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Lebensmittelproduktion: Umweltzerstörung: Plantage statt Regenwald

Weshalb der globale Appetit auf Fleisch Südamerikas Natur zerstört, wie zwei asiatische Länder zu den größten Palmöl-Produzenten der Erde wurden - und wieso der Wunsch nach Shrimps Mangrovenwälder gefährdet

Text von Henning Engeln, Jana Hauschild und Rainer Harf

Fast 75 Millionen Tonnen Sojabohnen haben brasilianische Landwirte 2011 geerntet - dabei stammt das Gewächs ursprünglich aus China und war lange Zeit auf dem südamerikanischen Kontinent nicht verbreitet. Inzwischen aber wird es dort auf einer Fläche kultiviert, die allein in Brasilien das Ausmaß Großbritanniens angenommen hat.
Für die Monokulturen aus Sojapflanzen mussten Millionen Hektar artenreicher Waldgebiete und Savannenareale weichen - und das nicht etwa, um die einheimische Bevölkerung zu ernähren, sondern vor allem, um den riesigen Appetit auf Fleisch in China und den Staaten der EU zu befriedigen. Denn 80 Prozent der Soja-Erträge dienen ausschließlich dazu, Geflügel, Schweine oder Rinder zu mästen. Allein in Brasilien werden Jahr für Jahr 2,6 Millionen Hektar Wälder und Naturflächen vernichtet, um neue Äcker anzulegen. Dabei sind vor allem drei Lebensräume betroffen:


  • der atlantische Regenwald an der Ostküste, der eine besonders große Vielfalt an Lebewesen beherbergt; 20.000 Pflanzen- und 2315 Wirbeltier-Arten leben dort, von denen viele nirgendwo sonst auf der Erde vorkommen;
  • die Savannenlandschaft des Cerrado mit mehr als 10 000 Pflanzen- und 2013 Wirbeltier-Spezies;
  • der Regenwald am Amazonas - das wohl artenreichste Biotop überhaupt.


Für den Anbau von Ölpalmen (oben Terrassenfelder in Sarawak) werden große Regenwaldflächen vernichtet. Mehr als zehn Millionen Hektar Plantagen in Indonesien und Malaysia dienen bereits heute der Palmölproduktion (Foto von: Mattias Klum/National Geographic/Getty Images)
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Für den Anbau von Ölpalmen (oben Terrassenfelder in Sarawak) werden große Regenwaldflächen vernichtet. Mehr als zehn Millionen Hektar Plantagen in Indonesien und Malaysia dienen bereits heute der Palmölproduktion

Auch in Südostasien schrumpfen die tropischen Wälder - vor allem wegen neuer Palmöl-Plantagen. Deren Flächen hat sich zwischen 1997 und 2005 weltweit fast verdoppelt. Das Pflanzenöl wird besonders in Nahrungsmitteln verarbeitet, etwa in Margarine, oder dient zum Frittieren von Pommes frites. Ganz überwiegend stammt es aus Indonesien und Malaysia: Die beiden Länder stellen derzeit 88 Prozent des Palmöls auf der Erde her. Dafür haben sie Teile ihrer Regenwälder geopfert. Eine Fläche größer als Bayern ist allein in Indonesien von Palmöl-Plantagen bedeckt. Und Malaysias Landfläche besteht zu einem Siebtel aus Anbaugebieten dieser einen Pflanze.


Lebensmittelproduktion ohne Grenzen

Die Umweltzerstörung im Dienste der Lebensmittelerzeugung macht bei den Wäldern und Savannen nicht halt. Weil die Menschen weltweit jedes Jahr pro Kopf mehr als 17 Kilogramm Fisch und Meeresfrüchte verzehren, werden auch Küstenbiotope zerstört. Vor allem die massive Garnelenzucht an Meeresküsten, Flussmündungen und Lagunen der Tropen und Subtropen lässt ein Ökosystem rasant schrumpfen: das der Mangrovenwälder.

