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GEO Magazin Nr. 08/12 Seite 1 von 2


Was heißt hier "natürlich"?

Der Kulturwissenschaftler Herrmann Bausinger warnt vor einem unbedachten Umgang mit dem Begriff der Natürlichkeit

Text von Hermann Bausinger

Prof. Hermann Bausinger leitete über 30 Jahre lang das
renommierte Ludwig-Uhland-Institut für Empirische Kulturwissenschaft
in Tübingen (Foto von: Manfred Grohe)
© Manfred Grohe
Prof. Hermann Bausinger leitete über 30 Jahre lang das renommierte Ludwig-Uhland-Institut für Empirische Kulturwissenschaft in Tübingen

Natürliche Lebensweise, natürliche Ernährung, natürliches Auftreten - Natürlichkeit ist ein kaum infrage gestellter Wertbegriff. Niemand stolpert über solche Charakterisierungen: Wer natürlich lebt, stimmt mit den Gesetzen der Natur überein, und wer sich natürlich verhält, folgt der eigenen Natur. Die Thronfolgerin, die sich bei einer pompös ausgestalteten Feierlichkeit in moderater Aufmachung zeigt; die Familie, die ihre Ernährung ganz auf die regionale Küche abstimmt; der Handwerksmeister, der spricht, wie ihm der Schnabel gewachsen ist - sie alle können mit guten Natürlichkeitsnoten rechnen. Natürlichkeit gilt als Tugend.

Schon diese Kennzeichnung verweist aber darauf, dass dem "natürlichen" Verhalten ein Entscheidungsprozess vorausgeht, denn Tugend ist kein Naturereignis. Man wählt die Natürlichkeit, könnte sich also auch anders entscheiden. Auch wer sich im Alltag natürlich gibt, trifft eine Wahl - der gewachsene Schnabel ist kein biologisches Faktum, sondern er wächst in einem sozialen Umfeld. Wie sich Menschen verhalten, ist eben immer auch Ergebnis kultureller Überformung. Deshalb ist die Berufung auf die Natur - gleichgültig, ob die uns umgebende Natur oder die menschliche Natur anvisiert wird - auch nicht immer hilfreich. Zumal wir bei der Festlegung dessen, was uns natürlich erscheint, fast immer mit widersprüchlichen Bestimmungen konfrontiert sind.


Das Grün von Bäumen suggeriert "Natürlichkeit". Aber nicht jeder Wald ist darum schon "natürlich" (Foto von: Kazuya Shiota/Aflo Relax/Corbis)
© Kazuya Shiota/Aflo Relax/Corbis
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Das Grün von Bäumen suggeriert "Natürlichkeit". Aber nicht jeder Wald ist darum schon "natürlich"

Polemik gegen das "Unnatürliche"

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts erklärte der schwäbische Philosoph Friedrich Theodor Vischer der Mode den Krieg. In mehreren Essays attackierte er die Auswüchse der damaligen Mode; insbesondere wütete er gegen den ausladenden Reifrock, die "impertinente" Krinoline, deren Trägerinnen den ganzen Gehweg beanspruchten. Er forderte die Orientierung der Kleider an der Natur, nämlich an den weiblichen Körperformen, die er einigermaßen genüsslich schilderte. Aber er wusste, dass er gegen Windmühlenflügel kämpfte, weil die Menschen zum Unnatürlichen neigen. Außerdem ist zu bedenken, dass auch das Körperideal von Zeitmoden abhängig ist; und jedenfalls hätte Vischer feststellen müssen, dass die Natur des weiblichen Körpers in der Realität nur selten den von ihm entworfenen idealen Proportionen entspricht. Vielleicht blieb ihm das ja verborgen, weil die Badesitten weniger freizügig waren als heute.

Apropos Badesitten: Deren Entwicklung und vor allem die amüsante Geschichte der Badekleidung werfen ein Licht auf die Veränderung und die Labilität des "Natürlichen". Bilder vom Strandleben aus der Zeit vor hundert Jahren sind für uns vor allem komisch; die knielangen Badeanzüge und die umständlichen Arrangements der Geschlechtertrennung erscheinen uns extrem unnatürlich. Aber es besteht kein Zweifel, dass die Beteiligten nicht nur ihre Bewegung in der Seeluft als Naturnähe empfanden, sondern dass für sie auch die gesellschaftliche Seite des Strandvergnügens natürlich war. Als natürlich gilt, was keiner besonderen Begründung bedarf und was, scheinbar, immer so war. Um noch einmal am Strand zu bleiben: Die Freikörperkultur (Kultur, nicht Natur!) vermittelt ihren Anhängern das Gefühl, Teil der Natur zu sein; das schließt aber keineswegs aus, dass die Textilfreunde das Gebaren der nicht immer mit Idealfigur gesegneten Nackten als unnatürlich empfinden.


Was wir als natürlich empfinden, hat vor allem mit Gewohnheit zu tun

Auch bei der häufigen Verwendung des Wortes "natürlich" als Füllwort kommt nicht grundsätzlich in anspruchsvoller Weise die Natur ins Spiel. Wenn jemand sagt, er komme natürlich gern mit oder er sei natürlich der gleichen Auffassung, dann zielt dies nur auf fraglose Selbstverständlichkeit. Es kann auch vorkommen, dass jemand angesichts eines fetten Schweinebratens anmerkt, das sei natürlich seine Leibspeise - nicht etwa weil es sich um ein, wenn auch eher problematisches, Naturprodukt handelt, sondern weil er eben dieses "schon immer" gern aß. Die Macht der Gewohnheit überlagert hier sprachlich eine objektive Zuordnung von Natürlichkeit. Oft ist kaum unterscheidbar, ob der Eindruck des Natürlichen im Sprachgebrauch aufgrund der Übereinstimmung des so Bezeichneten mit einer irgendwie gedachten Naturnorm oder lediglich aufgrund der durch Wiederholung hergestellten Vertrautheit entsteht.



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