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GEO Magazin Nr. 08/11 Seite 1 von 2
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Kernkraft: Das Gute an der "German Angst"

Kaum eine Frage wird seit Fukushima so penetrant gestellt wie diese: Wie erklärt sich die deutsche Erregung über die Reaktorkatastrophe? Gibt es wieder einmal eine German Angst, einen speziellen Hang der Deutschen zur Hysterie? Ein Kommentar

Text von Joachim Radkau

Angst als Entwicklungstreiber: Aktivisten-Plakat am AKW Niederaichbach  (Foto von: picture alliance/dpa )
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Angst als Entwicklungstreiber: Aktivisten-Plakat am AKW Niederaichbach

Natürlich haben solche Fragen einen Unterton von Ironie, wobei Angst, Furcht, Vorsicht, Besonnenheit und produktive Unruhe dabei oft durcheinandergeworfen werden. Die Frager geben sich gern weltmännisch überlegen; es ist ihnen aber offensichtlich unbekannt, dass außer der Bundesrepublik noch ein Dutzend andere Staaten in Europa bislang auf die Kernenergie verzichtet haben. Dass der Protest gegen die Kerntechnik aus den USA stammt. Und dass die ersten Bauplatzbesetzungen von geplanten Kernkraftwerken 1971 in Frankreich stattfanden.


Fukushima stellt die Zukunft der Kernenergie keineswegs nur in Deutschland infrage. "Nuclear power under fire", lautete Anfang April die Hauptschlagzeile von "World and Press", dem zweiwöchentlichen Überblick über die angloamerikanische Presse. Und doch trifft es zu, dass die Deutschen im Protest gegen die Kerntechnik weltweit Spitzenreiter sind. Dieser Widerstand gegen eine als gefährlich empfundene Technik hat sich seit den großen Demonstrationen der 1970er Jahre nicht nur mit bemerkenswerter Zähigkeit gehalten. Er wurzelt bereits weit früher. Bereits in den 1950er Jahren, als die Medien in überschwänglicher Begeisterung für das "friedliche Atom" schwelgten, beobachtete Friedrich Münzinger, der Verfasser des damals führenden Standardwerkes über Kernreaktoren, dass viele Deutsche "nuklearen Anlagen argwöhnischer gegenüberstehen als beispielsweise die Amerikaner".


Man hätte erwarten können, dass Münzinger seine Landsleute dafür zur Räson gerufen hätte; aber das Gegenteil war der Fall: Für ihn war der Argwohn ein Zeichen deutscher Vernunft und ein Beweis, dass hierzulande erfahrene Ingenieure mehr Gehör finden als "Geschäftemacher".


Münzinger war ein alterfahrener Kraftwerksbauer - schon 1913, unter Walther Rathenau, hatte er bei der AEG begonnen - und wusste nur zu gut, dass Großkraftwerke keine Schokoladenfabriken sind: Mit Explosionen muss man dort immer rechnen. Mit Nachdruck wies er deshalb darauf hin, dass die Kerntechnik ganz neuartige Risikodimensionen mit sich bringe, und zog daraus die Quintessenz: "Das Publikum wehrt sich daher mit Recht gegen alles, was die Atmosphäre, die Erde oder die Wasserläufe radioaktiv verseuchen könnte."


Und wenn Münzinger klagte, die Welt sei von einer "Atomkraftpsychose" gepackt, meinte der Kernkraftexperte damit nicht etwa hysterische Angst, sondern die überdrehte Kernkrafteuphorie jener Zeit, als man in das "friedliche Atom" nach Herzenslust Wunschträume projizierte. Rosige nukleare Zukunftsverheißungen seien nichts anderes als "durch Sachkenntnis nicht getrübte Flunkereien", so Münzinger. Wenn viele Deutsche darauf nicht hereinfielen, zeuge das nur von Wirklichkeitssinn.

Wenn demgegenüber heutige Kernenergie-Verfechter die Sorge gegenüber der Atomkraft als typisch deutsche Angst ins Lächerliche ziehen, übernehmen sie - obwohl sonst oft erzkonservativ - kurioserweise unbesehen eine Grundannahme der antideutschen Achtundsechziger: "Was spezifisch deutsch ist, kann nur schlecht sein."


Es gibt jedoch auch vernünftige deutsche Traditionen. Wer den Deutschen pauschal Technikfeindschaft und Technikangst unterstellt, hat von der deutschen Technikgeschichte keine Ahnung. Wenn sich deutsche Ingenieure in typischen Fällen über technische Risiken sorgten, war das keine unbegründete Angst, sondern eine produktive Unruhe, die der deutschen Technik ihr zu Recht gutes Image eintrug: das der unbedingten Zuverlässigkeit.



