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GEO Magazin Nr. 10/11 Seite 3 von 5


"Aggressive Nichtgewalt"

Die Begegnung mit der Crew der
"Steve Irwin" lässt drei tunesische
Fischer fassungslos zurück (Foto von: Daniel Rosenthal/laif)
© Daniel Rosenthal/laif
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Die Begegnung mit der Crew der "Steve Irwin" lässt drei tunesische Fischer fassungslos zurück

Und weil sie sich wehren, mit Reizgas und Blendgranaten, eskaliert die Auseinandersetzung immer weiter. Im Januar 2010 kam es zu einem Zusammenstoß zwischen dem Sea-Shepherd-Schiff "Ady Gil" und dem japanischen Walfangschiff "Shonan Maru 2", in dessen Folge die "Ady Gil" sank. Aus Spendengeldern konnte Watson schon bald darauf ein neues Schnellboot anschaffen: die "Brigitte Bardot", benannt nach einer langjährigen Unterstützerin.

Darf man sich und andere in Lebensgefahr bringen wegen ein paar Fischen oder Walen? Wie weit darf Umweltschutz gehen? Watson hat längst gelernt,bei dieser Frage die Fassung zu wahren: "Es geht doch nur vordergründig um die Tiere. Wenn der Ozean stirbt, dann sterben wir auch." Tatsächlich produzieren die Meere nicht nur Nahrung - die Menschheit entnimmt ihnen knapp 90 Millionen Tonnen Fisch und andere Meerestiere im Jahr. Ozeane absorbieren auch ein Viertel des weltweiten CO2-Ausstoßes, wenn sie intakt und voller Leben sind. Bei Aktionen von Sea Shepherd, darauf legt Watson Wert, wurde noch nie jemand ernsthaft verletzt, weder Freund noch Feind. Zugegeben - er beobachtet den Radar, aus dem einen Punkt sind in 20 Minuten neun Punkte geworden -, zugegeben, er und seine Leute wurden schon oft verhaftet, bedroht, verklagt, aber verletzt? Er schüttelt den Kopf. "Noch nie."

"Man sollte mal analysieren, welche Leute mit welchen Interessen das Wort Ökoterrorist‘ benutzen", knurrt Watson. "In einer Welt, in der die Chinesen den Dalai Lama einen Terroristen nennen, habe ich kein Problem damit, wenn die japanische Regierung auch mich als Terroristen bezeichnet." In einem seiner Bücher hat Watson geschrieben: "Du wirst nie fähig sein, die Wahrheit wahrzunehmen, die die eine Realität ist. Es gibt einfach verschiedene Wahrheiten."

So ist es eine Wahrheit, dass alle Schiffe von Sea Shepherd strikt alkoholfreie Zonen sind, eine andere, dass es montags eben doch Bier gibt. Eine Wahrheit ist, dass Paul Watson Veganer ist, eine andere, dass er auf dem Helikopterdeck hin und wieder eine Wurst grillt und beim Landgang auch nichts gegen Oktopus-Salat einzuwenden hat. Die Welt ist kompliziert. Man muss pragmatisch bleiben.



"Aggressive Nichtgewalt" im Namen des Gesetzes
Dann blickt Watson wieder zum Radar. Sieht nach einer großen Operation aus. Noch ein paar Stunden, bis die Punkte erreicht sind. Er sieht auf die Uhr. Thunfisch? Er nickt. "Mitten in der Saison? So viele Boote? Thunfisch." Er greift das Telefon von der Wand und wählt eine Nummer. Der Bootsmann nimmt ab. Die Schnellboote müssen früh am Morgen startklar sein. Wird erledigt. Die "aggressive Nichtgewalt" kann beginnen.

"Wir versuchen Gesetze durchzusetzen, um die sich sonst niemand kümmert. Das ist alles." Oder gibt es etwa keine Fangquoten? Oder ist der Walfang im Südpolarmeer nicht verboten? Watson zuckt mit den Schultern. Sicher, sagt er, es wäre ihm auch lieber, wenn die internationale Gemeinschaft ihre Probleme selber löste, aber solange das nicht der Fall sei, werde sich Sea Shepherd darum kümmern.

Im Oktober 1982 verabschiedete die UNO die "World Charter for Nature": "Staaten und, im Rahmen ihrer Möglichkeiten, andere Behörden", heißt es dort, "internationale Organisationen, Individuen, Gruppen und Konzerne sind verpflichtet, die internationalen gesetzlichen Bestimmungen zur Bewahrung der Natur anzuwenden." Sea Shepherd beruft sich auf diesen Beschluss. "Vielleicht", sagt Watson, gießt sich Tee ein und sinkt wieder in seinen Sessel, "sollten sich alle noch mal ausruhen. Es wird früh losgehen."

Am nächsten Morgen, um halb sechs, sind aus den Punkten auf dem Radar Schiffe am Horizont geworden. Netze hängen im Wasser. Niemand auf der "Steve Irwin" zweifelt daran, dass die da drüben Thunfisch fangen. Aber wohin bringen sie ihren Fang? Die Männer auf der Brücke suchen mit Ferngläsern den Horizont ab, Watson steht vor seinem Sessel. "Hinten links: Ist das ein Kühlschiff?" Alle Ferngläser schwenken. Die Kühlschiffe übernehmen die Ladung auf hoher See, sodass die Trawlerbesatzungen keine Zeit in einem Hafen verschwenden müssen.


"Wann ist der Helikopter einsatzbereit?" Die Frage geht unter in einem Schrei. "Vorne!" So nahe, dass man hinschwimmen könnte, treibt ein Ringwadennetz im Wasser, 50 Meter Durchmesser, vermutlich genauso tief. Drei tote Blauflossenthunfische treiben an der Oberfläche. Immer wieder schäumt das Wasser. Ein ganzer Schwarm. Haben es die Fischer auf Jungtiere abgesehen? Für deren Fang gilt: Er ist illegal. Dass Jungtiere dennoch gefangen und in "Thunfischfarmen" geschleppt werden - wen interessiert das schon mitten auf dem Meer?

Dabei ist "Farm" das falsche Wort, denn die Tiere werden dort nicht gezüchtet, nur gemästet. Um ein Kilogramm Thunfisch zu gewinnen, muss man allerdings 20 Kilogramm Fisch verfüttern. Eine Thunfischfarm erhöht daher den Druck auf die wilden Fischbestände. Und Thunfischnachwuchs wird dort nie gezeugt.



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Kommentare zu "Die harte Tour"

Hansa | 28.10.2011 15:06

KOOYANISQATSI Bis der letzte Fisch geerntet ist.... Zum Glück ist heute der letzte Tag im Maya-Kalender. Der Crash kann beginnen! Gier zuerst... Beitrag melden!

Antonietta | 26.10.2011 15:18

Ein Deutscher isst ungefähr 200 Gramm Fleisch pro Tag. Macht jährlich etwa 80 Kilo Fleisch pro Kopf und rund 6,5 Milliarden Kilo Fleisch für das ganze Land. Eine solche Masse an Fleisch kann man aber nur bereit stellen, wenn man die Tiere in Massen züchtet und im Akkord tötet. Diese Massentierhaltung ist nicht nur furchtbar für die Tiere, sie ist auch schlimm für unsere Umwelt, für das Klima und für die Gerechtigkeit auf der Welt. Es gibt viele gute Gründe, nie mehr Fleisch zu essen. Aber eigentlich reicht schon einer...! Beitrag melden!

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