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GEO Magazin Nr. 7/07 Seite 1 von 4


Naturkundemuseum: Altes in neuem Licht

Mit fast 30 Millionen Objekten besitzt das Museum für Naturkunde in Berlin eine Sammlung von Weltrang - nur dass dies Jahrzehnte lang kaum jemand zur Kenntnis nahm. Nun gehen die Wissenschaftler der Institution in die Offensive: Sie zeigen in erneuerten Ausstellungssälen, welche Kostbarkeiten sie hüten

Text von Katja Trippel

Eine Lichtung im Wald, umringt von hoch aufragenden Araukarien. Schwere Schritte erschüttern die von spitzen Blattschuppen überzogenen Zweige dieser Bäume. Eine Bestie, so lang wie ein Stadtbus, bricht durch ins Helle. Es ist ein Allosaurus, einer der gefräßigsten Räuber der Jurazeit. Er hält inne, etwas scheint ihn zu irritieren. Zehn Gehminuten vom Berliner Hauptbahnhof entfernt, im neu gestalteten Lichthof des Museums für Naturkunde, hätte der Saurier auch allen Anlass dazu, gäbe es ihn denn wirklich. Aber auch als Fiktion ist er eindrucksvoll, erzeugt von einem "Juraskop", einer Art Aussichtsfernglas, das hier zwischen sieben Saurierskeletten steht. Blickt man hinein und fokussiert auf eines der Gerippe, wachsen um dieses Muskeln, dann Panzerhaut. Die Körper beginnen sich in Szenen zu agieren, wie sie sich vor 150 Millionen Jahren wohl abgespielt haben mögen. Oder zumindest so, wie Kristian Remes sich das vorstellt.


Die Patina von mehr als hundert Jahren: In einem Magazin der ornithologischen Sammlung türmen sich Schubfächer voller
Vogelbälge. Gut 90 Prozent der gegenwärtig weltweit existierenden Vogelarten sind in Berlin versammelt, 7000 Exemplare lebensnah auf Ständer montiert, so der Gänsegeier (Foto von: Hans Hansen)
© Hans Hansen
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Die Patina von mehr als hundert Jahren: In einem Magazin der ornithologischen Sammlung türmen sich Schubfächer voller Vogelbälge. Gut 90 Prozent der gegenwärtig weltweit existierenden Vogelarten sind in Berlin versammelt, 7000 Exemplare lebensnah auf Ständer montiert, so der Gänsegeier

Der 28-jährige Geologe und Paläontologe schreibt gerade an einer Doktorarbeit über die Lebensweise der Saurier und hat die Mediengestalter der Agentur ART+COM bei den von ihnen entworfenen Computeranimationen wissenschaftlich beraten. Auch die Präsentation der Knochen-Originale wurde von ihm akribisch überprüft. Fünf Skelette aus Tendaguru im heutigen Tansania sind darunter - so Brachiosaurus brancai, die mit über 13 Metern höchste, aus echten Fossilien montierte Saurierrekonstruktion der Welt. Zur Wiedereröffnung des renovierten Museums-Lichthofes hat Remes ihnen, wie auch der 1911 als Geschenk nach Berlin gelangten Kopie eines nordamerikanischen Diplodocus, ein völlig neues Erscheinungsbild verpasst. An dem damals nachempfundenen Lebensbild hat sich durch Forschungsresultate aus aller Welt inzwischen vieles geändert. Ein Beispiel: der Berliner Kentrosaurus mit seinen "Irokesen"-Stacheln. 70 Jahre lang trug er ein Paar armdicke gefährlich spitze Dornen auf der Hüfte. Doch an einem 1992 in China ausgegrabenen kompletten Kentrosaurus- Verwandten setzten die Dornen unverkennbar an den Schultern an, nicht tiefer.


