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9. GEO-Tag in Crawinkel
Während in Heiligendamm der G-8-Gipfel unter strengsten Sicherheitsvorkehrungen seinen Lauf nimmt, kommt es mehr als 500 Kilometer weiter südlich zu einem Gipfeltreffen ganz anderer Dimension: Mehr als 100 Experten haben sich in Crawinkel, einem kleinen Ort im mittleren Teil des Thüringer Waldes zur Hauptveranstaltung des GEO-Tags der Artenvielfalt zusammengefunden. Ihr Ziel: Innerhalb von 24 Stunden in Berg-, Nass- und Feuchtwiesen, Halbtrockenrasen und von Hecken durchzogenen Flächen möglichst viele Tier- und Pflanzenarten aufzuspüren und zu bestimmen. Bei teils sengender Hitze durchstreifen sie das 20 Quadratkilometer umfassende Gebiet einer in Deutschland einzigartigen, halboffenen Weidelandschaft - und werden reichlich fündig (Link zur Artenliste).
Freitag, 8. Juni 2007, Hof der Agrar GmbH Crawinkel, 18 Uhr
Es gibt keine Proteste bei diesem Gipfeltreffen, keine Ausschreitungen, und die Sicherheitsvorkehrungen beschränken sich auf Mützen, Sonnenmilch, Anti-Mücken-Lotion und Handschuhe zum Schutz vor bissigen Tieren. Die geladenen Experten - insgesamt 105 - reisen nicht in Limousinen, sondern im offenen Kremser-Wagen vom Bahnhof zum zentralen Tagungsort, dem Hof der Agrar GmbH Crawinkel. Spannung liegt in der Luft - nicht nur wegen der Gewitterwolken. Zwar geht es, wie Chefredakteur Peter-Matthias Gaede betont, auch beim 9. GEO-Tag der Artenvielfalt nicht darum, Rekorde aufzustellen, aber angespornt haben die Ergebnisse vom Vorjahr die Wissenschaftler schon. Sie interessiert vor allem, wie sich die extensive Wirtschaftsweise des Betriebes auf die Artenvielfalt auswirkt. Rinder- und Pferdeherden ziehen auf dem 20 Quadratkilometer großen Gelände frei umher und gestalten die Landschaft auf ganz natürliche Weise.
In der einsetzenden Dämmerung zeichnet sich die Silhouette einer Rinderherde in der Ferne ab, die Weite der Landschaft scheint unendlich zu sein. "Hier gibt es so viel Himmel", schwärmt GEO-Mitarbeiterin Dora Reale, und man kann verstehen, warum manche Teilnehmer das Gebiet als "thüringische Serengeti" bezeichnen.
Freitag, 8. Juni 2007, ehemalige Munitionsanlage (Muna) Erlebach, Rinder-, Pferde- und Schafweide, 21.30 Uhr
"Ich könnte aus der Hose hüpfen!" Michael Franz von der Interessengemeinschaft für Fledermausschutz und -forschung Thüringen (IFT) ist etwas ungehalten, schon wieder hat sich das Fangnetz zu einem Wust verknotet, so kann es nicht aufgehängt werden. Dabei sollte jetzt eigentlich alles ganz schnell gehen, um die haarfeinen Netze noch vor Einbruch der Dunkelheit optimal positionieren zu können. Fledermäuse könnten das hauchdünne Hindernis zwar mit ihren Ultraschall-Rufen problemlos orten, doch in ihnen bekanntem Gelände verzichten sie häufig auf diese Orientierungsmaßnahme - sehr zur Freude der Fledermausexperten. Gegen 22 Uhr haben sie zwei Netze aufgestellt: Eines in einer kleinen Lichtung, das andere quer über den Weg, in unmittelbarer Nähe eines Baches, an dem es viele Insekten und damit Futter für die nächtlichen Jäger gibt. Auch an zwei weiteren Standorten haben sich die Wissenschaftler auf die Lauer gelegt. 20 Fledermausarten sind in Thüringen heimisch, doch an den Netzen ist von dieser Fledertiervielfalt vorerst nichts zu bemerken.
Reger Betrieb herrscht indes einige hundert Meter weiter an einer beleuchteten Leinwand, an der sich den Fotografen die verschiedensten Nachtfalter präsentieren. Achateule oder Gelbe Tigermotte, jedes der Tiere wird für Minuten zum umschwärmten Star. "Nur dass die einfach nicht stillsitzen", bemängelt der Schwärmer- und Zahnspinner-Experte Uwe Büchner.
Mit dem Detektor haben inzwischen die Mitglieder der IFT zwar schon die Rufe einer Bart- und einer Mopsfledermaus, eines Abendseglers und eines Großen Mausohrs erlauscht. Eine Breitflügelfledermaus ist auch schon über die Gruppe hinweggeflogen. Aber ins Netz gegangen ist immer noch keines der Fledertiere. Es scheint, als wollten sie die Forscher foppen. Doch dann eine kleine Sensation: Per Handy melden die Kollegen aus dem Untersuchungsgebiet Jonastal-Bienstein den Fang zweier Kleiner Hufeisennasen. Die nur sechs Gramm schweren Fledermäuse mit dem charakteristischen Nasenlappen sind sehr selten und im deutschsprachigen Raum nur noch in Thüringen, Sachsen und den Alpen zu finden. Etwas später wird auch in der Muna die Beharrlichkeit der Experten belohnt: Johannes Treß befreit ein Großes Mausohr aus dem Netz. Die Art ist auf Laufkäfer spezialisiert und hat ein so feines Gehör, dass sie die Raschelgeräusche ihrer Opfer im Holz hören kann. Momentan ist die Fledermaus jedoch weniger an ihrem bevorzugten Fressen interessiert als daran, sich aus Johannes Treß geübtem Griff zu befreien.
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