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Italien: Bilder einer Leidenschaft
Das Licht, die Kultur, die Lebensart! Wer heute über die Alpen Richtung Süden reist, hat Sehnsuchtsbilder im Kopf. Das war nicht immer so. Ein neuer Fotoband zeigt, wie unsere Liebe zu Italien entstand
Die Reise in das Land jenseits der Alpen ist eine fundamentale Erfahrung, kulturgeschichtlich, aber auch ganz persönlich. Ein Erlebnis, nach Jahrzehnten unvergessen wie der erste Kuss.
Alltag im Rückspiegel
Durch die Frontscheibe des VW Käfers betrachteten wir das Wunder der Landschafts- und Mentalitätsverwandlung: da, die erste Palme! Der Bienenfresser auf dem Telegrafendraht - so farbenprächtig konnte nur ein Vogel aus dem Paradies sein. Die tollkühnen Überholmanöver mediterraner Wagenlenker, ihre temperamentvollen Hupkonzerte. Ewig flatternde Wäsche vor bröckelnden Fassaden. Und das gleißende Licht! Vater mit Sonnenbrille am Steuer, Mutter konzentriert über den mächtigen Shell-Atlas gebeugt, so hatten wir den Brenner gemeistert. Den Alltag im Rückspiegel ging es mit 34 PS der italienischen Sonne entgegen. Man spürte: Hier beginnen eine neue Welt und ein anderes Leben. Denn Kilometer für Kilometer wuchs die Gewissheit: Hinterm Horizont geht's weiter. Man ahnte, dass da noch unendlich viel zu entdecken war. Man hatte das Reisen gelernt. Die Historikerin Catherine Donzel und der Fotograf, Buchgestalter und Fotosammler Marc Walter haben sich auf die Spuren dieser kollektiven Sehnsucht begeben. Ihr Bild- und Essayband "Legendäre Reisen in Italien" ist eine mit historischen Fotos und großformatigen Sehnsuchtsbildern, mit alten Postkarten, beigehefteten Menükarten und Hotelbroschüren vergangener Zeiten ausgestattete Kulturgeschichte, üppig und reich. Das Buch erzählt die Geschichte einer Verlockung, die uns bis auf den heutigen Tag betört.
Verheißungsvoller Süden
Den Traum vom verheißungsvollen Süden - einst pflanzten ihn die Engländer in Nordeuropas bleiche Seelen. Schon im 17. Jahrhundert macht eine verwegene Vorhut Italien zum Ziel ihrer "Grand Tour". Bald kommen immer mehr junge Aristokraten, reiche Bürgersöhne, schwärmerische Dichter. Sie verbreiten die Kunde: Jenseits der Alpengipfel gibt es ein süßes Leben in milden Gefilden. Dort liegt ein Schlaraffenland, in dem die Musen heimisch sind. Der Himmel leuchtet im zarten Blau der Präraffaeliten, die Sonnenuntergänge über dem halbafrikanischen Meer sind zum Sterben schön. Es zieht sie nach Venedig und nach Florenz, so unwiderstehlich, als winke ihnen das gelobte Land. Und ins göttliche Rom natürlich, das bis 1871, als es zur Hauptstadt des vereinigten Italien wird, doch nur der geisterhafte Schatten ferner Größe ist: Kornfelder und Weinreben zwischen Ruinen, Ziegenherden auf der Piazza di Spagna, grasende Kühe auf dem Forum Romanum.
Ende des 18. Jahrhunderts wird Goethe zum Pionier einer neuen Art des Reisens. Er kultiviert das Unterwegssein als Suche nach sich selbst, macht die Flucht über die Alpen zum Medium seiner Bewusstseinserweiterung. "Kennst Du das Land, wo die Zitronen blühn" wird zum Synonym deutscher Italiensehnsucht, zum kollektiven Seufzer, der den nass-grauen Alltag seit nun mehr als zwei Jahrhunderten begleitet. Der Dichter bringt den Bildungsbürger auf den Weg; der Studienreisende, stets auf der Suche nach literarischen Bezügen und historischen Stätten - seit Goethe gehört er in Florenz oder Pisa, in Assisi oder Neapel zum Straßenbild. "Wer Italien bereist, verbindet den Kunstgenuss wenigstens als Nebenzweck mit seinen Wanderungen", schreibt Karl Baedeker. Und erfindet 1827 ein bis heute unerlässliches Accessoire: den Reiseführer.
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