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GEO Magazin Nr. 04/10 Seite 3 von 6

Naturschutz extrem

Naturschutz extrem: Undercover im Busch

Das Büro des Edelholz- Dealers ist düster. Paneele und Parkett, Schnitzereien auf allen Regalen - überall ist so viel Holz, dass man das Gefühl hat, man sitze in einem Baumstamm. Neben dem Schreibtisch hängt ein Kalender, das Bild zeigt eine gotische Kirche irgendwo in Deutschland. "Theodor Nagel" prangt in großen Buchstaben daneben. Darunter ist eine Weltkugel abgebildet und das Wort "Holz" in fünf Sprachen.

Die Geschäftsbeziehung mit den Deutschen, sagt Thunam stolz, bestehe seit mehr als zehn Jahren. Für manche Edelhölzer habe man sogar eine Exklusiv- Vereinbarung getroffen. Die Firma Nagel ist Großhändler im Hamburger Hafen. Im November 2009 bot sie als Sonderangebot "Madagaskar Palisander" an, perfekt, um etwa das Griffbrett von Gitarren herzustellen. Unter ihren Kunden ist auch die amerikanische Gitarrenfirma Gibson - die, falls sie illegales Holz kauft, gegen den Lacey Act verstößt. Ebenso wie Nagels Vertreter in den USA. Nach Recherchen der EIA hat Thunam im März 2009 einen Container Ebenholz nach Hamburg geschickt. Der Holzhändler Nagel verkaufte madagassisches Ebenholz dann an Gibson weiter.

Auf Nachfrage von GEO beteuert die Firma Nagel, alles von ihr importierte Holz sei legal. Exportpapiere und eine Konzession zum Einschlag außerhalb der Nationalparks habe man geprüft. Von dubiosen Machenschaften des langjährigen Partners wisse man nichts. Ob sich andere Einkäufer auch so sehr für die Qualität von Thunams Hölzern interessieren, will von Bismarck alias Bolton wissen. Es gelingt ihm, unverfänglich zu klingen. Er ist geübt darin, wichtige Fragen unter einem Berg von Small Talk zu verstecken. "Der Kunde aus Hamburg", sagt Thunam lächelnd und deutet auf den Kalender, "macht es genau wie Sie: Er war etliche Male hier, um sich alles anzuschauen."


Masoala-Nationalpark,
Nordost-Madagaskar.
Ein illegales Holzfällercamp
tief im Regenwald.
Mehr als 100
Männer schaffen hier
Rosenholz zum Fluss,
um es aus dem Schutzgebiet
zu flößen (Foto von: Toby Smith/EIA/Getty Images)
© Toby Smith/EIA/Getty Images
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Masoala-Nationalpark, Nordost-Madagaskar. Ein illegales Holzfällercamp tief im Regenwald. Mehr als 100 Männer schaffen hier Rosenholz zum Fluss, um es aus dem Schutzgebiet zu flößen

Auf der Spur der edlen Hölzer

Es ist ein weltweites Geschäft mit der Natur, gegen das die kleine EIA seit 1984 ankämpft: Gerade mal neun Leute arbeiten für die Greenpeace-Abspaltung in den USA, ihr Jahresbudget beträgt 900 000 Dollar, es kommt vor allem von Stiftungen wie der Rockefeller Foundation.

"Nachrichten für James Bond, bitte nach dem Signalton." Der Besitzer des Telefons, dessen Nummer wir von einem Kontaktmann Thunams haben, will sich nicht gleich zu erkennen geben. Bismarck bittet um Rückruf - denn der Mann soll sich mit Exportgenehmigungen für heikle Waren auskennen. Wir laufen die Hauptstraße von Antalaha entlang, diesem zu groß geratenen Dorf, das aussieht, als habe jemand die Hütten einfach so über dem öden Land ausgekippt. Unser Hotel, es heißt Palissandre, ist ein Treffpunkt für Holzhändler, in erster Linie Chinesen. Sie blicken von ihrem Mittagessen auf und grüßen den Kollegen Bolton.

