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Warane: Der Drache mit dem Pokerface
Seit bekannt wurde, dass sie beim Beutegang selbst vor Menschen nicht halt machen, begegnet man den Komodo-Waranen mit grossem Respekt. Ihre Futtersuche schliesst sogar ihren eigenen Nachwuchs mit ein, so dass sich die Jungtiere zunächst auf die Bäume flüchten müssen, um zu überleben
Ranger Darius Jabut war am Strand der Insel Rinca eingenickt, als ihn eine ungewohnte Berührung aus dem Schlaf riss: Eine gelbe, gespaltene Zunge kitzelte ihn wach. Geistesgegenwärtig griff Jabut nach dem Stock, der neben ihm lag - und drängte mit aller Kraft das gewaltige Reptil beiseite, das ihn neugierig untersuchen wollte. Eine brenzlige Situation, aber der Ranger hatte Glück: Die scharfen Zähne des Tieres erwischten ihn nicht. Eine Unachtsamkeit, wie sie sich der Wildhüter leistete, kann auf einigen der Kleinen Sundainseln Indonesiens gefährlich sein. Denn die hier lebenden Komodo-Warane sind die grössten Echsen der Erde - der längste bisher gesehene "Drache" mass 3,13 Meter und wog 166 Kilogramm. Und sie jagen nicht nur Schweine, Hirsche und Büffel: Es heisst, sie gingen mitunter auch gezielt auf Menschen los. Zugegeben: Die Kreaturen, die der Urzeit entsprungen zu sein scheinen, und die Abgelegenheit der Inseln - das erinnert an die Monster aus "Jurassic Park". Dennoch lohnt sich ein distanzierter Blick.
Im Jagdfieber fallen Warane auch schon einmal Menschen an
Bei meinen Aufenthalten auf den Inseln Komodo, Rinca und Flores, bei denen ich das Verhalten der Komodo-Warane studiert habe, bin ich allen Echsen-Angriffen der vergangenen Jahre auf Menschen nachgegangen - und nun überzeugt: Die meisten von ihnen entsprangen dem Zufall. Die Attacke auf einen Mann namens Zakarias Lamu im September 1990 allerdings scheint ein echter Beutezug gewesen zu sein: "Der grosse Ora war schon seit Tagen hinter einem Wasserbüffel her. Er reagierte ausgesprochen aggressiv, als ich an ihm vorüberging. Und plötzlich schoss er auf mich los und verbiss sich in mein Bein", erzählte mir Lamu, der auf Flores lebt. 40 Minuten lang kämpfte er mit der Riesenechse, bis er sie mit seinem Hackmesser töten konnte.
Solche Geschichten sind es, die den Waranen, hier "Oras" genannt, weltweit den Ruf eingebracht haben, Killer zu sein. Und doch werden die Echsen, die bis zu 50 Jahre alt werden, von den Einwohnern akzeptiert. Zudem sind die Oras streng geschützt, nur 5000 Exemplare haben bis heute überlebt. Wegen dieser vergleichsweise geringen Zahl und des kleinen Verbreitungsgebietes gilt die Art als gefährdet: Wilderer töten Büffel und Hirsche, die Beute der Oras, und Waldbrände zerstören ihren Lebensraum. Solange aber Touristen hierher kommen, um sich vor den Waranen zu gruseln, haben die Kolosse eine Überlebenschance.
Waran und Mensch: ein kompliziertes Zusammenleben
Um den Besuchern ein Spektakel zu bieten, wurden noch zu Beginn der neunziger Jahre auf Komodo die Riesenechsen mit Ziegen gefüttert. 1994 jedoch ist das eingestellt worden - nicht zuletzt deshalb, weil einige Warane das Jagen regelrecht verlernt hatten; ein paar sollen nach Ende des "Ziegenopfers" sogar verhungert sein. Besucher können heute mit einem Ranger zusammen durch die Grassavannen und Wälder der Insel streifen. Allerdings entspricht es bisweilen nicht den Vorstellungen mancher Gäste, wenn die "blutrünstigen Drachen" in einem Dorf scheinbar harmonisch mit Schweinen zusammenleben. Tatsächlich aber kippt manchmal die friedvoll scheinende Atmosphäre innerhalb von Sekunden.
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