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GEO Magazin Nr. 03/16 Seite 1 von 1


Gentechnik: Warum wir die Idee vom Designerbaby endlich aufgeben sollten

Cas9, ein Protein zum Zerschneiden von DNS-Strängen, beflügelt die Fantasien vom Embryo nach Maß. Dabei gibt es gute Gründe, die Finger von der menschlichen Keimbahn zu lassen. Ein Kommentar von GEO-Redakteur Klaus Bachmann

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Wollen wir Designerbabys? GEO-Redakteur Klaus Bachmann hält wenig davon, Embryonen nach Maß zu schaffen (Foto von: moodboard/Corbis)
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Wollen wir Designerbabys? GEO-Redakteur Klaus Bachmann hält wenig davon, Embryonen nach Maß zu schaffen

Genforscher haben ein neues Lieblingswerkzeug: CRISPR-Cas9. Dahinter verbirgt sich ein Molekülverbund, mit dem sich Gene auf einfachste Weise aus dem Erbstrang herausschneiden und verändern lassen. Seit 2012, als zwei Forscherinnen CRISPR-Cas9 entdeckten, hat die Gen- Schere einen atemraubenden Aufstieg erfahren. Wissenschaftler haben mit ihr bereits Pflanzen, Tiere und auch menschliche Stammzellen genetisch manipuliert. Weil sie so leicht funktioniert, beflügelte die Methode auch alte Fantasien, den Erbcode neu zu "schreiben" – und so zum Beispiel Embryonen nach Maß zu schaffen.

Die weitreichenden Möglichkeiten stimmten einige Forscher nachdenklich – was soll, was darf man mit der Technik versuchen? Im Dezember 2015 versammelten sich Hunderte Wissenschaftler aus aller Welt in Washington, um über diese ethische Frage zu diskutieren. Herausgekommen ist ein Statement, das alles offen lässt: Die Forscher empfehlen, derzeit noch die Finger von der menschlichen Keimbahn zu lassen. Wohlgemerkt: derzeit – solange das Werkzeug noch zu unpräzise arbeitet. Dabei gibt es auch jenseits aller Sicherheitsbedenken gute Gründe, die Idee vom Designerbaby endlich aufzugeben:


1. Um die Methode zu verfeinern, würden Genetiker eine Vielzahl menschlicher Embryonen benötigen. Diese müssten eigens für die Forschung erzeugt werden – und würden dann im Müll landen. Leben, geschaffen als Mittel zum Zweck.

2. Wollte man garantieren, dass das Verfahren keine unerwarteten Nebenwirkungen zeigt, müssten Forscher menschliche Embryonen kreieren, sie Frauen einpflanzen und die Kinder heranwachsen lassen. Ein kaum vorstellbares Vorgehen.

3. Viele genetisch bedingte Leiden, aber auch Eigenschaften wie Intelligenz, beruhen nicht auf einem einzigen Gen, sondern auf dem Zusammenwirken mehrerer Erbabschnitte. Zieht man in diesen komplexen Informationsnetzen an einem Strang, gerät oft an einer anderen Stelle etwas unkontrollierbar durcheinander.

In Deutschland, Österreich und in der Schweiz sind Eingriffe in die menschliche Keimbahn ohnehin verboten. In anderen Ländern aber sind die Regeln weniger streng – ehrgeizige Forscher werden sich von vagen Appellen nicht abhalten lassen.

GEO-Redakteur Klaus Bachmann ist studierter Chemiker und verfolgt seit den 1980er Jahren die Entwicklungen in der Molekularbiologie.




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Kommentare zu "Warum wir die Idee vom Designerbaby endlich aufgeben sollten"

Thomas Friedrich | 02.04.2016 23:04

Ad 1: Die verbrauchende Embryonenforschung sehe ich nicht als Problem. Ein empfindungsloser Zellhaufen ist kein sinnvoller Gegenstand moralischer Rücksichtnahme. Erst wenn ein Minimum an Bewusstsein und Empfindungsfähigkeit vorhanden ist, kann man von einer menschlichen Person sprechen. Die Vernichtung von Milliarden empfindungsfähigen Tieren für den profanen Zweck des Fleischkonsums ist ein viel größeres moralisches Problem als der Verbrauch von empfindungslosen menschlichen Zellhaufen.

Ad 2: Natürlich würde man irgendwann die ersten Embryonen heranwachsen lassen. Bis dahin könnte die Methode aber so gut erforscht sein, dass die Risiken weit unter dem Risiko einer heutigen Schwangerschaft liegen würden. Man sollte nicht vergessen: Jede natürliche Fortpflanzung ist ein biologisches Experiment mit offenem Ausgang, und Millionen Menschen, die mit schweren Krankheiten oder Behinderungen geboren werden, bezahlen den Preis dafür. Meine Erfahrung ist, dass dieselben Leute, die die Risiken der Gentechnik übertreiben, gleichzeitig kein Problem mit dem furchtbaren Leid der Menschen haben, die mit einer schweren Erbkrankheit geboren werden.

Was den dritten Punkt angeht: Hier wird ein bestimmtes Bild heraufbeschworen. Das Bild eines fein abgestimmten Systems, bei dem jede Veränderung eine Verschlechterung bedeuten würde. Unser Genom ist aber kein unverbesserliches Meisterwerk. Und es ist auch nicht so empfindlich, dass jede Veränderung das System aus dem Lot bringen würde. Schließlich mutieren unsere Gene andauernd: Jeder Mensch unterscheidet sich durch etwa 60 Mutationen von den Genen seiner Eltern. Wäre genetische Verbesserung so schwer oder unmöglich, wie der Autor andeutet, dann hätten natürliche Genveränderungen niemals zu dem gewaltigen Anstieg menschlicher Intelligenz in den letzten 6 Millionen Jahren führen können.

Langfristig hat der Biokonservatismus ohnehin keine Chance. Denn da wir die natürliche Selektion weitgehend abgeschafft haben, während unsere Gene immer weiter mutieren, wird sich unser Genpool langfristig verschlechtern, solange wir auf die natürliche Fortpflanzung setzen. Früher oder später werden wir gezwungen sein, den Geburten-Fatalismus aufzugeben und unser Genom selbst in die Hand zu nehmen. Vermutlich wird die genetische Verbesserung des Menschen aber schon lange vorher beginnen. Einfach weil das Potenzial zur Verbesserung unserer Lebensqualität so gewaltig ist, und weil der wissenschaftliche Fortschritt schon immer über religiös-moralische Bedenkenträger hinweggegangen ist. Wir benutzen heute Impfungen, Anästhesie, Antibabypille, PND und PID, obwohl all das von konservativen Christen angegriffen wurde, als es neu war. Mit CRISPR wird es genauso sein. Beitrag melden!


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