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GEO Magazin Nr. 02/08 Seite 1 von 4


Heilpflanzen: Zurück zur Natur

Verbreitete Skepsis gegenüber dem modernen Gesundheitssystem mit seiner "Chemie" hat zu einer Rückbesinnung auf Naturmedizin und Heilkräuter geführt. Ist das Vertrauen in die pflanzlichen Medikamente gerechtfertigt? Einen Report über Ernte und Erforschung, Wirkungsweise und Wirkungsgrenzen von Ginkgo bis Umckaloabo

Text von Claus Peter Simon

Die Verzweiflung muss groß gewesen sein, Anfang der 1980er Jahre, im norddeutschen Niemandsland. Heinrich Wischmann jedenfalls sah damals keine Perspektive mehr in der traditionellen Landwirtschaft. Aber irgendwann, so genau kann er sich nicht mehr erinnern, las er den für ihn entscheidenden Satz in der Zeitung: "Ginseng wurde früher in Gold aufgewogen." Von nun an setzte Wischmann alles auf eine Pflanze, kaufte sich ein Flugticket und brach nach Südkorea auf. Dort, so hatte er gehört, werde Ginseng gezüchtet. Doch niemand wollte dem Fremden Saatgut verkaufen. Zurück in Deutschland, lernte der Landwirt schließlich einen Chinesen kennen, der für ihn die Ginseng-Saat schmuggelte, von Südkorea nach Hongkong. Und von da führte der Weg direkt auf die Felder um Bockhorn bei Walsrode.


Echinacea: Mallorca bietet gute Bedingungen für die
Aufzucht von Sonnenhüten der Art <em>Echinacea purpurea</em>. Mehrmals im Jahr lässt eine deutsche Firma dort auf Vertragsflächen ernten und presst aus der Pflanze einen Saft. Er wird bei Atemwegsinfekten und zur Stärkung der Immunabwehr
eingesetzt (Foto von: Thomas Ernsting/Bilderberg)
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Echinacea: Mallorca bietet gute Bedingungen für die Aufzucht von Sonnenhüten der Art Echinacea purpurea. Mehrmals im Jahr lässt eine deutsche Firma dort auf Vertragsflächen ernten und presst aus der Pflanze einen Saft. Er wird bei Atemwegsinfekten und zur Stärkung der Immunabwehr eingesetzt

Die "allheilende Menschenwurzel"

Wischmann stellte seinen Heidebauernhof um - von Ackerbau und Viehzucht auf Panax ginseng, zu Deutsch "allheilende Menschenwurzel". Zu einem wundersamen Aufschwung hat das Korea-Kraut dem Anwesen verholfen. Zu zwei Millionen Euro Jahresumsatz. Und die spöttischen Stimmen aus der Nachbarschaft sind längst verstummt. Und dann erzählt Gesine Wischmann von jenen Wundern, die der Pflanze gelängen. Anders als bei einer Schmerztablette bemerke man bei Ginseng nicht sofort eine Wirkung. Aber nach drei Wochen etwa könne man spüren, wie das Gedächtnis besser funktioniere. Der Stoffwechsel werde aktiviert, das Blut besser transportiert, die Niere gestärkt, man sei vor Erkältungskrankheiten geschützt, könne bis in die Nacht konzentriert arbeiten, steigere die Kalorienverbrennung, beuge sogar Krebserkrankungen vor.


Arzneiproduktion in Neumarkt in der Oberpfalz, beim Unternehmen Bionorica. An der Verteilstation gelangen die zuvor aus den Rohstoffen gewonnenen Pflanzenextrakte durch jeweils eigene Zuleitungen in Lagertanks (Foto von: Thomas Ernsting/Bilderberg)
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Arzneiproduktion in Neumarkt in der Oberpfalz, beim Unternehmen Bionorica. An der Verteilstation gelangen die zuvor aus den Rohstoffen gewonnenen Pflanzenextrakte durch jeweils eigene Zuleitungen in Lagertanks

Das Vertrauen in pflanzliche Arzneimittel ist viel zu groß

Die Anhängerschaft der pflanzlichen Mittel ist groß und enthusiastisch. Mehr als 80 Prozent der Deutschen, ergab eine Umfrage aus dem Jahr 2007, ziehen pflanzliche Medikamente chemischen Medikamenten vor. Was die Umfrage aber auch zeigte: Nicht einmal jeder Dritte fühlt sich über Naturmedizin gut informiert. Denn wer es genauer wissen will, stellt schnell fest, dass die Grenzen fließend sind zwischen Scharlatanerie, überbordender Euphorie, Placebo-Effekten und nachweislich wirksamen Präparaten. "Das Vertrauen der Menschen in pflanzliche Arzneimittel ist viel zu groß", sagt Theodor Dingermann, Professor für pharmazeutische Biologie an der Universität Frankfurt am Main und Autor anerkannter Lehrbücher zum Thema. "Dabei sind die Qualitätsunterschiede bei pflanzlichen Medikamenten viel größer als bei chemischen."


