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Tierethik: Menschenrechte für Affen!

Niemand weiß, was genau in den Köpfen von Tieren vor sich geht. Doch dass viele von ihnen - besonders Affen - denken und fühlen können, davon ist der Primatologe Volker Sommer überzeugt. Und fordert deshalb Grundrechte für unsere nächsten Verwandten: Schimpansen, Bonobos, Orang-Utans und Gorillas

Interview: Jörn Auf dem Kampe und Rainer Harf

Prof. Dr. Volker Sommer, 58, zählt zu den renommiertesten Affenforschern
weltweit. Er lehrt in London und betreibt in Nigeria eine Feldstation zur Beobachtung frei lebender Schimpansen (Foto von: www.achimmulthaupt.de)
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Prof. Dr. Volker Sommer, 58, zählt zu den renommiertesten Affenforschern weltweit. Er lehrt in London und betreibt in Nigeria eine Feldstation zur Beobachtung frei lebender Schimpansen

GEOkompakt: Herr Professor Sommer, Sie bezeichnen sich selbst als "Menschenaffe". Machen Sie also keinen Unterschied zwischen Mensch und Tier?
Volker Sommer: Evolutionsbiologen unterscheiden nicht zwischen Mensch und Tier, sondern bestenfalls zwischen Menschen und anderen Tieren. Und zoologisch betrachtet gehören wir mit unseren allernächsten Verwandten nun einmal in dieselbe Gruppierung, also die Menschenaffen. Das mag uns ehrenrührig erscheinen, ist aber einfach nur zoologisch korrekt. Es gilt das Prinzip der abgestuften Ähnlichkeit.

Dann hätten ja vielleicht sogar simple Kreaturen viel mit den Menschen gemein, könnten ähnlich wie wir denken und fühlen.
Zunächst einmal gefällt mir das Wort "simpel" nicht, weil es abwertend klingt. Betrachten Sie doch beispielsweise einen Frosch. Wie ein Mensch gewinnt dieses Tier Eindrücke aus seiner Umgebung und verarbeitet sie in seinem Hirn. Ich halte es für wahrscheinlich, dass der Frosch dabei in seinem Kopf etwas fühlt und erlebt, also ein Bewusstsein hat.


Sagen Sie damit, dass der Frosch sich - wenn auch in limitierter Form - Gedanken machen kann?
Frosch und Mensch verfügen über eine Hardware, die sich prinzipiell stark ähnelt. Beide besitzen Sinnesorgane, Nervenzellen zur Datenübertragung und ein Gehirn, das Informationen sortiert und bewertet.


Nur eine Frage der Gene? Bonobos haben - genau wie Schimpansen - zu 98,7 Prozent dasselbe Erbgut wie wir Menschen (Foto von: Anup Shah/The Image Bank/Getty Images)
© Anup Shah/The Image Bank/Getty Images
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Nur eine Frage der Gene? Bonobos haben - genau wie Schimpansen - zu 98,7 Prozent dasselbe Erbgut wie wir Menschen

Vergleichen Sie da nicht Äpfel mit Birnen? Das menschliche Gehirn gilt immerhin als komplexeste Struktur im Universum.
Ob wir hinsichtlich des Denkvermögens von Fröschen und Menschen Übereinstimmungen oder Unterschiede betonen wollen, ist reine Ansichtssache. Tatsache ist zunächst, dass Frosch und Mensch sich aus gemeinsamen Vorfahren entwickelten und deshalb ähnliche Bauteile aufweisen. So besitzen beide Lebewesen Gliedmaßen, die mit einem Greiforgan abschließen. Im Zuge der Evolution entstanden zwar Unterschiede. Ein Beispiel: Wir haben zehn Finger, darunter zwei bewegliche Daumen. Der gewöhnliche Laubfrosch besitzt acht Finger, die Haftlamellen aufweisen. Statt aber solche Unterschiede als eine scharfe Grenze aufzufassen, ist es doch sinnvoller, von einem Mehr oder Weniger zu reden.


Das sind rein anatomische Abstufungen.
Offenbar fällt es uns schwerer, den graduellen Charakter der Evolution zu akzeptieren, wenn es um Gedanken- und Gefühlswelten geht. Aber alles spricht dafür, dass auch das, was wir traditionell "Geist" nennen, nicht vom Himmel fiel. Emotionales Erleben und kognitives Vermögen haben vielmehr mit dem Körperbau eine Stammesgeschichte durchlaufen. Wäre das nicht so, würde die pharmazeutische Industrie ihre Psychopharmaka nicht an Affen testen. Dieses Geld wird nur investiert, weil man davon ausgeht, dass sich in deren Gehirnen ähnliche subjektive Empfindungen abspielen wie bei uns. Fazit: Wie bei der Anatomie liegt auch hier kein Alles oder Nichts vor, sondern ein Mehr oder Weniger an Menschenähnlichkeit. Wichtig ist dabei, dass diese Abstufung weder gleichzusetzen ist mit einem "Besser oder Schlechter" noch mit einem "Höher oder Niedriger". Alle Organismen sind auf jeweils eigene Art ihrer Umwelt angepasst.


Was genau im Kopf eines Tieres vor sich geht, ist Menschen aber nicht zugänglich.
Nein, aber ich ziehe einen plausiblen Schluss: Je näher ein Lebewesen mit mir verwandt ist, desto wahrscheinlicher ist auch, dass die ähnlichen Strukturen in seinem Kopf ein ähnliches Empfinden ermöglichen.