Jährlich schwinden knapp ein Prozent der Mangrovenflächen auf der Erde - zu einem großen Teil, um Garnelenfarmen zu weichen. In weniger als 100 Jahren könnten sie fast vollständig verschwunden sein - und mit ihnen Dutzende Pflanzen- und Tierarten, die nur dort vorkommen. Darüber hinaus schützen Mangroven das dahinterliegende Land vor Wind und Wellen, liefern Nährstoffe für Seegras und Korallenriffe und dienen als Brutstätte für zahllose Fischarten. Schätzungen zufolge sind zudem rund 80 Prozent des globalen Fischfangs direkt oder indirekt abhängig von diesem Küstenbiotop: Werden die Mangroven zerstört, gehen die Erträge der Fischer vor Ort zurück.


Produktvielfalt im Austauach gegen Artenvielfalt

Auch im Binnenland lässt die Waldzerstörung die Artenvielfalt schrumpfen. Wie sehr sie etwa die Flora und Fauna der Tropenwälder Südostasiens in Mitleidenschaft zieht, zeigen Studien internationaler Biologenteams: Die Plantagen beherbergten 77 Prozent weniger Vogel und 83 Prozent weniger Schmetterlingsarten als der ursprüngliche Wald.

Die malaysische Regierung bestreitet vehement, dass die Anlage von Palmöl-Plantagen den Regenwald verdränge und damit Lebensräume zerstöre. Das Image der Pflanze soll ökologisch unbelastet sein, denn immerhin verdankt die Wirtschaft des Landes ihr einen kräftigen Auftrieb: Die Palmölindustrie sorgt für mehr als fünf Prozent des Bruttoinlandsprodukts und beschäftigt 1,4 Millionen Arbeiter. In Brasilien dagegen bewirkte der Druck zahlreicher Umweltschutzverbände, dass die Soja-Produzenten umzudenken begannen. Sie sagten zu, nur noch mit Soja von Flächen im Amazonasgebiet zu handeln, die vor dem 24. Juli 2006 gerodet worden sind. Seither gingen lediglich drei Prozent der neuen Rodungen auf Soja zurück.


Ackerflächen für den weltweiten Fleischhunger
Doch der weltweite Bedarf an Soja-Äckern und anderen landwirtschaftlichen Nutzflächen wird weiter zunehmen. Da die Erdbevölkerung wächst und die Menschen zudem immer mehr Fleisch und Milch konsumieren, werden zusätzliche Flächen zum Anbau von Futterpflanzen benötigt - sowie Weiden für das Vieh: Schon heute nutzen Landwirte 70 Prozent aller Agrarflächen auf der Erde für die Futterproduktion oder als Viehweiden. Fleischkonsum treibt also den Raubbau an der Natur voran, und es ist kein Ende abzusehen. Denn selbst die vorhandenen Ackerflächen drohen zu schrumpfen: Die intensive Nutzung laugt die Böden aus, sie können kein Wasser mehr speichern, trocknen aus, werden vom Wind abgetragen.

Auf diese Weise droht vielen Landstrichen Austrocknung und Versteppung. Weltweit, so schätzen Fachleute, gehen jedes Jahr rund 20 Millionen Hektar Ackerfläche verloren. Der Wunsch nach tierischem Eiweiß ist ein Motor dieses Prozesses. Zwischen 1961 und 2009 hat sich die weltweite Fleischproduktion mehr als vervierfacht: von rund 70 auf fast 300 Millionen Tonnen. Der Pro-Kopf-Verzehr der Bundesbürger beträgt heute 60,7 Kilogramm Fleisch pro Jahr - von Tieren, die zum großen Teil mit Soja aus Südamerika gefüttert werden. Wollte man diesen Bedarf in Deutschland decken, müsste man dafür eine Fläche in der Größe Mecklenburg-Vorpommerns mit Soja bepflanzen.

Lesen Sie nächste Woche: Brot für den Müllberg - warum wir einen großen Teil unserer Nahrungsmittel einfach wegwerfen.

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Mehr zu den Themen: Umwelt, Ernährung, Konsum

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