Steckbrief: Ginkgo biloba - auf den Extrakt kommt es an

Die uralte Baumart existierte bereits im Perm, vor 270 Millionen Jahren. In den 1960er Jahren führte das Unternehmen Dr. Willmar Schwabe ein Ginkgo-Produkt unter dem Namen Tebonin in Deutschland ein, als Mittel gegen Hirnleistungsstörungen. Es ist heute das meistverkaufte Phytotherapeutikum hierzulande.
Ginkgo ist die inzwischen wohl bestuntersuchte Medizinalpflanze der Welt. Bislang liegen mehr als 300 Studien zur pharmakologischen und therapeutischen Wirksamkeit vor. Viele zeigen positive Effekte. Im günstigsten Fall inaktivieren Ginkgo-Produkte die toxischen Sauerstoffradikale, verbessern die Fließeigenschaften des Blutes - und schützen die Mitochondrien, die Zellkraftwerke.
Allerdings ist Ginkgo nicht gleich Ginkgo. Neben dem Schwabe-Extrakt EGb 761, für den das Unternehmen ein patentiertes Herstellungsverfahren hat, gibt es andere ebenfalls wirksame Präparate, bei denen unerwünschte Pflanzenbestandteile während der Herstellung weitgehend entfernt worden sind.
Wer sich Ginkgo-Produkte im Internet bestellt, kann hingegen böse Überraschungen erleben, wie das Zentrallaboratorium der Deutschen Apotheker herausfand. Die als Nahrungsergänzungsmittel gehandelten Präparate enthielten eine bis zu 1500-fache Konzentration der schädlichen Ginkgosäuren. "Das müsste als gesundheitlich bedenklich verboten werden", sagt Untersuchungsleiter Manfred Schubert-Zsilavecz.

Mehr Informationen: www.geo.de/ginkgo



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Kommentare zu "Heilpflanzen: Zurück zur Natur"

marino | 29.02.2008 12:23

Ihr Beitrag hat mir gut gefallen. Man stellt sich ganz gelassen die Frage, was kann ich mir aus der Küche der Natur alles Gutes aussuchen, um (noch) gesünder zu leben. Hier wurden eindrucksvoll Nahrungsergänzungen vorgestellt. Mir kam der Gedanke, ob Sie nicht mal etwas "ungewöhnlichere" Lebensmittel vorstellen könnten, wie z.B. Tofu. Ich habe auf einer Betriebsbesichtigung in einer nordhessischen Tofurei schwer gestaunt. Und das Thema ist mindestens so tiefgreifend wie die obigen Schilderungen. Ein Thema das Asien und unsere deutsche Kultur verbindet. Beitrag melden!

John Osmani | 05.02.2008 17:39


Danke für diese interessanten Informationen! Was ich allerdings nicht verstehe: ich habe mir das GEO-Heft extra wegen dieses Artikels gekauft und muß nun feststellen das ich mir das hätte sparen können weil der Artikel ja auch hier online zu lesen ist. Ist das bei GEO immer so?? Beitrag melden!

Stefanie Wagner-Suske | 30.01.2008 11:07

Wir freuen uns über die Nennung unserer PASCOE Studie aus 2007. Wir bitten Sie, die Quellenangabe zu ergänzen. Die Studie wurde unter der Leitung von Prof. Dr. med. Josef Beuth, Direktor des Institutes zur wiss. Evaluation naturheilkundlicher Verfahren, Universität Köln durchgeführt.

PASCOE Naturmedizin mit Sitz in Giessen ist eines der führenden Unternehmen im Bereich der Naturmedizin in Deutschland. Die Firma befindet sich seit 90 Jahren im Familienbesitz und stellt rund 220 Präparate (Homöopathika, Phytopharmaka, Vitamine und Nahrungsergänzungsmittel) her. Seit 1961 hat das Unternehmen mehr als 100 klinische Studien und Anwendungsbeobachtungen zur Wirksamkeit und Verträglichkeit seiner Arzneimittel durchgeführt. PASCOE beschäftigt 195 Mitarbeiter und exportiert seine Produkte weltweit. Weitere Informationen finden Sie unter: www.pascoe.de

Mit freundlichen Grüßen

Stefanie Wagner-Suske
Internationales Marketing
Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
PASCOE pharm. Präparate Beitrag melden!

rosi | 23.01.2008 22:32

Nach dem ganzen Reklamerummel um pflanzliche Heilmittel hat es gut getan, wirkliche Informationen zui lesen.



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