kleinen Kirche. Drunten die Ebene in Dunkelgrün, .ach wie ein Brett. Die Neuenhagener Insel hier im Norden ist neben dem Reitweiner Sporn im Süden die einzige Erhebung mitten in dieser melancholischen Landschaft unter einem endlos weiten Himmel. Es gibt keinen schöneren Blick übers Oderbruch. Vor der Kirche hat Theodor Fontane seinen Vater begraben, den Lebemann, Spieler und Apotheker Louis Henri F. "Und ein andrer Platz, dem ich verbunden bin: Berglehnen, die Oder fließt dran hin..." Späte Wehmut des verlorenen Sohnes. Denn das Verhältnis zum Altvorderen, dessen Wohnhaus in Schiffmühle noch steht, war Zeit seines Lebens kühl.
Fontanes Fluss zu Füßen des Hügels - heute nicht mehr als ein Bach. Es ist die Alte Oder, die sich in einem weiten Bogen durchs Land zieht, an Wriezen und Bad Freienwalde vorbeischlängelt und bei Hohensaaten in den großen Strom mündet, den wir heute kennen. Junges Land, von Menschenhand geschaffen, durchzogen von Gräben und Drainageröhren. Vor der Trockenlegung im 18. Jahrhundert sah das Oderland aus wie der Spreewald: Kahn und Kanäle, Moor und Sumpf, Fischerdörfer wie Altreetz oder Altwustrow als Inseln im Überschwemmungsland. Zweimal im Jahr die große Flut. Hechte ließen sich mit Händen greifen. Tonnenweise füllten sich die Netze mit Aal, Stör, Quappe und Neunauge. Im Busch Trappen und Schnepfen, reiche Beute. Dann das Heldenepos, Fridericus Rex mit seinen Dammbauern. Gerader Durchstich nach Norden, abgeschnitten die Windung. Ein Deich, noch heute sichtbar, blockte die Oder an der Güstebieser Loose. Ausnahmsweise mal ohne Krieg gewann Friedrich der Große zwischen 1747 und 1753 seinen Preußen eine Provinz von 60 mal 10 bis 18 Kilometern.
Die Zeit steht nicht still
Fruchtbarer Boden, aber zu wenige Menschen. Kolonisten mussten angeworben werden und kamen aus Böhmen, Polen, Schwaben, Holstein, Hessen, Schweden, Österreich, Frankreich, der Schweiz und dem Harz. Meist waren es bedrängte Protestanten. Hier winkten zehn bis 90 Morgen Acker, je nach Größe der Familie, dazu Religions- und Steuerfreiheit. Freilich, krittelt Fontane, hätten bei diesem Völkergemisch "Bildung und Gesittung mit dem rasch fortschreitenden Vermögen nicht Schritt gehalten". Nur Viertel- und Halbkultur trotz Dienern in Livree und Pferden in silberbeschlagenem Geschirr. Die Dielen mit Zucker bestreut, um Fliegen von der Tafel fernzuhalten. Von Wriezen nach Altwriezen, auf dem ehemaligen Deich des Königs, fahren heute Autos. Die Alte Oder verschilft. Nur ein Bruchteil der Alleen ist erhalten, Hecken und Auenwälder sind verschwunden wie die kleinteilige Landwirtschaft. Die Zeit lässt sich nicht zurückdrehen. Sie steht nicht mal still.
Und doch: Windschiefe Heuschober. Eine lange Lindenallee von Neubarnim nach Ortwig. Die Fachwerkkirche von Neulietzegöricke, dem ältesten Kolonistendorf im Bruch, mit blauem Holzaltar und bemalten Säulen. Verlorene Bahnhöfe an stillgelegten Schmalspurstrecken. Irgendwo steht mal ein Lama auf der Wiese. An der Kienitzer Fährbuhne sitzen Angler am großen Strom. Die Fähre geht seit dem Krieg nicht mehr. Auch drüben war einmal Brandenburg, die Neumark, heute Polen. Die alten Frauen auf dem Friedhof von Kienitz kennen noch die deutschen Ortsnamen jenseits der Grenze - vergilbte Erinnerungen. "Wenn das Wasser kam, schwamm bei Kruses der Nachttopp durch die Wohnung, und auf dem Hof sind wir Kahn gefahren." Im unbekannten Land auf der anderen Seite, so heißt es, leben nur noch alte Leute. Doch Landflucht gibt es auch im Oderbruch, es fehlt an Arbeitsplätzen. "Alle finden alte Fachwerkhäuser schön", sagt Horst Wilke, Bürgermeister von Neulietzegöricke, "aber die Kosten für den Erhalt kann kaum jemand aufbringen." Im Dorf, 234 Einwohner, sind in den letzen drei Jahren drei Kinder geboren worden. Neue Kolonisten würden dringend gebraucht. Doch was hier von weit her kommt, ist nur auf der Durchreise und treibt nachts in Schlauchbooten über die Oder, schemenhaft erkennbar in den Nachtsichtgeräten der Grenzschützer.
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