Sie wissen nicht, dass der am Abend zuvor in der Hotellobby ein Aufnahmegerät hinter der Wandvertäfelung befestigt hat, um ihre Gespräche aufzunehmen. Wir beobachten, wie sie mit Türmen aus Bauklötzen spielen, die aus Tropenhölzern zusammengesetzt sind, beschriftet mit den Namen der Bäume, damit auch fachfremde Händler erlernen, was Antalaha ihnen für ihr Geld zu bieten hat. Am Nachmittag ruft James Bond zurück. Er will Steve genannt werden. Als Holzhändler wisse er, wie schwer es sei, gewisse Waren außer Landes zu bekommen. Für die Papiere, raunt er, müsse man bezahlen. Natürlich. Auch da spricht Steve aus Erfahrung. Im Hauptberuf ist er Chef der örtlichen Zollbehörde. Alexander von Bismarck sieht auf seine schwere Armbanduhr. Er muss im Büro anrufen, Bescheid sagen, dass er die nächsten Tage im Wald verbringt. Wenn seine Kollegen nichts von ihm hören, sollen sie nicht gleich die US-Botschaft einschalten.

Kaum, dass wir unsere Sachen gepackt haben, melden sich Thunams Leute vor der Tür. Sechs Männer mit Macheten sollen uns begleiten. Wir fahren über eine Straße, die diesen Namen nicht verdient, mehr eine Spur im Sand. Zebuherden auf der einen und der Indische Ozean auf der anderen Seite. Es geht Richtung Süden. Richtung Nationalpark. Der Fahrer hört Chansons, singt mit, feuert an, mitsingen Monsieur, mitsingen, "Oh, Champs-Élysées", während draußen Pick-ups kreuzen, beladen mit Rosenholz. Er überfährt in kurzer Folge ein Huhn und zwei Schlangen; sie platzen mit dem Knall eines prallen Luftballons. Dann kippt die Straße in einen Fluss. Keine Brücke. Wir müssen warten, bis zwei Männer mit langen Stöcken eine Fähre angelandet haben.

Thunams Männer essen Käseecken. Sie werfen die Alufolie achtlos ins Unterholz. Alexander von Bismarck, der so kühl geblieben ist, als er im Büro des Mafiabosses fast enttarnt worden wäre - jetzt wird er unruhig. Müll im Busch. Er kann das einfach nicht ertragen. Er geht am Ufer auf und ab. Ringt mit sich. Minutenlang. Soll er das aufheben? Tagelang den Abfall mit sich herumtragen? Was werden Thunams Leute denken? Schließlich ist Thomas C. Bolton ein rücksichtsloser Holzdealer, der Wald ist ihm egal, solange er Geld damit verdienen kann. Er darf nicht aus der Rolle fallen. "Ach was", sagt er trotzig zu sich selbst. "Ich bin eben ein exzentrischer Typ. Ich achte auf die Landschaft und verkaufe trotzdem Tropenholz." Er geht zu der Gruppe von Männern, redet irgendetwas Unbedeutendes, und nimmt dann, ganz beiläufig, den Müll mit.


Umladestation:
Am Rand des Masoala-
Nationalparks ziehen
Arbeiter angeflößte
Edelholzstämme aus
dem Wasser. Ein
Traktor bringt die
Ware von hier aus in
das acht Stunden
entfernte Städtchen
Antalaha (Foto von: Toby Smith/EIA/Getty Images)
© Toby Smith/EIA/Getty Images
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Umladestation: Am Rand des Masoala- Nationalparks ziehen Arbeiter angeflößte Edelholzstämme aus dem Wasser. Ein Traktor bringt die Ware von hier aus in das acht Stunden entfernte Städtchen Antalaha

Zerstörtes Paradies

Auf der anderen Seite des Flusses betreibt ein Militärposten den "letzten Kühlschrank vor dem Wald", so steht es auf einem Schild. Zwei Soldatendarsteller lehnen in zerlumpten Uniformen an einem Steinhäuschen. Man grüßt sich. Es wäre einfach, an diesem Posten den Holzschmuggel zumindest aus dem Nationalpark zu unterbinden, von Nordosten gibt es keine andere Straße in die Masoala-Berge. Der Kommandant hat sich aber für eine andere Strategie im Umgang mit der Holzmafia entschieden. "Ich arbeite nicht für die Regierung", sagt er. "Ich bin unabhängig." Und betrunken.

