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Estland: Ferien auf Saaremaa
Heute ist der 23. Juni, Sommersonnenwende. Wir nutzen den Tag, um schweigsame Leuchtturmwärter, hemdsärmlige Polizisten, kampfsporterfahrene Pfarrer und andere Originale kennen zu lernen.
Auf dem Leuchtturm. Nach langem Schweigen hebt Matti Sepp, der Wärter, den Blick vom Kieselstrand tief unten. Liebe - ? sagt er, nein, Liebe kann man es wohl nicht nennen. Matti hat gerade sein Frühstück hinter sich, ein Glas Buttermilch, dazu gebratene Scholle, im Haus unten riecht's noch danach. Seit 32 Jahren wohnt er mit seiner Frau am Leuchtturm von Sääre auf der Insel Saaremaa, ihre fünf Kinder wuchsen hier auf. So lange so abgelegen leben, 25 Kilometer vom nächsten Ort entfernt - was mag Matti denn an Sääre so sehr?
Menschen auf Saaremaa: Ein spezielles Völkchen
Schweigen. Mittlerweile hat der Morgenwind den steinigen Strand blankgeputzt. Der Nebel hängt nun über der Bucht von Riga im Süden. Bei klarem Wetter könnte man jetzt Lettland sehen. 52 Meter unter uns liegt erstreckt sich Saaremaa, die grösste von 500 estnischen Ostseeinseln, die zweitgrösste in der Ostsee überhaupt. Wie ein klobiger Angelhaken zwängt sich ihre südliche Halbinsel Sölve in die Bucht. Im Nordteil sieht man Kiefernwälder, Ginster, Wacholder, Buschrosendickicht, Rotdorn, Schilfhaine, Bucheninseln, Birken. Die Bäume stehen am Wasser. Die Ostsee ist hier nicht sehr salzig. Ein hölzerner Kirchturm, eine Windmühle heben sich aus dem Grün. Matti Sepp hat kleine Schweissperlen auf der Stirn. All meine Fragen, warumwiesoweshalb...Das viele Reden... Seit Menschengedenken gibt es hier einen Leuchtturm. Er ist der höchste in Estland, 247 Stufen muss Matti ersteigen, einmal am Morgen, einmal am Abend. Hinter dem Haus, das noch aus der Zarenzeit stammt und gusseiserne Treppen hat, steht ein kleiner dichter Märchenwald. Früher spielten dort Mattis fünf Kinder. Drei Familien mit zwölf Kindern wohnten damals am Südende der Insel. Das war zu Sowjet-Zeiten, als zehn Mann den Leuchtturm bedienten, den U-Boot-Verkehr regelten, Radiokommunikation vermittelten. Sogar eine Metereologische Station gab es. Es herrschte reger Betrieb in der Einsamkeit. Heute ist Matti der einzige, der am Leuchtturm arbeitet. Neun Jahre hat er noch bis zur Pensionierung. Neun Jahre Treppensteigen, den Schiffen in den Hafen leuchten, angeln, baden, aufs Meer sehen, den Wind mit Bierflaschen messen. Und eine schöne Scholle zum Frühstück.
Kriminalstatistik: Das letzte schwerere Verbrechen liegt vier Jahre zurück
Auf der Präfektur. Kalle Laanet, der Präfekt von Saaremaa, hat rote Haare, blassblaue Augen, einen bemerkenswert runden Kopf und ein vertrauenerweckendes Lächeln. "Was wollen Sie wissen?" Kalle ist 35. Vor 20 Jahren sagte ihm sein Vater: "Entweder du fährst zur See, oder du wirst Polizist." Kalle wurde Polizist, und er hat es nie bereut. Sein Büro im obersten Stockwerk des alten Hurenhauses von Kuressaare, der Hauptstadt der Insel, ist mit Medaillen, Kurs-Diplomen, amerikanischen Cop-Mützen dekoriert: Kalle hat an FBI-Lehrgängen teilgenommen. Seine Uniform lässt er meistens im Schrank, er mag sie nicht. Der Präfekt will nicht als Amtsperson auftreten, er ist lieber der Kumpel in Polohemd und Jeans. Man kann sich kaum vorstellen, dass er noch unter den Sowjets als Polizist angefangen hat. Kalle lacht: "Kann ich auch nicht. Was meinst du, wieviel Mühe es mich nach der Unabhängigkeit gekostet hat, meinen Bullen einzubläuen, dass sie die Leute nicht zu bestrafen haben, sondern ihnen dienen sollen." Wirklich, er sagt "dienen". Viel hat sich in Estland verändert seit 1990. Davor hiess der Chef der Polizei von Sääre militärisch: Oberst. Jetzt heisst er zivil: Präfekt. Mit 49 Kollegen sorgt Kalle für Recht und Ordnung auf der Insel. Nicht viele für 40 000 Menschen, 15 000 davon in Kuressaare (früher Ahrensburg). Aber das letzte schwere Delikt liegt vier Jahre zurück: ein Totschlag unter Betrunkenen.
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