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Mit acht Beinen übers Wasser
Erstmals dokumentierte ein Naturfotograf komplett das Leben von Dolomedes fimbriatus, der größten in Deutschland heimischen Spinne, und beobachtete dabei erstaunliche Verhaltensweisen
Reglos hockt das Spinnenweibchen am Grabenrand, die beiden hinteren Beinpaare auf einem Vorsprung aus Torf, die vorderen auf dem Wasser ruhend. Die Haarpolster unter den Fußgliedern verteilen das Gewicht des Tieres auf eine so große Fläche, dass es nicht einsinkt, sondern, getragen durch die Oberflächenspannung, sogar auf dem Wasser zu laufen vermag. Mit ihren Vorderbeinen "horcht" die Spinne nach Beute. Sie kann deutlich zwischen Schwingungen des Wassers, die der Wind verursacht, solchen von herabfallenden Samen und Blättern oder denen eines lebenden Insekts unterscheiden.
Als eine winzige Zuckmücke auf das Wasser geweht wird und hilflos mit ihren Flügeln rudert, hat die Spinnendame sie blitzschnell lokalisiert und Sekunden später gepackt, um die Beute auszusaugen.
Dolomedes fimbriatus, die Gerandete Jagdspinne, ist bestens an das Leben am Rande von Seen und Flüsschen angepasst. Diese größte Spinne in Deutschland vermag nicht nur über Wasser zu laufen, um ihre Beute zu erreichen, sie kann bei Gefahr auch an Pflanzen ins Wasser hinab klettern und dank einer Luftblase, die sich um die dichte Behaarung des ganzen Körpers herum bildet, dort bis zu einer Stunde aufhalten.
Der Rostocker Naturfotograf Wolf-Peter Polzin hat das Leben dieser Räuber im Norden Mecklenburgs jahrelang verfolgt und erstmals umfassend in Bildern dokumentiert. Dabei konnte er bislang kaum bekannte Details aus dem Verhaltensrepertoire der Spinnentiere beobachten zum Beispiel deren bizarres Liebesleben.
Irgendwann Anfang Mai spinnt ein Dolomedes-Männchen ein winziges Dreieck aus hauchdünnen Fäden, eine Spermatophore, in das es einen zart-milchigen Spermatropfen drückt. Diesen nimmt es anschließend mit zwei speziellen Tastbeinen den Pedipalpen auf. Sie sind quasi der Penis der Spinne und so kompliziert gebaut, dass sie wie ein Sicherheitsschlüssel ins Schloss exakt in die Geschlechtsöffnungen eines Weibchens derselben Art passen
Doch zunächst muss das Männchen die Partnerin finden, geleitet von Pheromonen, Sexuallockstoffen, die das Spinnenweibchen verströmt. Ist sie entdeckt, "morst" das Männchen ihr, mit den Beinen auf die Wasseroberfläche tappend, zunächst aus sicherer Entfernung verführerische Signale zu in einem Frequenzbereich unter 55 Hertz und selten länger als eine halbe Sekunde, wie der Bonner Physiologe Horst Bleckmann herausfand. Damit lassen sie sich deutlich von den Zuckungen eines Insekts unterscheiden, was wichtig ist, damit der Spinnenmann von seiner Gefreiten nicht für Beute gehalten wird.
Etwa im Laufe einer Viertelstunde, in der das Männchen auch hochfrequente Töne aussendet, kommt die weibliche Spinne allmählich näher. Das Männchen wagt schließlich, ihre Beine zu berühren, umläuft sie, steigt auf ihren Rücken und läßt seine Pedipalpen in die Geschlechtsöffnungen des Weibchens gleiten, um dort die Samen abzuladen. Dann gilt es, sich schnell davonzumachen, um von der Partnerin nicht wie es auch bei dieser Spinnenart üblich ist gefressen zu werden. Manchmal allerdings verhakt sich der Spermien-Taster in einer der weiblichen Geschlechtsöffnungen und wird bei der Flucht des Männchens abgerissen.
Das Weibchen legt Ende Juni rund 500 Eier in eine selbst gesponnene Tasche, die es zu einem mehr als zentimetergroßen Kokon verschließt und nun mehrere Wochen unermüdlich mit sich herumschleppt. Zum Fressen kommt es während dieser Zeit kaum; das Weibchen wird schmächtig, bis sich kleine runzelige Hungerdellen auf dem Körper zeigen. Irgendwann im August bemerkt die Mutter die zarten Regungen der ersten schlüpfenden Jungspinnen und hängt den Kokon daraufhin in ein zwischen Gräsern neu angelegtes Gespinst.
Noch zwei Tage bewacht sie ihre Brut, dann hört die Mutterliebe auf und die Jungspinnen müssen den Kampf ums Dasein allein bewältigen.
Gleichwohl ist inzwischen das Überleben der gesamten Art gefährdet, denn der Mensch modelt ihre Lebensräume für seine Zwecke um: Dolomedes fimbriatus steht mittlerweile in den meisten Bundesländern auf der Roten Liste.
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