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Umweltschutz: Umweltschutz: Vollpension für Atomkraft-Gegner
Massiver Protest begleitete im November 2010 den Castor-Transport in das Zwischenlager Gorleben. Der aktive Widerstand lebt nicht nur im Wendland. GEO.de-Reporterin Katja Grundmann wartete mit Demonstranten im Landkreis Uelzen auf den Zug
„Was am diesjährigen Castor-Transport anders ist? Diesmal kommt der Zug nicht durch!“, antwortet Henner Schlichting lachend auf meine Frage. „Nein, im Ernst, wirklich besonders ist, dass viele alte Demonstranten wieder mit dabei sind. Und auch viele neue, die sich bisher nicht an den Protesten beteiligt haben.“ Der 43-jährige Landwirt ist in der Anti-AKW-Bewegung bekannt, nicht zuletzt durch das circa vier Meter hohe Atom-Klo, auf dem Angela Merkel in Form einer Puppe seit der Demonstration im September 2010 in Berlin bei allen Protesten mitfährt. Familie Schlichting betreibt einen Bio-Bauernhof im Dorf Klein Bünstorf im Landkreis Uelzen direkt an der Castor-Transport-Strecke zwischen Hannover und Lüneburg. Wenn der Castor rollt, bieten sie den Demonstranten dort ein Lager für gemeinsame Aktionen.
„Das Desaster in der Asse hat vielen die Augen geöffnet“
In diesem Jahr ist eine erste Versammlung für Samstag, 21 Uhr anberaumt, dem Abend, bevor der Transport den Landkreis passieren soll. Rund 150 Gäste aus dem gesamten Bundesgebiet sind zusammengekommen, sie wollen auch außerhalb des Wendlandes ihren Unwillen gegen Atomkraft zeigen. Bernd Ebeling, Sprecher der Bürgerinitiative gegen Atomanlagen Uelzen erzählt: „Der Informationsstand ist hier ein ganz anderer als im Wendland. Vor zwei Jahren war es noch schwierig, im Landkreis überhaupt einen Artikel gegen Atomkraft in die Zeitung zu bekommen. Das hat sich geändert. Das Desaster in der Asse hat vielen Leuten gezeigt, dass Atomkraft einfach keiner im Griff hat.“
Die meisten Demonstranten kommen direkt von der Großkundgebung am Nachmittag in Dannenberg nach Klein Bünstorf. In der urigen Scheune von Hof Schlichting erwartet sie ein bombastisches Buffet, das von umliegenden Bäckern und Bauernhöfen gespendet wurde. Auch die evangelische Kirche im Ort hat im Vorfeld Unterstützung geleistet, hat eine Castor-Andacht durchgeführt und ihre Räumlichkeiten für Sitzblockaden-Trainings zur Verfügung gestellt. Auf dem Hof werden zum Kennenlernen ein paar Fragen in die Runde gestellt: Wo kommt ihr her? Seit wann beteiligt ihr euch am Protest? Seit 9 oder 17 Jahren, sind häufig genannte Antworten. Besonders viel Applaus erntet ein älteres Pärchen, das schon seit 1977 an Anti-AKW-Aktionen teilnimmt.

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Zu Beginn klärt Ebeling einige Grundsätze mit der Gruppe: „Wir befinden uns hier an der ICE-Strecke, circa alle sechs Minuten fährt ein Zug durch. Das heißt, es geht niemand auf die Schienen, das ist zu gefährlich. Wir wollen hier keine Märtyrer haben.“ Henner Schlichting pflichtet ihm bei: „Die Aktionen, die wir hier machen wollen, sollen legal und ungefährlich sein.“ Im Gegensatz zu Blockaden an der Strecke ab Lüneburg, auf der ausschließlich der Castor-Zug fährt, ist das primäre Ziel am restlichen Teil der Strecke, den Transport durch Präsenz an den Schienen zu verlangsamen. „Natürlich sind wir generell dagegen, dass der Zug fährt“, sagt Ebeling. „Aber wir sind auch dagegen, dass er anstatt wie für Gefahrentransporte vorgeschrieben 30 vielerorts 100 Stundenkilometer fährt. Das können wir mit unseren Aktionen verhindern.“
Erprobte Organisationsstrukturen
Die Gruppe teilt sich in mehr und weniger risikofreudige Demonstranten, die sich anschließend zu Bezugsgruppen zusammenfinden. Im Vorfeld wird besprochen, wer zu welchen Einsätzen bereit ist. Ob sie Angst hat, frage ich eine Soziologie-Studentin, die zum ersten Mal dabei ist. „Nein, ich bin eher gespannt. Hier sind so viele Leute, die sich auskennen, da fühle ich mich sicher.“
„Das erste Mal hatten wir im Jahr 2001 Demonstranten auf dem Hof“, erzählt der Vater von Henner Schlichting. „Damals haben wir richtig Ärger mit dem Landkreis bekommen, weil wir außer einer Info-Stelle auch noch ein Camp auf dem Feld nebenan einrichten wollten. Das haben sie uns verboten. Und am Schluss der Diskussion flüsterte der Zuständige vom Ordnungsamt mir dann zu: Ihr wisst doch, ich muss das machen. Aber morgen früh bin ich dann mit dabei.‘“
Warme Betten für Protestler
Bis nach Mitternacht werden eifrig Telefonlisten geschrieben und Landkarten verteilt. Für viele bedeuten die Aktionen rund um den Castor-Transport auch ein Wiedersehen mit Freunden, es werden alte Geschichten ausgetauscht und die beste Kleidung für den nächsten Tag besprochen. Ein Weckdienst soll die Aktivisten am Morgen wecken. Momentan rollt der Castor. Wenn er ohne Störungen durchkommt, könnte er schon gegen vier Uhr im Landkreis Uelzen sein. Wer nicht gerade Wache schiebt, um den Castor-Ticker im Internet zu verfolgen, sollte sich also lieber auf der Isomatte ausruhen. Im Gegensatz zu einer Nacht im Gleisbett sind die beheizten Räumlichkeiten auf Hof Schlichting reinster Luxus.
