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GEO Special Nr. 02/05 Seite 4 von 5

Margarete Wiedemann

Die letzte Chemotherapie liegt eine Woche zurück, die Schmerzen sind erträglich. Nur den Zwetschgenkuchen, den sie zum Kaffee reicht, hat Margarete Wiedemann nicht mehr selbst gebacken. Die Kraft reicht gerade fürs Wesentliche. Fürs Gebet und den täglichen Gang ins Gewächshaus. Sie muss doch wenigstens nach den "Kinderlein" sehen. Beim Eintreten ruft sie laut und heiter: "Grüß Gott!" Und wendet sich gleich darauf erstaunt an ihre Besucher: Wo bleibt der Gruß?


Margarete Wiedemann lebt für ihre Sammlung duftender Pelargonien (Foto von: Franz Killmeyer)
© Franz Killmeyer
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Margarete Wiedemann lebt für ihre Sammlung duftender Pelargonien

Das Beet als "Gemeinde"

Lebendige Wesen sind sie, ihre eigene Gemeinde, für die Margarete Wiedemann, die schwäbische Pfarrerstochter, immer ein Wort hat. Sogleich beginnt sie mit der Predigt. Schimpft mit einem frechen Eukalyptus, der es zu eilig hatte zu wachsen, lobt die Citronella, das bescheidene Kind, und die weiß-grüne "Stefanie" bekommt zu hören, sie sei auf ganz besondere Weise stark. 200 verschiedene Duftpelargonien stehen hier unter ihrer Obhut: jene Arten und Sorten der Gattung Pelargonium, die sich weniger durch farbenprächtige Blüten auszeichnen als vielmehr durch das Aroma ihrer rauen, pelzigen oder herzförmigen kleinen Blätter.


Die Liebe gehört dazu

"Nur nicht so schüchtern!", ruft die Gärtnerin. Reiben müsse man das Blattzeug, aber gescheit, dass auch ja das duftende Öl nach außen trete. Und wie es duftet! Nach Zitrone und Lavendel, nach Pfirsich und Muskat, nach Zedernholz und schwarzem Pfeffer. Margarete Wiedemann strahlt. Jede Blume dufte anders, sagt sie. Und jede wolle beachtet sein. "Die Liebe", sagt die Gärtnerin, "die gehört freilich dazu."

Demut hatte es der Großvater genannt. Sie war im Pfarrhaus auf der Schwäbischen Alb so selbstverständlich wie die Andacht am Morgen. Fromm war man und bitter arm. Oft gab es wochenlang nur Brennnesseln und Waldmeister zu essen. Geklagt wurde nicht. "Wir müssen den Hunger überwinden", sagte die Mutter.


Seit 1985 werden auch Pelargonien verschickt

Erst nach dem Krieg, während ihrer Lehrzeit als Gärtnerin, konnte sich die Tochter zum ersten Mal satt essen. 1954 begann sie einen kleinen Handel mit Tee und Gewürzpflanzen, der sich bald herumsprach. In guten Zeiten schickten die Wiedemanns dreimal die Woche eine Autoladung Kräuterpakete hinaus, seit 1985 auch duftende Pelargonien. Doch vor sechs Jahren schloss der Betrieb, und seitdem bleiben die Eheleute mit ihren Blumen meistens allein. Sie will nicht traurig sein, sagt die Gärtnerin. Einige Kunden bestellen ja noch. Was kümmert sie da ein Krebs oder das Alter!

An der Tür wendet sich Margarete Wiedemann noch einmal um. In ihrem Gesicht erkennt man die Züge eines sehr schönen Mädchens. Ja, wie wir uns das denn vorstellten? Wir müssten ihren Pflanzen doch wenigstens ade sagen.



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