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GEO Magazin Nr. 07/11 Seite 2 von 4


Vom Hungerleider zum Großbauern

Vom Hungerleider zum Großbauern?

Im Sommer 2010 habe ich im Hafen von Dschibuti Hunderte Männer gesehen, die am Fließband Korn in Säcke füllten und auf Lastwagen luden. Am Massengut- Umschlagplatz lagen drei US-Frachter mit 130.000 Tonnen Weizen für das UN-Welternährungsprogramm (WFP). Alle 40 Minuten - und zwar Tag und Nacht - verließ ein Dutzend Lastwagen Dschibuti in Richtung Äthiopien. Kein anderes Land auf der Welt empfängt mehr Hungerhilfe vom WFP. Knapp jeder zweite der 84 Millionen Einwohner ist unterernährt. Äthiopien ist der Inbegriff von Armut, Dürre, Hunger.

"Land ist unser größtes Kapital", sagt Abi Woldemeskel. Der Direktor der staatlichen Investitionsagentur konterkariert das Bild vom aussichtslos abhängigen Hungerleider, das ich aus Dschibuti mitgebracht habe. Das meiste Land sei noch ungenutzt! Sein "Investitionsführer 2010" preist 11,55 Millionen Hektar - viermal Belgien. Und dann sind da noch jene 23 Millionen Hektar minderwertige Böden, auf denen sich laut Energieministerium Biotreibstoffe anbauen ließen: genug, um zum Beispiel das Wirtschaftswunder Brasilien zu übertreffen.


In Äthiopien gehört alles Land dem Volk - viele Äthiopier wissen davon nichts (Foto von: Johan Bävman/ Moment Agency)
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In Äthiopien gehört alles Land dem Volk - viele Äthiopier wissen davon nichts

Der äthiopische Staat ist zwar sozialistisch geprägt - aber er ist auf private Investoren angewiesen, um seinen neuen Fünfjahresplan zu erfüllen: die Verdopplung des Bruttoinlandsprodukts und der Agrarerträge bis zum Jahr 2015.


Das ist ehrgeizig. Das klingt wie eine Vision. Setzt Äthiopien zum großen Sprung hinaus aus der Hungerkrise an? Oder grassiert der Größenwahn? In den Ämtern? Auf den Superfarmen?

Auch der indische Investor Karuturi liebt die große Zahl, Äthiopien ist sein Schlaraffenland mit Reis und Zucker im Überfluss. Zehntausende

Arbeitsplätze verspricht er in der heißen Ebene von Gambella. Und Devisen für die Regierung im Wert von einer Milliarde Dollar.


Die "weltbeste" Farm - mitten im Nationalpark

Zwischen dem Eingangs- und dem Ausgangsschild der Karuturi-Farm liegen 79 Kilometer und eine schnurgerade Schotterpiste, die einzige Straße durch das Gelände. In einer mühseligen halben Stunde fahren wir gerade einmal 20 Kilometer. Affenhorden trollen sich vom Weg, ein Krokodil verschwindet im Gras. Rechts und links Akazien, Feuchtsavanne.

"Ölpalmen!", ruft Sekhon, "Zuckerrohr, Reis, Mais!" Als könne er die Wildnis allein mit Worten bezwingen, redet der zierliche Mann ununterbrochen: In zwei Jahren will er die ersten 100.000 Hektar bewirtschaften. Dann 300.000. Eine Fläche größer als Luxemburg, und Sekhon malt eine geradezu luxemburgische Infrastruktur aus: 10.000 Kilometer Straßen, von Bäumen gesäumt, Wohncamps, Krankenhäuser, Schulen, Geschäfte, Kino. Kurz: "Die am besten geführte Farm der Welt."

"Und was wird dann aus dem Nationalpark?", frage ich.

"Der liegt woanders", sagt Sekhon, "ich habe hier noch nie ein großes Tier gesehen!"

Der Gambella-Nationalpark gilt als der unberührteste Äthiopiens. Giraffen leben in ihm, Elefanten, Löwen, Leoparden und endemische Weißohr-Antilopen. Nach jüngster Zählung 800.000 bis zu einer Million Tiere, die über die Grenze zum Südsudan wandern. Das ist die zweitgrößte Migration weltweit, mehr Tiere ziehen nur in der Serengeti.

Ich vergleiche Karuturis Karte mit der des 1974 gegründeten Nationalparks: Totale Übereinstimmung. Vor allem ökologisch wertvolle Sümpfe liegen auf der Großfarm. Sie regulieren das Klima der Region, sind Jagd- und Fischgründe.

Karuturi will, das ist Teil des Feldzuges, die Feuchtgebiete kanalisieren und eindeichen. Zum Be- und Entwässern darf das Unternehmen den Baro nutzen. Jenen Fluss, an dem fast alle Einwohner der Gegend siedeln, aus dem sie trinken, an dem sie sich waschen, ihr Vieh tränken. Allein für seine 400.000 Ölpalmen will Sekhon bis zu 180.000 Kubikmeter täglich abpumpen - 75 Prozent dessen, was sämtliche Hamburger Haushalte verbrauchen. Zudem wird der strapazierte Wasserhaushalt der Gegend Tausende Kilo Dünger und Pestizide schlucken müssen.