Das bedeutet umgekehrt: Je schwächer die verwandtschaftlichen Bande zwischen uns und einem Tier sind, desto geringer sind dessen Denkleistungen einzuschätzen.
Gehen wir mal von einem Menschen zum Schimpansen, dann zu einem Frosch, von dort zu einem Regenwurm, weiter zu einer Qualle und schließlich zu einem Einzeller. Während wir uns evolutionär immer weiter vom Homo sapiens entfernen, werden die geistigen Fähigkeiten denen von Menschen immer unähnlicher. Ich bezeichne das aber nicht als ein Geringer-Werden, weil eine solche Perspektive uns zum Maßstab macht und das Ergebnis deshalb gar nicht anders ausfallen kann, als uns allein für vollwertig zu halten. Stattdessen würde ich neutraler formulieren und sagen, dass unsere Art des Denkens und bewussten Erlebens bei weiter entfernten Lebewesen irgendwann nicht mehr vorhanden ist.



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Kommentare zu "Menschenrechte für Affen!"

eva | 26.06.2013 02:11

"Obwohl eben auch vom Sojaschnitzel viel strukturelle Gewalt ausgeht. Denn damit dessen Zutaten heranwachsen können, muss so mancher Affe Heimat und Leben verlieren."

Nun, weiterdenken wäre nicht schlecht gewesen. Denn erstens müssen für ein Kilo Tierfleisch viele Kilo Getreide verwendet werden (und tausende LIter Wasser), so dass bei einer rein veganen Ernärhung die gleiche Menge Nahrungsmittel und Anbauflächen viel mehr Menschen satt machen kann.
Und zweitens kommt zwar die häufig gentechnisch veränderte Soja fürs Tierfutter aus Südamerika oder sonstwo, die (Bio-)Soja für die Sojamilch zum Trinken sehr häufig aus Europa.
Das heißt es ist durchaus im Interesse der Menschenaffen (und aller Menschen und Tiere) wenn möglichst viele von uns vegan leben.
Die hochsozialen, klugen Bonobos, die keine Hierarchieprobleme kennen, kein Patriarchat, keinen Kindsmord, und die Komflikte durch Sex lösen, sind übrigens auch so gut wie vegan lebend, ebenso wie Orang-Utans. Beitrag melden!

Joz | 26.02.2013 16:51

@Realist:
Nun, die Einführung von Menschenrechten hat die Lebensqualität der Menschen enorm verbessert (Vielleicht waren das auch andere Einflüsse). Und nun erhofft man sich von der Einführung von Tierrechten, deren Lebensqualität auf natürlichem Niveau zu halten.

@Wolf K.:
Dem stimme ich zu(Auch wenn (bzw. weil) Wölfe ja gerade doch biologisch mit den Menschen verwandt sind).

@Krokodilstraenen:
Ich finde es schön, wenn jemand von einer so lebensbejahenden („Menschheit (...) zunehmend gerissener“, „an Niedertracht kaum zu überbieten“) Haltung zu erzählen weiß und sich nicht scheut, gewagte Vergleiche zu ziehen (GG-Art. 23 – NS-Ermächtigungsgesetz, EU – „Plagen der Pandora“). Deinem ersten Satz stimme ich allerdings genau wie deinem letzten zu. „Für alles werden Begründungen gefunden“ – vielleicht solltest du dir eine Begründung für deinen Hass auf die Welt ausdenken? Sicher, es gibt Schlechtes auf der Welt. Aber die Welt an sich ist nicht schlecht. Glaub mir. Beitrag melden!

Krokodilstraenen | 27.01.2013 16:13

Tiere zu quälen, das tut man einfach nicht. Wenn der Mensch das nicht mehr erkennt, ist es zu spät.

Für alles werden Begründungen gefunden, Massentierhaltung, Kriege und Massaker, Privatisierungen, Politikerlügen, Umverteilung vom Bürger auf skrupellose Mafiabanker, Umweltvergiftung und - Artikel 23 GG, der für nichts geringeres steht als einer Selbstermächtigung und das Pendant zum Ermächtigungsgesetz der NSDAP ist. Und der nichts anderes hervorgebracht hat als die Plagen der Pandorra.
Auch damals gab es eine parlamentarische Mehrheit. Und unter dem aggressiven Kollektispruch, der Holocaust sei deutsche Identität, tat man es wieder.

Es gibt keine größere Sünder als viele Wünsche.
Es gibt kein größeres Übel als kein Genüge kennen.
Es gibt keinen größeren Fehler als haben wollen.
Laotze

Die Menschheit ist überaltert und wird zusehends gerissener. Was hier los ist, ist an Niedertracht nicht mehr zu überbieten. Der Focus auf das Nebensächliche ändert nichts. Beitrag melden!

Wolf K. | 26.01.2013 14:29

Vor allen Dingen wären "Menschenrechte" nur für Affen viel zu kurz gegriffen. Was ist z.B. mit den Wölfen? Die stehen uns in ethologisch-soziologischer Hinsicht sehr viel näher (Einehe, Familienstruktur, hocheffektive Zusammenarbeit, kognitive Fähigkeiten, Empathie u.a.), obwohl sie mit dem Menschen biologisch nicht verwandt sind (andere Ordnung).
Wenn wir schon den Punkt "Rechte für Tiere" diskutieren, dann muß diese Diskussion sehr viel weiter gefaßt werden! Beitrag melden!

Realist | 24.01.2013 20:39

Menschenrechte für Affen?
Was würde das nützen? Wo es die Menschen selbst nicht schaffen, diese immmer einzuhalten. Beitrag melden!

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