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GEO Magazin Nr. 11/07 Seite 2 von 4


Kraftwerke mit veralteter Technik

Kraftwerke mit veralteter Technik

Mit der Zahl der Fabriken stieg allerdings auch der Energieverbrauch rasant. Regelmäßig fiel der Strom in der Region um Wuhai aus. Private Investoren wurden ermutigt, die Energielücke zu schließen. Sie errichteten kleine und mittelgroße Kohlekraftwerke mit veralteter, aber billiger Technik, denn Anreize zu schadstoffmindernden Verfahren, etwa Steuerersparnisse oder günstige Kredite, wurden ihnen nicht geboten. Die Folge: eine ärmliche Quote in der Umsetzung der aufgewendeten Energie. Teure Turbinen amortisieren sich erst nach Jahren, im überhitzten Wirtschaftsklima Chinas aber wollen Investoren wie Lokalpolitiker an Orten wie Wuhai möglichst schon nach Monaten Gewinne sehen. Denn in einer Gesellschaft, in der die Menschen immer wieder durch politische Umwälzungen um alles gebracht wurden, was sie besaßen, zählt nicht Nachhaltigkeit, sondern der schnelle Profit. Wegen des ungebremsten Ausbaus seiner Schwerindustrie mit veralteten Anlagen wie jenen in Wuhai verbraucht China mittlerweile dreimal so viel Energie in Relation zur Wirtschaftsleistung wie der Rest der Welt - und fast achtmal so viel wie Deutschland.


Ein kleiner Hochofen entlässt seine Abgase frei in die Luft. Die vorgeschriebene Filteranlage über der Brennkammer hat der Betreiber, wie es viele tun, ausgeschaltet. Um Kosten zu sparen (Foto von: Lu Guang)
© Lu Guang
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Ein kleiner Hochofen entlässt seine Abgase frei in die Luft. Die vorgeschriebene Filteranlage über der Brennkammer hat der Betreiber, wie es viele tun, ausgeschaltet. Um Kosten zu sparen

Die Ascheschicht auf den Tomaten lässt sich nicht mehr abwaschen

Was zunächst die Bauern von Beishan zu spüren bekamen. Der ehemalige Dorfchef Yuan Guangsun kämpft mit den Tränen, als er uns jene Protestnote vorträgt, die er einst an die lokalen Behörden schickte: "Der Weizenertrag unserer Felder geht um ein Drittel zurück; die Ascheschicht auf Tomaten und Kohlköpfen lässt sich nicht mehr abwaschen. Niemand kauft unsere Produkte. Fast jeder von uns hat chronischen Husten." Weil von den lokalen Behörden keine Antwort kam, besetzten die Bauern im Sommer 2005 die Nationalstraße 109. Sie hatten sich Schilder um den Hals gehängt mit der Aufschrift "Wir wollen leben! Stoppt die Verschmutzung!" Polizei nahm sie fest, sperrte sie ein. Erst als es Lu Guang, dem Fotografen dieser Reportage, gelang, die Protestnote mitsamt seinen Fotos bei der nationalen Umweltbehörde SEPA in Beijing einzureichen und die Bilder in zwei einflussreichen Zeitungen zu veröffentlichen, bot die Stadtregierung den Bauern eine Kompensation für Häuser und Felder an.


Die "West PVC Company" in Shizuishang stellt Plastik und Salzsäure her. Die chemischen Abfälle, die dabei entstehen, werden ungeklärt in den Gelben Fluss geleitet  (Foto von: Lu Guang)
© Lu Guang
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Die "West PVC Company" in Shizuishang stellt Plastik und Salzsäure her. Die chemischen Abfälle, die dabei entstehen, werden ungeklärt in den Gelben Fluss geleitet

Todesstatistik könnte soziale Unruhen auslösen

In der Stadt Wuhai, eine knappe Autostunde vom Industriepark entfernt, ist die Luft spürbar besser. Hohe Schornsteine und günstige Winde garantieren hier, dass vor allem andere den Preis für das Wirtschaftswunder der Submetropole zahlen. Als Krebs erregender Feinstaub erreichen die kontaminierten Partikel selbst Beijing - und nach rund einer Woche sogar die USA. Gemäß den Normen der Europäischen Union sind mehr als 40 Mikrogramm Feinstaub pro Kubikmeter Luft schädlich für die Gesundheit. In Beijing liegt die Belastung bei durchschnittlich 140 Mikrogramm. Krankheiten wie Lungenkrebs und Herz-Kreislauf-Beschwerden haben in China deshalb massiv zugenommen. Nach gemeinsamen Berechnungen von Weltbank und dem chinesischen Umwelt- sowie dem chinesischen Gesundheitsministerium sterben jährlich rund 650.000 Chinesen "vorzeitig" an den Folgen der Luftverschmutzung und weitere 60.000 an verunreinigtem Wasser. Diese Zahlen haben die chinesischen Auftraggeber der Erhebungen aufgeschreckt. Nur in die falsche Richtung. Im Juni 2007 setzten sie bei der Weltbank die Streichung der Todesstatistik durch. Als Grund für die Zensur nennen Wissenschaftler, die an den Studien teilgenommen haben, aber anonym bleiben wollen, "dass die Zahlen soziale Unruhen auslösen könnten".


