Hauptspalte:
"Aggressive Nichtgewalt"
Und weil sie sich wehren, mit Reizgas
und Blendgranaten, eskaliert die Auseinandersetzung
immer weiter. Im Januar
2010 kam es zu einem Zusammenstoß
zwischen dem Sea-Shepherd-Schiff "Ady
Gil" und dem japanischen Walfangschiff
"Shonan Maru 2", in dessen Folge die
"Ady Gil" sank. Aus Spendengeldern
konnte Watson schon bald darauf ein
neues Schnellboot anschaffen: die "Brigitte
Bardot", benannt nach einer langjährigen
Unterstützerin.
Darf man sich und andere in Lebensgefahr
bringen wegen ein paar Fischen
oder Walen? Wie weit darf Umweltschutz
gehen? Watson hat längst gelernt,bei dieser Frage die Fassung zu wahren:
"Es geht doch nur vordergründig um die
Tiere. Wenn der Ozean stirbt, dann sterben
wir auch." Tatsächlich produzieren die Meere
nicht nur Nahrung - die Menschheit entnimmt
ihnen knapp 90 Millionen Tonnen
Fisch und andere Meerestiere im
Jahr. Ozeane absorbieren auch ein Viertel
des weltweiten CO2-Ausstoßes, wenn sie
intakt und voller Leben sind.
Bei Aktionen von Sea Shepherd,
darauf legt Watson Wert, wurde noch nie
jemand ernsthaft verletzt, weder Freund
noch Feind. Zugegeben - er beobachtet
den Radar, aus dem einen Punkt sind in
20 Minuten neun Punkte geworden -,
zugegeben, er und seine Leute wurden
schon oft verhaftet, bedroht, verklagt,
aber verletzt? Er schüttelt den Kopf.
"Noch nie."
"Man sollte mal analysieren, welche
Leute mit welchen Interessen das Wort
Ökoterrorist‘ benutzen", knurrt Watson.
"In einer Welt, in der die Chinesen den
Dalai Lama einen Terroristen nennen,
habe ich kein Problem damit, wenn die
japanische Regierung auch mich als
Terroristen bezeichnet."
In einem seiner Bücher hat Watson
geschrieben: "Du wirst nie fähig sein,
die Wahrheit wahrzunehmen, die die
eine Realität ist. Es gibt einfach verschiedene
Wahrheiten."
So ist es eine Wahrheit, dass alle
Schiffe von Sea Shepherd strikt alkoholfreie
Zonen sind, eine andere, dass es
montags eben doch Bier gibt. Eine Wahrheit
ist, dass Paul Watson Veganer ist,
eine andere, dass er auf dem Helikopterdeck
hin und wieder eine Wurst grillt
und beim Landgang auch nichts gegen
Oktopus-Salat einzuwenden hat. Die
Welt ist kompliziert. Man muss pragmatisch
bleiben.
"Aggressive Nichtgewalt" im Namen des Gesetzes
Dann blickt Watson wieder zum Radar.
Sieht nach einer großen Operation
aus. Noch ein paar Stunden, bis die Punkte
erreicht sind. Er sieht auf die Uhr.
Thunfisch?
Er nickt.
"Mitten in der Saison? So viele Boote?
Thunfisch."
Er greift das Telefon von der Wand
und wählt eine Nummer. Der Bootsmann
nimmt ab. Die Schnellboote müssen
früh am Morgen startklar sein. Wird
erledigt. Die "aggressive Nichtgewalt"
kann beginnen.
"Wir versuchen Gesetze durchzusetzen, um die sich sonst niemand kümmert. Das ist alles." Oder gibt es etwa keine Fangquoten? Oder ist der Walfang im Südpolarmeer nicht verboten? Watson zuckt mit den Schultern. Sicher, sagt er, es wäre ihm auch lieber, wenn die internationale Gemeinschaft ihre Probleme selber löste, aber solange das nicht der Fall sei, werde sich Sea Shepherd darum kümmern.
Im Oktober 1982 verabschiedete die UNO die "World Charter for Nature": "Staaten und, im Rahmen ihrer Möglichkeiten, andere Behörden", heißt es dort, "internationale Organisationen, Individuen, Gruppen und Konzerne sind verpflichtet, die internationalen gesetzlichen Bestimmungen zur Bewahrung der Natur anzuwenden." Sea Shepherd beruft sich auf diesen Beschluss. "Vielleicht", sagt Watson, gießt sich Tee ein und sinkt wieder in seinen Sessel, "sollten sich alle noch mal ausruhen. Es wird früh losgehen."
Am nächsten Morgen, um halb sechs, sind aus den Punkten auf dem Radar Schiffe am Horizont geworden. Netze hängen im Wasser. Niemand auf der "Steve Irwin" zweifelt daran, dass die da drüben Thunfisch fangen. Aber wohin bringen sie ihren Fang? Die Männer auf der Brücke suchen mit Ferngläsern den Horizont ab, Watson steht vor seinem Sessel. "Hinten links: Ist das ein Kühlschiff?" Alle Ferngläser schwenken. Die Kühlschiffe übernehmen die Ladung auf hoher See, sodass die Trawlerbesatzungen keine Zeit in einem Hafen verschwenden müssen.
"Wann ist der Helikopter einsatzbereit?"
Die Frage geht unter in einem
Schrei. "Vorne!" So nahe, dass man hinschwimmen
könnte, treibt ein Ringwadennetz
im Wasser, 50 Meter Durchmesser,
vermutlich genauso tief. Drei tote
Blauflossenthunfische treiben an der
Oberfläche. Immer wieder schäumt das
Wasser. Ein ganzer Schwarm.
Haben es die Fischer auf Jungtiere abgesehen?
Für deren Fang gilt: Er ist illegal.
Dass Jungtiere dennoch gefangen
und in "Thunfischfarmen" geschleppt
werden - wen interessiert das schon mitten
auf dem Meer?
Dabei ist "Farm" das falsche Wort,
denn die Tiere werden dort nicht gezüchtet,
nur gemästet. Um ein Kilogramm
Thunfisch zu gewinnen, muss man allerdings
20 Kilogramm Fisch verfüttern.
Eine Thunfischfarm erhöht daher
den Druck auf die wilden Fischbestände.
Und Thunfischnachwuchs wird dort
nie gezeugt.



Kommentare zu "Die harte Tour"
KOOYANISQATSI Bis der letzte Fisch geerntet ist.... Zum Glück ist heute der letzte Tag im Maya-Kalender. Der Crash kann beginnen! Gier zuerst...
Ein Deutscher isst ungefähr 200 Gramm Fleisch pro Tag. Macht jährlich etwa 80 Kilo Fleisch pro Kopf und rund 6,5 Milliarden Kilo Fleisch für das ganze Land. Eine solche Masse an Fleisch kann man aber nur bereit stellen, wenn man die Tiere in Massen züchtet und im Akkord tötet. Diese Massentierhaltung ist nicht nur furchtbar für die Tiere, sie ist auch schlimm für unsere Umwelt, für das Klima und für die Gerechtigkeit auf der Welt. Es gibt viele gute Gründe, nie mehr Fleisch zu essen. Aber eigentlich reicht schon einer...!