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GEO Magazin Nr. 08/12 Seite 2 von 2


Man könnte demnach auf die Idee kommen, "natürlich" im historischen Wörterbuch zu entsorgen und im lebendigen Sprachgebrauch darauf zu verzichten. Aber das geht nicht, natürlich nicht! Das Füllwort, das in einer Aussage die Selbstverständlichkeit unterstreicht, ist unentbehrlich; aber auch die betonte Annäherung an die Natur als einer wichtigen und belastbaren Größe der Wirklichkeit kann durchaus sinnvoll sein. Wir sollten nur nicht vergessen, dass es sich dabei grundsätzlich nur um eine Annäherung handelt, um ein Konstrukt von Natürlichkeit, das keineswegs klar konturiert ist. Das klingt kompliziert, wird aber an Beispielen schnell deutlich.


Beispiel Sport: Was ist natürlich, was ist Doping?

Nehmen wir die Diskussion um das Doping. Sie wird auch deshalb so emotional geführt, weil oft die Grenze nicht präzise fixiert werden kann, an der die normale Förderung der Körperkräfte in „unnatürliche“ Aufputschprozesse übergeht. Im Hinblick darauf ist schon der Vorschlag gemacht worden, die ohnehin unvollkommenen Kontrollsysteme aufzulösen und Doping freizugeben. Dies wäre gewiss die falsche Folgerung, da ja die Gefährdung der Gesundheit durch Doping nachgewiesen ist. Aber die Diskussion sollte nicht dadurch simplifiziert werden, dass der Unnatur von Doping-Prozeduren die Natürlichkeit anderer, das Training unterstützender Mittel gegenübergestellt wird. Es handelt sich in allen Fällen um Eingriffe, um Formungen und auch diesseits der Grenze zum Doping manchmal um Verformungen der menschlichen Natur.

Wenn sie als natürlich empfunden werden, hat dies auch hier oft mehr mit der Gewöhnung als mit einem überzeugenden Nachweis einer rundum verträglichen Förderung der physischen Natur zu tun. Unberührte menschliche Natur ist für uns nicht greifbar. Man hat immer wieder zu erkunden versucht, wie sich die ursprüngliche Natur des Menschen darstellt. In der Vergangenheit gab es Experimente, in denen Kinder in Isolation aufwachsen sollten; Ergebnis dieses brutalen Arrangements war nur das Auftauchen von Defiziten und die Zerstörung der Lebensfähigkeit. Und auch die sogenannten Wolfskinder, die allerdings schon früher in der Literatur zahlreicher waren als in der Realität, brachten nicht die erhofften Erkenntnisse. Die Faszination, die von solchen Wesen - auch in der literarischen Schilderung - ausgeht, ist der Erwartung geschuldet, man könne an ihnen den vorkulturellen Zustand des Menschen studieren. Das ist schon insofern eine Fehlrechnung, als sie ja doch eine menschliche Schwangerschaft und Geburt hinter sich haben, damit aber auch eine erste kulturelle Prägung.

Trotzdem ist es nicht falsch, von der Natur des Menschen zu reden und Natürlichkeit als mögliche Eigenschaft anzusehen. Aber in beiden Fällen ist die Ungenauigkeit in Rechnung zu stellen, die unseren Umgang mit der Sprache charakterisiert. Natürlichkeit kann kein absoluter Begriff sein, sondern zeigt sich immer im Vergleich. Eine Person erscheint natürlich vor einem offensichtlich künstlich geprägten Hintergrund. Das kann die Hofgesellschaft sein mit ihrem ängstlich kontrollierten Traditionsstil, es kann die Welt der Stars sein, in der man schrille Farben erwartet, sodass eine schlichte Erscheinung wie ein Stück Natur wirkt, es kann aber auch einfach eine Familie sein, in der sich bestimmte starre Konventionen gebildet haben, deren Durchbrechung auf freiere Natürlichkeit zielt. Das Natürliche stellt die Zementierungen in der Gesellschaft infrage, und oft ist es ein Lockerungsmittel, das sie auflöst.



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