Dann lässt er uns durch, hinein in das Gebiet, zu dessen Schutz er abgestellt ist: eine entwaldete Landschaft, durchzogen vom Geruch von Holzfeuern. Hektarweise graue Aschefläche sehen wir, aus der manchmal Baumreste aufragen, an denen Siedler mit Macheten das letzte Holz schlagen, um es unter einem Reistopf zu verfeuern.

So ist das fast überall, wo Tropenwälder ausgebeutet werden: Auf den Pfaden der Holzfäller folgen die Siedler, brennen nieder, was noch steht, um Äcker anzulegen. Die Brandrodung ist weltweit für fast 20 Prozent des CO2-Ausstoßes verantwortlich. Und weil Waldböden zusätzlich etwa fünf Mal so viel CO2 speichern wie die auf ihnen wachsenden Pflanzen, geht mit der Rodung auch die Speicherfunktion des Ökosystems verloren. Wälder sind zudem für den Wasserkreislauf unersetzlich. Durch ihre Vernichtung breiten sich Wüsten an eigentlich feuchten Orten aus, etwa an der Elfenbeinküste. Unter anderem durch diese Zerstörung verlieren jedes Jahr bis zu 50 000 der Arche Noah. Jeden Tag werden hier etwa zehn Hektar zerstört. Wenn sich das nicht ändert, ist der Regenwald des Nationalparks in 60 Jahren verschwunden. Aus dem verkohlten Boden ragen die Schilder auf, auf denen die Parkbehörde verspricht, sich um diesen Wald zu kümmern.



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Kommentare zu "Illegaler Holzhandel: Raubbau am Regenwald"

Rabe Fanja | 01.09.2010 18:17

Vielen herzlichen dank für den Artikel. Ich komme aus Madagaskar (ich lebe in Deutschland) und muss den Herrn Alexander von Bismarck für sein Engagement für die Umwelt loben und dass er sich Mühe gegeben hat um die Wahrheit hinter dieser Gewalt gegen die Natur zu entdecken. Ich war auch sooo entsetzt als ich erfuhr, dass seit d Beginn der politischen Krise in Madagascar, 660 403 ha Regenwälder zerstört wurden ( www.vakanala.org) . Das größte problem in Madagaskar ist dass, die jetzige Übergangsregierung nicht sehr viel unternimmt um das definitiv zu stoppen (das sehe ich so).
Beitrag melden!

Frank Buber | 13.05.2010 18:28

Danke für den informativen Artikel über Tropenholz und Lacey Act. Beitrag melden!

guapito4 | 06.04.2010 09:55

hola,companeros!
ich schaetze eure arbeit seit jahren,wuerde gerne fuer euch arbeiten....
wie funktioniert das...
was muss ich tun.....
wie finanziere ich meinen lebensunterhalt bei save de world...... Beitrag melden!

sokrator | 29.03.2010 17:27

Super Artikel. Ohne haertere Strafen fuer Umweltdelikte dieser Art werden die Beteiligten weiter machen bis es keine Baeume mehr gibt. Beitrag melden!

Bravo | 24.03.2010 19:31

Herzlichen Dank an Alexander von Bismarck und sein Team - was Ihr gemacht habt,
ist extrem mutig, denn diese Mafia schreckt vor nichts zurueck !

10 % waren vor den Rosenholzpluenderungen noch von Madagaskars Primaerwaeldern uebrig, aber inzwischen duerfte sich der Bestand weiter verringert haben. Hinzu kommt die weitverbreitete Praxis derBrandrodung und die Produktion der Holzkohle, weil die Menschen zwar heute zum Mond fliegen, aber in Madagaskar immer noch kochen wie im Mittelalter - in den Staedten in fast 100 % der Haushalte.

Laut DRYNET - einem Netz von Umwelt-NROs - sind schon 2/3 der einst Gruenen und heute Roten Insel von DESERTIFIKATION betroffen - Deforestierung war gestern. Das kannte man bisher nur von den Randzonen der Sahara, z.B. Burkina Faso und Mali.

Die einzige Hoffnung ist die Jugend - es gibt in Madagaskar immer mehr engagierte Umweltclubs in den Schulen, weil die jungen Leute begriffen habe, dass es um ihre Zukunft geht. Beitrag melden!

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