Gegen fünf Uhr schrecke ich hoch, noch keine Nachricht? „Der Zug steht seit zwei Stunden bei Fulda, da hat sich das Eichhörnchen von einer Brücke abgeseilt“ verrät mir einer, der draußen herumläuft. Eichhörnchen? „Das ist eine Kletter-Aktivistin aus Lüneburg. Wir können also ausschlafen.“ Prima! Noch ein kurzer Blick auf die Straße, wo ich laufende Motoren vernehmen kann. Die Polizisten, die seit einigen Tagen den Hof bewachen, versuchen, ihre Wagenheizung in Gang zu halten. In der Nacht sind die Temperaturen unter null Grad gefallen.



Kommentare zu "Umweltschutz: Vollpension für Atomkraft-Gegner"
Wann werden nur die AKW-Betreiber aufwachen. Bin froh dass ich in Österreich wohne. Im Falle eines GAUs in Europa sind aber auch die Grenzen nicht "luftdicht". Ganz zu schweigen von dem Riesenproblem der sogenannten Endlagern welche es nie mit 100%iger Sicherheit geben wird. Ich danke allen Protestierern für ihre Aktivitäten.
Ahoi, ich war auch in Klein-Bünstorf, und zum ersten Mal beim Castor und kann mich dem vorhergehenden Kommentar nur anschließen. Außerdem war ich überwältigt von der dort vorhandenen Protest-Infrastruktur...alles war super organisiert und man konnte seine Ängste, wie auch im Text angesprochen dadurch im Zaum halten, daß man nicht nur in die Planung der Aktionen eingebunden war, sondern auch einen Begriff von der vielfältigen Erfahrung der "alten Hasen" bekam. Explizit wollte ich mich auch nochmals bei der Familie Schlichting und allen Unterstützern für die super-komfortable Bleibe und die delikate Verpflegung bedanken. Nicht zuletzt bedarf es auch einer ganzen Menge Mut, auf dem eigenen Anwesen gegen die Interessen der Regierenden eine solche konspirative Versammlung einzuberufen...Hut ab! Das ist ein Lehrbeispiel für zivilen Ungehorsam! Die weiterhin sture, ignorante Haltung der Bundesregierung zeigt, daß es auch noch viel mehr solcher Helden bedarf. HELDEN GESUCHT!!!
ich war in Klein Bünstorf mit dabei und möchte mich hier noch mal für die gute Versorgung auf dem Bio-Hof bedanken. Ich hätte wirklich nicht gedacht, dass wir bei warmen Essen, Salaten und Kuchen die Aktionen für die kommenden Tage besprechen. Danke! Ganz beeindruckt bin ich von dem super organisierten und breiten kreativen Protest. Auf so verschiedene Art und Weise haben die Menschen gezeigt, dass sie gegen Atomkraft sind. Die einen mit Kerzen in der Hand, die anderen rührend im Suppentopf um die Menschen auf der Straße mit warmen Essen zu versorgen, andere, die sich mit ihrem Körper gegen den Castor stellen, zusammen mit hunderten auf die Schiene oder Straße gehen um zu bleiben...wahnsinn...diese Solidarität und das Gefühl, sich gemeinsam für etwas einzusetzen und ganz klar die eigenen Interessen zu artikulieren und einzufordern! Mein Wunsch ist, dass diese Form von Protest und Solidarität sich verbreitet um sich auch gegen andere Mißstände in dieser Gesellschaft zu erheben...