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10. GEO-Tag im Nationalpark Bayerischer Wald
Wo Deutschland am wildesten ist, genau dort sollte sie stattfinden, die Hauptveranstaltung des 10. GEO-Tags der Artenvielfalt - im Nationalpark Bayerischer Wald. Wildnis bedeutet hier nicht nur Romantik, sondern auch Konfrontation: Auf großer Fläche stirbt der alte Wald, gleichzeitig liegt darin der Kern für einen Neuanfang. Ein für manche zunächst erschreckender, aber auch ein spannender Prozess. So erlebten es wohl die meisten der mehr als 100 Experten, die im ältesten Reservat Deutschlands 24 Stunden der Artenvielfalt nachspürten
Freitag, 13. Juni 2008, im "Waldbahn"-Waggon nach Ludwigsthal, 18.05 Uhr
Zur Bestimmung der verschiedensten Tier- und Pflanzenarten braucht es meist mehr als einen kurzen Blick. Zur Bestimmung der Experten nicht. Da reicht einer auf das Gepäck: Käscher, die aus mannshohen Trekkingrucksäcken ragen, verraten den Insektenkundler, Bastkörbe in allen Variationen den Pilzsammler im Dienste der Wissenschaft. Ornithologen, Pflanzenkundler oder auch Fledermaus-Experten sind wegen des handlicheren Equipments schon schwerer auszumachen, doch Wanderschuhe, Khaki-Hosen und entsprechende Reiseliteratur lassen Rückschlüsse zu.
Rund eine Stunde später, wenn sie im Haus zur Wildnis im Bayerischen Wald angekommen sind, werden sie alle für die nächsten zwei Tage an den dort ausgegebenen sandfarbenen Westen zu erkennen sein - und an der Begeisterung, mit der sie sich ans Werk machen. 20 Untersuchungsgebiete vom Hochmoor über das Offenland der Schachten (ehemals künstlich angelegte Hochweiden) bis hin zu Bachauen und natürlich dem hier reichlichen Wald liegen in dem 243 Quadratkilometer großen Gelände vor ihnen.
Ein ermutigender Auftakt auch: Eben hatten sich die Experten beim Aufstieg zum Haus der Wildnis noch darüber Gedanken gemacht, ob sie im Laufe der nächsten Tage wohl auch einmal einen Luchs zu Gesicht bekommen werden, da steht er schon vor ihnen. Im Wildgehege ist die ansonsten so scheue Wildkatze zwischen zwei Felsen hervorgetreten.
Freitag, 13. Juni 2008, Kolbersbach, 22.15 Uhr
Die Wolken, die vor wenigen Stunden noch bedrohlich über den Bäumen hingen, sind weitergezogen. Die Nacht ist sternenklar und für Mitte Juni reichlich kalt. Der Atem steht weiß vor Hermann Hackers Mund, der eben seiner Enttäuschung Luft macht: "Es ist nichts los. Das sind so ziemlich die ungünstigsten Bedingungen, die man sich vorstellen kann", seufzt der Nachtfalter-Experte ob der Kälte. Dazu noch das Licht des zunehmenden Monds. Das weiße Tischtuch, das Hacker für Fangzwecke zwischen zwei Stangen aufgespannt hat und nun mit einer 250-Watt-Lampe bestrahlt, verliert damit zusätzlich an Attraktivität. Rund 150 bis 200 Nachtfalter-Arten wären hier zu erwarten, schätzt Hacker, magere fünf haben sich bisher anlocken lassen.

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Zwar sind viele der Nachtaktiven auch noch bei Temperaturen unter dem Nullpunkt flugfähig. Im Sommer scheinen sie jedoch zu wissen, dass es nach der Schafskälte wieder wärmer wird und warten lieber ab. Selbst Arten, deren Vorfahren bereits die letzte Eiszeit überlebt haben, lassen sich an diesem Abend nicht blicken. Umso mehr Aufmerksamkeit erfährt deshalb der Achat-Eulenspinner (Habrosyne pyritoides), der - immerhin pünktlich zur Ankunft einer Besuchergruppe - ein wenig klamm ins Schweinwerfer-Licht flattert und sich wenig später in einem Fangglas wiederfindet.
Einige Meter unterhalb präsentieren Ulli Marckmann und Volker Runkel das selbst entwickelte automatische System zur Fledermauserfassung und Rufanalyse: Das Gerät steckt in einer Stoffhülle auf einem rund zwei Meter hohen Stab, rechts ragt eine Art dicke Stricknadel waagerecht heraus. Es unterscheidet Fledermausrufe von anderen Signalen, zeichnet die Rufsequenzen automatisch auf und zeigt dann am Computer an, um welche Arten es sich handelt. In dieser Nacht sind es Mops-, Bart- und Zwergfledermaus. Auch sie schätzen die Kälte nicht besonders, doch die Weibchen bekommen bald ihr Junges und müssen fressen.
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