Der Unternehmer Karuturi will die Feuchtgebiete kanalisieren und eindeichen. Zum Be- und Entwässern darf der Fluss Baro genutzt werden (Foto von: Johan Bävman/ Moment Agency)
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Der Unternehmer Karuturi will die Feuchtgebiete kanalisieren und eindeichen. Zum Be- und Entwässern darf der Fluss Baro genutzt werden

Sekhons Ölpalmen wachsen noch in einer Baumschule heran. Ein Junge besprüht die Setzlinge mit Pflanzenschutzmitteln. Er trägt keinen Mundschutz. Das Gift rinnt aus der Rückenpumpe über seine Haut; er verwendet die Insektizide Monocrotophos und Endosulfan. Der Agrochemiker, dem ich später diese Namen nenne, ist entsetzt: "Das sind brutalste Mittel! Die sind in Europa längst verboten." Harmlosere Pestizide soll Karuturi abgelehnt haben: "Nicht die teuren Produkte. Das hier ist doch Afrika."


Was aber sagt die Nationalparkverwaltung zu dieser Invasion? Nichts, jedenfalls nicht offiziell. Die Mitarbeiter haben Angst. Konsultiert hat sie bei der Landvergabe keiner. Die verantwortliche Bundesbehörde durfte die Pachtverträge nicht einsehen. Und weil die Grenzen des Schutzgebiets nie gesetzlich verankert worden sind, wird der Park demnächst verlegt.

Zwar schreiben die äthiopischen Umweltgesetze vor, dass vor einer Landvergabe ein Verträglichkeitsgutachten erstellt werden muss - doch das findet sich in den Investitionsgesetzen nicht wieder. Auch Sozialgutachten musste bisher kaum ein Großinvestor vorlegen, wird in einer Weltbank-Studie kritisiert. Niemand werde verpflichtet, seine Versprechen von Krankenstationen oder Schulen auch einzulösen.


Sekhon erzählt, die Behörden hätten angeboten, die Dörfer auf dem Karuturi- Gebiet umzusiedeln. Er habe abgelehnt. Schließlich brauche er Arbeitskräfte.



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Kommentare zu "Landraub in Äthiopien?"

M.F. | 19.12.2013 21:12

Wer sich für das Thema "Landgrabbing" bzw. dem Menschenrecht sich selbst zu ernähren interessiert, sollte sich an die Menschenrechtsorganisation FIAN (FoodFirst Information And Action Network) wenden, Deutsche Homepage des Kölner Büros: www.fian.de Internationale Homepage des Heidelberger Büros: www.fian.org. Beitrag melden!

Rainer Hoffmann | 12.12.2011 21:36

Schlimme Zustaende. Einerseits fast allmaechtige korumpierbare Herrscher, andererseits eine ueberwiegend unwissende fast rechtlose und um ihre nackte Existenz kaempfende Bevoelkerung. Ideal fuer Raubritter aller Art. Der Auspluenderung von Natur und Bevoelkerung stehen damit viele Wege offen. Von ausserhalb kann es da hoechstens kompetente Beratung geben. Ob die allerdings interessenfrei moeglich ist wage ich zu bezweifeln. Ausserdem muss sie dann noch gewollt sein und auch umgesetzt werden. Fast Aussichtslos. Aber sind wir nicht auch gerade dabei solche Verhaeltnisse zu schaffen! Mieserable Politik macht es moeglich. Erst wird die Karre durch Fehlentscheidungen und handlungsunfaehige Politik gegen die Wand gefahren und dann muss sie ausgerechnet von den Raubrittern gerettet weden. So verkauft man Demokratie in Europa! Alles wird dann nur noch den Interessen des grossen Geldes untergeordnet. Wenn die Politik dann nicht mehr frei handlungsfaegig ist sind wir in Afrika. Beitrag melden!

Ortner Barbara | 11.11.2011 15:30

Es ist erschütternd. Warum unternimmt die UNO dagegen nichts? Die FAO kann doch nicht glauben, dass dieser Landraub fair abläuft? Warum gibt man den Bauern in Äthiopen nicht die Unterstützung, dami sie ihr Land effizienter Bearbeiten können? Ich werde meinen privaten Konsum noch mehr einschränken, sonst kann ich als Einzelne nichts unternehmen.
Diese billigen Rosen aus Afrika kaufe ich schon lange nicht mehr, aber wer kann mir garantieren, dass auch die teuren Rosen nicht aus einer farm aus Afrika kommen? Die Frage bleibt auch stürze ich mit der Konsumverweigerung die Menschen dort nicht noch in größeres Elend? Es ist ein Teufelskreis! Beitrag melden!

kla4tanz | 29.09.2011 19:09

Das ist ja echt supergruselig. :-( Und all das nur, weil wir reichen Industrienationen unser Luxusleben immer noch weiter steigern wollen.

Danke für diesen erschütternden Bericht. Beitrag melden!

Hansa | 29.09.2011 17:11

war das nicht schon in der GEO-Ausgabe von voriger Woche??? Beitrag melden!


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