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Der Nationalpark als Observatorium
Tom Müller, Organisator des GEO-Tags der Artenvielfalt, betrachtet den Nationalpark im Gegensatz zu Schutzgebieten deshalb "als Observatorium, das sich die Menschheit leistet, um zu beobachten, welche Prozesse da ablaufen. Der Mensch lässt Natur zu, ohne einzugreifen." Der Preis dieses Observatoriums ist nicht zuletzt ein mentaler: Selbst bei radikalen Umbrüchen gilt es "Ruhe zu bewahren" in dem Bewusstsein, dass auch sie nur Übergangsstadien sind.
"Im Waldboden schlummert ein ungeheures Samenpotenzial", erklärt Schlüter. "Die liegen im Boden und warten auf ihre Chance. Wenn dann mal die Sonne scheint, geht's ab." Eine Ahnung davon bekommt die Gruppe beim weiteren Aufstieg, der über und unter umgestürzte Bäume, durch kniehohes Landreitgras und über wunderbar weiche Moosteppiche führt. Oben angekommen breitet sich dann doch noch ein Bilderbuch aus: Zwischen Rahel und Falkenstein liegt ein Wolkensee über Frauenau und Zwiesel, darüber steht bereits die Sonne.
Samstag, 14. Juni 2008, Kolbersbach, 9 Uhr
Auf Thomas Rettelbachs Zeigefinger hat sich ein Rostfarbiger Dickkopffalter (Ochlodes sylvanus) niedergelassen. Ihm macht wie seinen nächtlichen Artverwandten die Kälte zu schaffen. Und auch die Bienen, die der Experte am Ufer des renaturierten Kolbersbachs eigentlich sucht, haben sich noch nicht zur Nektarsuche aufgemacht. Einzig die verschiedensten Hummeln sind hart im Nehmen. "Die haben einen Pelzmantel, sind dunkel und heizen sich auf diese Weise recht schnell auf", erklärt Rettelbach. Allgemein gilt: Je wärmer, desto besser die Bienenquote. "Deshalb habe ich diese Gattung so gerne, da muss man nur bei Sonne aktiv sein."
Margariten, Glockenblumen, Lichtnelken und Disteln säumen den Bach, der sich, einst für den Holztransport begradigt, nun wieder schlängeln darf. In einem wegen des hohen Eisengehalts rostroten, stehenden Seitenarm wimmelt es vor Kaulquappen. "Erdkröten und Grasfrösche", vermutet Michael Schreder, Ranger im Nationalpark. Während Rettelbach stattdessen lieber eine grüne Blattwespe in ein Fangglas bugsiert, dürfte das den Schwarzstorch freuen, der - wie Schreder nicht ohne Stolz erzählt - "abends um fünfe hier hereinkommt zum Fischen. Brüten tut er auch, aber wir wissen nicht wo."
Samstag, 14. Juni 2008, Zwieselter Filz, 10.15 Uhr
Es will partout nicht wärmer werden. Die Wolken haben sich über dem Hochmoor wieder zusammengeballt und lassen einzelne Tropfen fallen. "Wir bräuchten Sonne", klagt Käfer-Experte Helmut Fürsch, der angesichts seines leeren Käschers lachend auf die Bibel verweist: "Wie steht in der Bibel: Ich habe den ganzen Tag gefischt und nichts gefangen." Von Frustration keine Spur, im Gegenteil. "Anfang der 1960er Jahre war ich zum ersten Mal da", erinnert sich der 81-Jährige. "Da hat's auch geregnet. So schließt sich der Kreis." Denn nächstes Jahr wird er wohl nicht mehr herkommen, der Aufstieg ist mittlerweile einfach zu beschwerlich.
Die Fläche ist von niedrigen Latschenkiefern überzogen, auf denen Fürsch ungeachtet der widrigen Witterung ein Exemplar von Brumus oblongus zu finden hofft. Dabei handelt es sich nicht etwa um einen dicken Brummer, sondern einen eher länglichen Käfer, der auf Schildläuse spezialisiert ist. Für Frank Sieber hingegen, der nebenan mit ähnlich wenig Erfolg nach Schmetterlingen sucht, wäre der Fund eines Hochmoorgelblings die Sensation. "Wenn wir da einen sehen würden - das wäre eine Sache."
Samstag, 14. Juni 2008, Kohlschachten, 10.50 Uhr
Moorbläuling, -gelbling und -perlmutterfalter stehen auch bei Rudolf Ritt ganz oben auf der Wunschliste. Der Zahnarzt, der sonst eine Praxis namens "Löwenzahn" führt, wirft sich mit seiner Kamera ins Gras. Er hat einen Brombeerspinner (Macrothylacia rubi) gesichtet, der sich wegen der Kälte widerstandslos ins rechte Licht rücken und fotografieren lässt. "Die Kollegen würden ihn gleich im Ätherglas versenken. Das mache ich nicht. Das ist doch ein hübsches Viech." Nein, er sei nicht so der Schmetterlingsfänger und -töter. "Ich versuche, das mit der Kamera zu dokumentieren." Dass das wissenschaftlich nicht ganz unproblematisch ist, ist ihm durchaus klar. Schließlich sind manche Merkmale auf einem Foto schlichtweg nicht zu sehen. "Aber ich kann das mit meinem Gewissen nicht vereinbaren, die alle umzubringen."
Dieses Problem hat sich für Klaus Burbach heute noch gar nicht gestellt. Auf die Frage, wonach er sucht, antwortet er. "Nach dem Glück." Für ihn bestünde das in fünf verschiedenen Libellenarten. Bisher ist ihm jedoch keine einzige ins Netz gegangen. Nur eine Arktische Smaragdlibelle (Somatochlora arctica) hat er bisher anhand einer abgestreiften Larvenhaut identifiziert und selbst das ist schwierig, weil der Regen der letzten Tage bereits die meisten Häute weggespült hat. Der Experte nimmt es jedoch gelassen: "Man kann's nicht zwingen." In der Früh habe es noch besser ausgesehen, aber in Höhenlagen habe man nun einmal immer das Risiko der schnellen Wolkenbildung. Da kann man nichts machen.
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