Hauptinhalt
GEO.de Seite 1 von 2


Interview: Wie "grün" ist Ökostrom wirklich?

Kritiker halten Ökostrom-Anbietern vor, ihr Strom sei in Wahrheit "grau", sein Umweltnutzen gering. Ist grüne Energie eine Mogelpackung? Nicht in jedem Fall, meint der Energie-Experte Veit Bürger


Veit Bürger ist wissenschaftlicher Mitarbeiter im Bereich Energie und Klimaschutz im Öko-Institut Freiburg e.V. Das Institut ist Mitinitiator des ok-power-Labels für Ökostrom (Foto von: privat)
© privat
Veit Bürger ist wissenschaftlicher Mitarbeiter im Bereich Energie und Klimaschutz im Öko-Institut Freiburg e.V. Das Institut ist Mitinitiator des ok-power-Labels für Ökostrom

GEO.de: Die Wochenzeitung DIE ZEIT erklärte jüngst "Wer grüne Elektrizität kauft, erhält den gleichen grauen Strom wie alle anderen." Der Umweltnutzen sei "nahe null". Stimmt das?
Veit Bürger:
Das hängt vom jeweiligen Angebot ab. "Guter" Ökostrom hat eine Ausbauwirkung. Das bedeutet, die Nachfrage nach diesem Strom sorgt dafür, dass neue Ökostrom-Anlagen gebaut werden: Wasser- und Windkraft-, Solaranlagen und Biomasse-Kraftwerke - auch über die Wirkung der staatlichen Förderung hinaus. "Schlechte" Produkte dagegen machen nichts anderes, als den schon vorhandenen Ökostrom explizit als ökologisch zu vermarkten, ohne dass dabei eine zusätzliche Kilowattstunde Ökostrom erzeugt wird.

Was ist daran schlecht?
Sie müssen bedenken, dass wir in Europa ohnehin große Mengen Strom aus erneuerbaren Energien haben, insbesondere aus Wasserkraft. Allein damit könnte man den gesamten Jahresstromverbrauch in Deutschland decken. Nur ein Teil dieses Stroms wird bisher explizit als Strom aus erneuerbaren Energien vermarktet. Das bedeutet: Es gibt noch ein großes Potenzial für "schlechte" Produkte, die keine Ausbauwirkung haben, die also nicht gewährleisten, dass neue Anlagen gebaut werden. Denn nur solche neuen Anlagen können langfristig Atommeiler und Kohlekraftwerke verdrängen.


Kommt auch aus der Steckdose: grüner Strom (Foto von: Wolfgang Flamisch/zefa/Corbis)
© Wolfgang Flamisch/zefa/Corbis
Foto vergrößern
Kommt auch aus der Steckdose: grüner Strom

Wie kann ich als Kunde "guten" von "schlechtem" Ökostrom unterscheiden?
Um "guten" Ökostrom kenntlich zu machen, haben wir mit dem WWF und der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen das ok-power-Label ins Leben gerufen. Produkte, die damit zertifiziert sind, müssen zu mindestens einem Drittel aus Anlagen stammen, die nicht älter als sechs Jahre sind.

Nun behaupten Kritiker aber, durch die Nachfrage nach grüner Energie seien kaum neue Anlagen gebaut worden, die nicht sowieso gebaut worden wären.
Es ist in der Tat schwierig, diesen Vorwurf eindeutig zu entkräften. Es wäre unlauter zu behaupten, die Anlage X ist nur deswegen gebaut worden, weil es die Kunden des Produkts Y gibt. Aber es gibt Marktmechanismen, die so einen Zusammenhang klar belegen: Strom aus Neuanlagen wird teurer gehandelt als Strom aus Altanlagen. Das heißt: Wir senden mit unserem Ein-Drittel-Kriterium ein Preissignal aus - das letzten Endes wieder Investitionsanreize für neue Anlagen bietet.
Anders gesagt: Wenn sie ok-power-zertifizierten Strom beziehen, dann werden Sie in sechs Jahren mit Strom aus Anlagen versorgt, die heute noch nicht existieren. Es ist also nicht richtig zu behaupten, dass Ökostrom überhaupt keine Ausbauwirkung habe.


Oft wird mit "Null-Emissions"-Strom geworben. Können Sie pauschal sagen, wie groß die CO2-Einsparungen bei Ökostrom wirklich sind?
Wir sind davon abgekommen, solche Bilanzen aufzustellen. Natürlich kann ich als Kunde sagen, ich habe Null-Emissions-Strom gekauft. Aber das bedeutet nicht, dass sich objektiv etwas daran geändert hat, wie sich in Europa die Stromerzeugung zusammensetzt. Denn dafür haben andere in Europa ein bisschen mehr Emissionen, weil ich ihnen sozusagen ein bisschen Wasserkraft weggenommen habe. Und die Skandinavier haben ebenfalls mehr Atom- und Kohlestrom, wenn wir in Deutschland ihre Wasserkraft nutzen und ihnen im Gegenzug unseren Graustrom liefern.