Paradiesvögel aus Neuguinea bilden nur einen winzigen
Teil der 135.000 Bälge umfassenden Vogelsammlung
im Berliner Naturkundemuseum. Doch dieses Naturarchiv ist gefährdet: Mangels Klimaanlage sind die Präparate abwechselnd
Hitze und Kälte, Trockenheit und Feuchte ausgesetzt (Foto von: Hans Hansen)
© Hans Hansen
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Paradiesvögel aus Neuguinea bilden nur einen winzigen Teil der 135.000 Bälge umfassenden Vogelsammlung im Berliner Naturkundemuseum. Doch dieses Naturarchiv ist gefährdet: Mangels Klimaanlage sind die Präparate abwechselnd Hitze und Kälte, Trockenheit und Feuchte ausgesetzt

Ein modernes Wissenschaftszentrum

Doch ging es nicht nur um fachliche Richtig-Stellungen, der Sauriertrupp wurde auch durch eine Schönheitskur für die Wiedereröffnung der zentralen Schaubühne des Museums fit gemacht. Kristian Remes musste genau darauf achten, dass jeder der 1500 aufpolierten Knochen in die richtige Halterung gesteckt wurde. Nun machen die Urreptilien im Lichthof eine viel dynamischere Figur. Es ist, als hätten sie teil an jener Aufbruchstimmung, die im ganzen Haus zu spüren ist. Denn nicht nur die Lichthof-Ausstellung "Saurierwelt - Leben im Jura" öffnet am 13. Juli neu. Auch das westliche Treppenhaus und zwei Säle wurden renoviert und mit neu konzipierten Ausstellungen über "Sonnensystem und Kosmos", das "System Erde", "Evolution in Aktion" bestückt. Damit will Reinhold Leinfelder, Anfang 2006 zum Generaldirektor des Naturkundemuseums berufen, mehr erreichen als die Auffrischung von Fakten und eine zeitgemäße Präsentationstechnik. Er möchte das Museum nicht nur als Schauhaus verstanden wissen, sondern auch als ein modernes Wissenschaftszentrum, in dem die Erkenntnisse der vielen hier arbeitenden Forscher mit dem Publikum geteilt werden können.


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    Schlangenskelette. Hunderte von Schachteln. Unmöglich, sich hier als Laie zurechtzufinden. Zum Glück steht GEO-Fotograf Hans Hansen ein Kurator zur Seite, der die schönsten Stücke präsentiert - Teil jener tausend Exemplare, die Hansen im Berliner Naturkundemuseum in Augenschein genommen hat

Im Mittelpunkt stehen Fragen der Evolutions- und Biodiversitätsforschung

In der Tat sind die wissenschaftlichen Aktivitäten der Berliner äußerst vielfältig - ob in den Museumssammlungen oder auf Expeditionen, ob mit morphologischen Studien oder Computersimulationen, im neuen Isotopen-Labor oder im molekularbiologischen Labor des neu gegründeten "Interdisziplinären Zentrums für Genetische Variabilität und Anpassungsfähigkeit". Im Mittelpunkt vieler Arbeiten stehen erwartungsgemäß Fragen der Evolutions- und Biodiversitätsforschung, traditionell aber auch die Planeten- und Meteoritenkunde. Noch haben die Museumswissenschaftler kaum Zeit gefunden, sich bei allen von der neuen Leitung angestoßenen Projekten auf eine gemeinsame Forschungslinie festzulegen. Doch Leinfelder hält beide Bereiche für gut vereinbar: Gerade die Wechselwirkung zwischen den äußeren Faktoren - Meteoriteneinschlägen, Vulkanismus, Klimaänderungen - und den inneren Faktoren der Ökosysteme treibe die Evolution und Artenbildung ja entscheidend voran.


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Kommentare zu "Naturkundemuseum: Altes in neuem Licht"

Rosemarie | 29.08.2007 14:10

Ich bin Jahrgang 1934 und habe bis 1948 in Berlin gelebt.
Nach dem Krieg gab es für uns Kinder nicht viel Möglichkeiten der Freizeitbeschäftigung, vorallem nicht bei schlechtem Wetter. Da war ich sehr oft in dem einzigen heilgebliebenen Museum, in unserem heißgeliebten Naturkunde-Museum. Es war eine wundersame heile Welt in unserem so ganz kaputten Berlin. Vor 4 Jahren zeigte ich meinem inzwischen verstorbenen Mann, wo ich mir als Kind mein Fernweh hergeholt habe. Jetzt werde ich mir möglichst bald das hergerichtete Haus anschauen, ich freue mich darauf! Beitrag melden!

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