Eine realistische Befürchtung: Denn immer häufiger kommt es im Land zu Protesten. Es sind viele kleine Brandherde, welche die politische Stabilität im Land gefährden. Und die sich zu einem Flächenbrand ausweiten könnten - mit einer ähnlichen Kraft wie der Protest der Studenten gegen Korruption und Vetternwirtschaft auf dem Tiananmen-Platz im Jahre 1989. Heikel für das Regime ist das Aufbegehren gegen die Umweltverschmutzung besonders deshalb, weil Chinas kommunistische Partei ihre Diktatur nicht mehr ideologisch legitimiert, sondern über ein Wirtschaftswachstum, das beruhigen soll. Das chinesische Volk, so analysieren Politikwissenschaftler die Situation, wird so lange auf Mitsprache verzichten, wie seine Regierung das Versprechen einhalten kann, der Wohlstand werde weiter wachsen. Bricht der Aufschwung ab, und sei es durch Umweltschutzauflagen, muss die Partei die Aufstände all jener befürchten, die bislang zu kurz gekommen sind, allen voran der vermutlich 200 Millionen Wanderarbeiter, die zwischen ihren Dörfern und Industriezentren wie Shenzhen, Shanghai oder Wuhai pendeln. Gegen deren pozentielle Verzweiflung setzt die Partei den Wirtschaftsboom und heizt ihn an: mit billiger Energie.



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Kommentare zu "China: Der schwarze Riese"

LarsLonte | 31.07.2014 17:06

Donnerstag, 24. Juli 2014 - 11:51
Am Beginn einer neuen Ära: 43 Jahre Kampf für eine neue, gerechte Weltwirtschaftsordnung
Weltlandbrücke, Infrastruktur, Kreditsystem, Trennbankensystem

Zwei Systeme, die sich gegenseitig ausschließen, ringen zurzeit um das Schicksal der Weltgemeinschaft. Das eine, alte basiert auf Freihandel, Globalisierung, Finanzspekulation, grüner Technologiefeindlichkeit und permanentem Krieg. Das andere, neue stellt eine Welt des Aufbaus, des technischen Fortschritts und der Entwicklung der Völker als gleichberechtigte Nationen in Aussicht.
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http://www.bueso.de/node/7559 Beitrag melden!

WolfThom | 30.07.2014 17:50

Pläne für eine Neue Weltordnung stolpern über geopolitische Realitäten
Imad Fawzi Shueibi

Seit vier Jahrhunderten bemühen sich die politischen Führer, eine internationale Ordnung zu errichten, die die Beziehungen zwischen den Nationen regelt und Kriege verhindert. Während das Prinzip nationalstaatlicher Souveränität positive Ergebnisse gebracht hat, spiegeln die zwischenstaatlichen Organisationen im Wesentlichen das jeweils vorherrschende Mächtegleichgewicht wider. Was die ehrgeizigen amerikanischen Pläne für eine Neue Weltordnung angeht, werden diese durch die neuen geopolitischen Tatsachen zunichte gemacht.

http://info.kopp-verlag.de/hintergruende/geostrategie/imad-fawzi-shueibi/plaene-fuer-eine-neue-weltordnung-stolpern-ueber-geopolitische-realitaeten.html Beitrag melden!

HolgerJahndel | 30.07.2014 16:58

Willkommen auf der China-Intern Informationsseite
„China intern“ ist ein Informationsportal mit Berichten aus China und anderen Teilen der Welt aus verschiedenen Bereichen der Wirtschaft, den Menschenrechten und der Kultur. Die Geschehnisse in China wirken sich immer öfter und direkter auf die übrigen Teile der Welt aus. Um diese Ereignisse verstehen zu können, muss man die Hintergründe der Entwicklungen verstehen können und viele überkommene Ansichten in Frage stellen.
"Lasst China schlafen, denn wenn es erwacht, wird es die Welt erschüttern" (Napoleon I)

http://www.china-intern.de/
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Steffen | 13.11.2007 16:15

Der Bericht ist ziemlich erschreckend. Es ist schon sehr traurig, wozu wir Menschen im Namen des Wachstums fähig sind. Man sollte dabei nicht die globalen Zusammnehänge vergessen, d.h. alle führenden Industrienationen profitieren sehr wohl von dem Wirtschaftsriesen China, und zwar in nicht unerheblichen Maße. Was im Artikel beschrieben wird, sind die Auswirkungen im Land selbst, alles zu Lasten derer, die keine "Stimme" haben. Und man möge bitte beachten, 2006 war die USA der führende Produzent von CO2. Beitrag melden!

