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Nur der zehn Kilometer lange Schienenstrang verbindet das Örtchen mit dem Festland (Foto von: Oliver Lück)
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Nur der zehn Kilometer lange Schienenstrang verbindet das Örtchen mit dem Festland

Doch nicht jeder ist gemacht für das Leben im Meer, wo es schnell an Grenzen geht. Viele Zugezogene haben es versucht, die meisten aber sind an der großen Stille, am ewigen Gleichlauf der Gezeiten gescheitert und zurück ans Festland geflüchtet. Für den einen sind die Halligen die letzte deutsche Wildnis, für den anderen eine einzig große Ödnis. "Es ist eine andere Welt hier bei uns, vielen ist das zu viel Natur", sagt Fiede Nissen, "wir leben bewusster mit den Jahreszeiten und man wird ruhiger, hat viel Zeit zum Nachdenken." Die Zeit bekommt eine andere Bedeutung, nicht auszudrücken in Stunden oder Tagen, eher durch den Rhythmus der Nordsee: Ebbe und Flut teilen sich den Tag auf. Das Wasser kommt und geht zuverlässig nach Fahrplan, kosmisch präzise. Die Gewissheit, dass man nichts daran ändern kann, lässt einen entspannter werden. "Man muss die Gezeiten im Blut haben. Der Tidenkalender ist bei uns wichtiger als die Bibel." Hans Friedrich Nissen bedient mit seinem blonden Rauschebart, den buschigen Augenbrauen und seiner vom Wetter gegerbten Haut, in die Sonne und Wind mächtige Falten gegraben haben, vortrefflich das Klischee des naturverbundenen Nordfriesen. Er ist der Bürgermeister von Langeneß und Oland. Beinahe täglich fährt er auf seiner Lore über die Trasse ans Festland. Freiberuflich arbeitet er für die Post - als "Postholer", wie man hier sagt. Seit 33 Jahren schon bringt er den Leuten ihre Briefe und Pakete. Postleitzahlen 25863 und 25869.


Endstation Langeneß: Hier scheint die Uhr stehengeblieben zu sein  (Foto von: Oliver Lück)
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Endstation Langeneß: Hier scheint die Uhr stehengeblieben zu sein

Und da die Schienen bei Hochwasser zweimal am Tag vollständig überflutet sind und Nissen morgens oft als Erster rüber rollt, muss er besonders aufpassen. Oft versperrt auf den Damm geschwemmtes Treibgut den Weg, Schiffstaue, Holz oder die alten Netze der Fischer. Übersieht er diese, kann es passieren, dass die Räder aus der Spur springen und die Lore entgleist. "Eine Fahrt vergesse ich nie", erzählt er. Vor über 30 Jahren war das: Eine Welle hatte seinen Motor außer Betrieb gesetzt. Alleine stand er in der Nordsee. Es stürmte und das Wasser stieg. "Das war es dann wohl", dachte er damals kurz, "zum Glück hatte ich Rückenwind." Er konnte gerade noch nach Hause schieben, bevor das Meer ihn holte.

Wenn Fiede Nissen von der See und den Halligen spricht, kann man die Ehrfurcht in seiner Stimme hören. Mitten im Meer ist er geboren, hier hat er sein ganzes Leben verbracht. Er ist ein Mann des Meeres. Er sagt: "Ich habe hier alles, was ich brauche. Hier gehöre ich hin." Und er ist froh, dass es nur ein Gleis für die Loren und keinen komfortableren oder schnelleren Weg ans Festland gibt. "Dann wäre es auch schnell vorbei mit der Ruhe hier." Er schaltet den Motor aus und legt den Bremsknüppel um. Die Lore mit dem Posthorn rollt scheppernd am Langeneßer Bahnhof ein. Zwei Kisten mit Briefen und einige Pakete und Tageszeitungen an Bord. Hier enden die Schienen an einem Prellbock. Mit einem Stück Holz blockiert er eines der Räder, so dass der Wind die Lore nicht mitnehmen kann. "Endstation Langeneß", ruft er. Das macht er oft, wenn er nach Hause kommt. Kein Mensch steht am Bahnhof. Es wartet niemand, um ihn abzuholen. Nur ein Mann, die Hallig und das Meer. "Genau so, wie es sein muss", sagt Hans Friedrich Nissen.


Wetter & Klima: Schleswig Holstein

Klimadaten im

 
  • 10,9 °C max/ 3 °C min
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Kommentare zu "Die Tide im Blut"

mariano | 31.08.2011 14:24

Ein sehr schöner Artikel, aber dieser Part stimmt wohl so nicht:
[quote] Er konnte gerade noch nach Hause schieben, bevor das Meer ihn holte. [/quote]
Die Flut hat ihn eingeholt. Wen das Meer holt, der erzählt nicht mehr davon. Beitrag melden!


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