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Kommentare zu "Das Gute an der "German Angst" "

Jenny | 15.12.2011 00:04

Ich besuche zur Zeit eine Vorlesungsreihe der RUB zu diesem Thema und habe bisher einige Erkenntnisse für mich daraus gefiltert. Man kann es wirklich als die "German Angst" bezeichnen, was aber bisher immer was Gutes hatte, da unsere Technologien,die mit einer gewissen Gefahr behaftet sind, die vermeintlich höchsten Sicherheitsvorkehrungen haben. Dennoch habe ich die Befürchtung, dass die andere " German Angst" uns dazu verleitet einfach zu schnell zu handeln! Die Frage nach Endlagern ist immer noch nicht geklärt und vielleicht ist es im Moment fast gefährlicher ein mögliches Endlager in Betrieb zu nehmen?! Dann musste ich feststellen, dass natürlich die Herren von z.B. RWE oder EON natürlich ihre Unternehmen präsentieren und viele Vergleiche,Zahlen und Fakten liefern aber keine Antwort auf wirklich wichtige Fragen, wie: Wie wird in Zukunft die Energie wirklich gewonnen? Gibt es bei uns bald Energie aus der Wüste und wenn ja welche Speicherformen wählt man, wie gefährlich ist die? Beitrag melden!

Stephan Landgrebe | 12.08.2011 16:20

Die ungelöste Frage der Beseitigung des Atommülls stellt gegenwärtig die Hauptsorge bei der Nutzung von Atomkraftwerken dar, weniger die Angst vor einem Kernkraft- GAU in Mitteleuropa. Schließlich liegt Deutschland nicht an der Bruchzone von vier Erdplatten. Unverantwortlich ist die darüber hinausgehende Blockade jeglicher Forschung an der Atomkraft, wie z.B. an der Kernfusion. Deshalb hat sich der Forschungsschwerpunkt an der Atomkraft auch längst ins Ausland verlagert. Weiterhin sind die Folgen des meiner Ansicht nach überstürzten Ausstiegs in Deutschland nicht nur finanzieller Natur, sondern werden auch Folgen für den CO2 Ausstoß haben und Energieversorgungsengpässe verursachen. Das stellt die lächerliche Seite der "German Angst" dar, die man einfach auch als Hysterie bezeichnen könnte. Im Übrigen vernahm man selbst aus Japan anlässlich des Gedenkens an Hiroshima viel moderatere Töne einen Ausstieg aus der Atomkraft betreffend, als uns der Großteil der Medien hier weismachen will. Beitrag melden!

Hansa | 12.08.2011 14:24

Richtig!
Angst und Sicherheit sind beides Pole von Saturn, dem astrologischen Hüter der Formen. Wenn man den einen ohne den anderen Pol lebt ist man in fahrlässigen Gefilden.
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T. Holtmann | 12.08.2011 12:23

Guter Bericht. Leider aber auch ein kleiner Kritikpunkt: Wie kann man einen Kugelhaufen-Reaktoren mit "erheblich höherer Sicherheit" in Verbindung bringen? Ich denke mal, dass die Erkenntnisse aus Jülich gezeigt haben, dass auch diese Reaktortechnik und deren Sicherheit mehr als Fragwürdig ist. Beitrag melden!

H.Benkmann | 12.08.2011 10:28

Der Supergau in Fukushima hatte letztendlich auch etwas Gutes! All den Atomlobbyisten, welche tagaus tagein das Berliner Regierungsviertel umschwärmten, brachen angesichts der künftig über Generationen nachhaltig wirkenden Umweltverseuchung Japans sowie des Pazifiks die Argumente für eine "friedlichen Nutzung" der Atomkraft weg. Die von Schwarz/Gelb unter Lobbyistendruck beschlossene Laufzeitverlängerung deutscher Atommeiler wurde mit 90- prozentiger Zustimmung im Bundestag rückgängig gemacht und siehe da, es wurde nicht dunkel in unserer Republik, wie es zuvor von Regierungsseite und der Atomlobby ständig zu vernehmen war. Plötzlich weiß man nicht mehr wie der durch Windenergie produzierte saubere Strom zu den Verbrauchern transportiert werden soll. Eine wichtige Erkenntnis habe ich aus dem plötzlichen Sinneswandel unserer Volksvertreter gewonnen: Der Einfluß von Lobbyisten jeder Coleur auf Entscheidungen im Deutschen Bundestag nutzt weniger den Bürgern als den Interessenverbänden. Beitrag melden!


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