Auch RECS (Renewable Energy Certificate System) steht in der Kritik, ein System zur Zertifizierung von Strom aus erneuerbaren Energien. Solche Zertifikate werden an Ökostrom-Erzeuger herausgegeben und dann von Stromkonzernen gekauft, die damit entsprechende Mengen von ihrem konventionellen Strommix umetikettieren. Ist das nicht Verbraucher-Täuschung?
Die Debatte um die RECS-Zertifikate geht am eigentlichen Thema vorbei. Die Zertifikate sind nicht mehr und nicht weniger als ein Nachweis, dass eine bestimmte Menge Strom wirklich in einer Erneuerbare-Energien-Anlage erzeugt wurde - egal wie alt diese ist, ob sie gefördert wurde oder nicht. Die entscheidende Frage ist: Wie unterscheiden wir Ökostrom mit Ausbauwirkung von Ökostrom ohne Ausbauwirkung? Den Anspruch, das zu leisten, erhebt das RECS-System gar nicht. Diese Rolle übernehmen unabhängige Ökostromlabel wie das ok-power-Label.



Seite 1 von 2
Mehr zu den Themen: Ökologie, Erneuerbare Energien
Kommentar verfassen

Ja, ich möchte eine Benachrichtigung per Mail erhalten, wenn es neue Kommentare zu diesem Artikel gibt.
* Bitte geben Sie einen Namen, unter dem Ihr Kommentar veröffentlicht wird, und eine gültige Mailadresse ein. Diese wird später nicht auf unseren Seiten zu sehen sein. Um Missbrauch zu vermeiden, senden wir Ihnen jedoch eine Mail mit einem Aktivierungslink - einfach anklicken und schon ist Ihr Beitrag online!

Mit der Abgabe eines Kommentars erkennen Sie die Nutzungsbedingungen an.

Kommentare zu "Interview: Wie "grün" ist Ökostrom wirklich?"

Tobias Conradi | 03.12.2013 05:47

@Melanie - Du hast Atomausstieg-selber-machen empfohlen. ASM ist eine Plattform die Verbraucher täuscht, siehe : http://anna.info/wiki/Graustrom-Greenwashing_durch_Atomausstieg_selber_machen

Dort aktiv war übrigends Melanie Ball, die auch beim Greenwashing mitmachte:
http://anna.info/wiki/Graustrom-Greenwashing_durch_Melanie_Ball

Aber vielleicht, weißt Du dies ja, weil Du selbst Melanie Ball bist. Beitrag melden!

Fred | 28.08.2013 17:40

OK POWER SOLLTE ZU NACHTEILEN STEHEN

Das Ok-Power Siegel vergibt Siegel für Ökostromprodukte von Kohle und Atomkraftwerksbetreiber. Das diese zertifizierte Ökostromprodukte anbieten können ist vielleicht besser als nichts. Da das ok-Power Siegel kein greenwashing Potenzial verhindert (EON: "seht her, wie grün wir sind.." bei wenigen % Ökostrom), wahrscheinlich praktikabler weise auch gar nicht verhindern kann (könnte man wirklich fordern, bei jeder EON-Werbung Zahlenangaben anzugeben?), sollte man von ok Power Seite aus zu diesem Nachteil wenigstens stehen. Beitrag melden!

Melanie | 14.02.2012 14:09

Ich finde schon, dass es einen Unterschied macht, ob man ökologisch "sauberen" Strom bei einem unabhängigen Anbieter kauft oder von einem Unternehmen, das vor allem mit Kohle- und Atomkraft handelt! Die Ausbauwirkung ist für mich daher nur ein Argument. Mir ist auch wichtig, dass mein Stromanbieter sich wirklich für die Energiewende engagiert und nicht nur Geld scheffeln will (natürlich geht es einem Unternehmen in erster Linie ums Geld, aber es kommt ja auch darauf an, was mit meinem Geld passiert!).
Deshalb empfehle ich immer, sich bei den Umwelt- und Verbraucherschutzverbänden zu informieren: www.atomausstieg-selber-machen.de Dort werden vier Anbieter empfohlen, die in jeder Hinsicht "guten" Strom verkaufen. Beitrag melden!


Daten werden gesendet ...


Bitte geben Sie Ihren Namen an!


Bitte geben Sie Ihre E-Mail-Adresse an!
Die angegebene E-Mail-Adresse ist ungültig!


Bitte geben Sie eine Empfänger-Adresse an!
Die angegebene E-Mail-Adresse ist ungültig!




* Pflichtfeld

» E-Mail versenden «
Hinweis: Ihre E-Mail-Adresse und die E-Mail-Adresse des Empfängers werden ausschließlich zu Übertragungszwecken verwendet und nicht gespeichert oder an Dritte weitergeben!