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Riesenotter: Räuber mit Familiensinn
In Dschungel Perus beobachtete GEO-Autor Claus-Peter Lieckfeld das Privatleben von Riesenottern - einer stark bedrohten Spezies. Eine Reportage aus dem neuen GEO Magazin Nr. 3/06
Esta hatte niemand gemahnt. Keine dominante Mutter hatte Befehle erteilt, kein Vater sie bedroht oder weggebissen. All das wäre im übrigen auch nicht Riesenotter-Art. Esta spürte einfach, dass der Zeitpunkt für den großen Familien-Abschied gekommen war. Feinsensorisch wie den anschwellenden Wasserdruck beim Sprint. Eindeutig wie die Vorboten der Trockenzeit, wenn der Mai ein feines Muster aus Rissen über die Sumpfränder legt und die Salmler und Buntbarsche sich wieder im kleiner werdenden Wasserlauf drängen - erfreulich eng und zugänglich.
Über den Schwimmpflanzeninseln im peruanischen Manu-Nationalpark flackerten am Abschiedsmorgen blaue Morphofalter. Die Brüllaffen hatten in der Nacht zuvor unweit des aktuellen Otterbaus Quartier bezogen. Und es war der zweite Tag nach jenem besonderen Moment, als sich die Familie - ausnahmsweise einmal im Pulk - um Beute versammelt hatte, einen Fünfzehnpfünder-Wels, den Esta allein an Land geschleppt hatte. Beute dieser Größe konnte niemand in der ansonsten üblichen Rückenschwimmlage, beide Vorderpfoten in Eichhörnchen-Griffhaltung am Fisch, verzehren.
Esta nimmt Abschied von der Familie
Zwei Tage nach dem Riesenwels-Mahl kam die Stunde, in der Esta den Dreieckskopf durchs klare Wasser des Altarms schob, dem Fluss entgegen, fort von der Wärme der anderen und ihren Gerüchen, fort vom bisherigen leichten, guten Leben. Zurückkehren konnte sie allenfalls als Fremde auf der Durchreise. Das Jungweibchen Esta war von der deutschen Forscherin und Riesenotter-Spezialistin Elke Staib erstmals an deren Geburtstag gesichtet worden, vom Einbaum aus. Man hatte den tapsigen Winzling nach den Anfangsbuchstaben der Forscherin getauft, und in ihren ersten drei Lebensjahren hatte Esta schon einige Lektionen gelernt.

Wie Esta erwachsen wurde
Die erste nach zweieinhalb Monaten. Estas Initiation zum Schwimmtier fand an jenem Tag statt, als sie von der Mutter nachdrücklich und wiederholt im offenen Maul ins Wasser getragen wurde. Es war nur so lange schlimm, bis sie aufhörte, prustend und auf kürzestem Wege wieder an Land zu strampeln. Als das Jungtier, schon ermattet von den vielen Fluchten, spürte, wie das Wasser es annahm, wie es jede Wendung des Körpers mit neuen Ausblicken belohnte, war der entscheidende erste Schritt getan. Diesem folgten viele kleine, alle wichtig, einige lebenswichtig. Und alle gelangen Esta ein wenig früher als den beiden Geschwistern, deren etwas kräftigere Gestalt ihnen keine spürbaren Vorteile verschaffte.
Die Lektion mit dem Kaiman, dem einzigen Wassertier, das den Riesenottern einen gewissen Respekt einflößt, war besonders eindrucksvoll und wichtig. Näherte sich eines dieser ledergepanzerten Reptilien, musste man abwarten, bis jemand von den Großen - in der Ottergruppe sind es in der Regel ältere Geschwister, wenn nicht Vater oder Mutter - auf das Ärgernis zuschwamm und sich schnaubend hoch aus dem Wasser reckte ("periskopierte"). Das reichte prompt, um das schwimmende Gebiss abzudrängen. Drohen wirkt.

Touristen stören den Familienfrieden
Fast immer. Es gab da allerdings diese großen treibenden Baumstämme mit ständig periskopierenden, aber nie jagenden Eindringlingen (also mit Ökotouristen in Booten), Gestalten, die nicht sogleich die Jüngeren in die Mitte nahmen, sich nicht wegdrohen ließen, die sogar näher kamen, sobald sich ein Familienmitglied aus dem Wasser reckte. Die beantworteten das Warnschnauben mit Klick-lauten und gelegentlichem Blitzen - greller als Fischleiber in der tiefstehenden Morgensonne war diese zuckende Helligkeit. Und besonders enervierend wirkten die schneidenden Laute, die sie unregelmäßig hervorwürgten, je näher man ihrem Baumstamm kam; einige drohten sogar mit peitschenden Bewegungen ihrer Vorderextremitäten, Posen, die an das große Morgenspektakel der Brüllaffen erinnerten.

Die Unruhe angesichts dieser Wesen wuchs. Estas Familie gab den Bau auf, der in Annäherungsrichtung der Störer lag, und grub in wenigen Tagen einen neuen. Die Eindringlinge rückten nach; die Clanmutter verlor ihre drei Feten. Aber schließlich besannen sich die auf den Riesenbaumstämmen eines Besseren; sobald jemand aus dem Clan auf sie zuschwamm, wichen sie ein Stück zurück. (Die Zoologische Gesellschaft Frankfurt hatte ihren peruanischen Partnern erfolgreich vermitteln können, dass Boote mit Riesenotter-Touristen für die attraktiven Tiere immer dann erträglich sind, wenn sie ihre Warnungen verstanden fühlen. Manchmal reicht auch eine nur angedeutete Ausweichbewegung der Boote.)
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