Floh | 13.11.2007 12:15

Sehr guter Artikel. Wenn mehr Interesse an der Problematik besteht kann ich nur die Veranstaltng "Eine Welt - Eine Zukunft: Dicke Luft über Asien" empfehlen welche am 21.11.2007 in der Berliner Kalkscheune stattfindet. Dort findet eine Podiumsdiskussion mit führenden Vertretern aus Umwelt, Politik und Medien statt zu genau dem Thema was im Artikel angesprochen wird. Der Autor des Artikels wird ebenfalls an der Diskussion teilnehmen. Genauso wie das Publikum dass herzlich dazu eingeladen ist mitzudiskutieren. Weitere Infos gibts unter: www.einewelteinezukunft.de Beitrag melden!

dotti | 12.11.2007 11:10

Ich bin zurzeit in China und erlebe, was hier beschrieben wird, direkt oder indirekt mit einigen Augen.
Das Problem liegt meiner Meinung nach an grundlegenden - zwar auch kulturell begruendeten, aber auch sehr veralteten - Denkweisen und Einstellungen.

Der Umgang der Menschen miteinander hier und auch deren Bezug zur Natur und deren mangelde langfristige Denkensweise sowie die traurige Tatsache, dass man hier in diesem Land offensichtlich mit "linken" Mitteln schneller und guenstiger zu Erfolg und Wohlstand kommen kann, ist sicher einer der Hauptgruende.
Dieser Artikel zeigt mir eher, dass man dieses Land dennoch viel mehr (aber mit Vor- & Nachsicht) unterstuetzen muss und mit westlichen Erfahrungen bereichern sollte. Leider laesst die Chinesische Regierung dies nur begrenzt zu und beschaeftigt sich vielleicht erschreckend viel mit dem Ansehen des Landes nach aussen hin, als nach innen.

Produkte "Made in China" stehen ebenso fuer Hilferufe, wie: "Ich will doch nur ueberleben!" Beitrag melden!

Saakow Valerij | 06.11.2007 13:28

Vielen Dank für diese Artikelreihe, die uns deutlich zeigt, auf welche Weise chinesische Regierung das Leben des eigenen Volkes "verbessert". Ich lebe in der Ukraine und habe schon als Kind dasselbe in meinem Heimatland gesehen, wenn die Kommunisten im Namen des "Fortschrittes" und "Wohlstandes" unsere Umwelt zerstört haben. Die chinesischen Kommunisten haben zu ähnlichen Methoden gegriffen, um dei Welt mit den erstaulichen Wachstumsraten zu bewundern. Aber nach dem Lesen Ihren Artikel bin ich auch fest entschlossen, chinesische Produkte, die bei uns auch in Hülle und Fülle sind zu meiden. Beitrag melden!

Sandra | 04.11.2007 09:14

Dieser Artikel bestätigt uns , dass was wir schon längst über China kennen oder kennen gelernt haben, es ist der Maßen zu schockieren. So ein Ereigniss gibt es noch nicht mals in den ärmsten Ländern der Welt. Aber das schockierende ist wie sich die chinesiche Regirung über den Namen des Wirtschaftswachstumes und den "Fortschritt" mit Mensch un Natur aber sowohl auch mit Ihrem eigenem Land angeht. Es ist daher besser wenn man auf den Produkt kauf dieses Jahres oder in der Zukunft darauf achtet, MAde in China nicht mehr zu kaufen..
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one world-one love | 02.11.2007 10:13

Dieser Artikel bestätigt, was viele schon lange wissen: nämlich dass der vielgepriesene Wirtschafsaufschwung in China gewaltige soziale und ökologische Schäden verursacht. Eine manipulative und in ihrem ökologischen Bewusstsein sehr ignorante "Wirtschaftselite" will uns glauben machen, in Ländern wie China oder Indien und Brasilien würde billiger produziert, und verschleiert dabei in kriminell zu nennender Weise die ökologischen und sozialen Folgeschäden.
Vorallem Lebensmittel aus China und den anderen Schwellenländern meiden - unbedingt einheimische Produkte bevorzugen und die lokale Land- und Gartenwirtschaft fördern.
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Jörg Labeau | 01.11.2007 18:09

Unglaublich intensiver und schockierender Artikel!
Man fühlt sich direkt in die Epoche der Industrialisierung zurückversetzt!
Dank an das Geoteam! Beitrag melden!

Dirk Donning | 31.10.2007 07:11

Sehr geehrte GEO-Redaktion,
als langjähriger GEO-Abonnent hat mich lange kein Artikel mehr so geschockt und betroffen gemacht, wie dieser Bericht über China. Es ist unfassbar wie die chinesische Regierung im Namen von Wirtschaftswachstum und "Fortschritt" mit Menschen und Natur umgeht. Ihr Bericht erinnert mich an einen in meinen Augen sehr guten Autoaufkleber, der da lautet: "Erst wenn der letzte Baum gefällt, der letzte Fisch gefangen und der letzte Fluß verseucht ist, werdet Ihr feststellen, dass man Geld nicht essen kann!" (sinngemäß).Ich werde in Zukunft noch mehr als sonst darauf achten, keine Produkte mehr mit dem Zusatz "Made in China" zu kaufen. Beitrag melden!


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