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GEO Magazin Nr. 7/07 Seite 1 von 3

Bangladesch: Vom Reichtum im Abfall

Ali Akbar und seine Familie leben im Müll von Dhaka; ihr Geschäft ist das Recycling von Batterien. Ein schreckliches Leben? Aus europäischer Perspektive gewiss. Aber wer Menschen wie die Akbars auf Elendsexistenzen reduziert, übersieht etwas: Sie gehen einem Beruf nach, sie trotzen widrigsten Umständen, sie schicken ihre Kinder zur Schule. Sie verdienen Respekt

Text von Malte Henk

Sie haben der Familie befohlen, den Müllberg zu verlassen, drei Tage ist das jetzt her. Die Kinder hörten es zuerst. Sie ließen gerade Plastikdrachen steigen, draußen auf der Uferstraße, als die Fahrradrikschas auftauchten, mit Lautsprechern an den Lenkern: "Dieses Gelände wird illegal bewohnt. Die Regierung informiert Sie, dass Ihre Behausungen am kommenden Dienstag um 10 Uhr geräumt werden." Popy, Palash und die anderen liefen auf den Berg, zu ihren Müttern, die zwischen den Hütten saßen und Batterien aufklopften. Schnell war die Nachricht herum. Als Ali Akbar, das Oberhaupt der Familie, vom Markt kam, hatten die Frauen schon das Wenige, was man im Slum zum Leben braucht, in Säcke aus Plastik gestopft, Kleider vor allem und Decken.


"Voot", Gespenst rufen die Nachbarkinder manchmal der sechsjährigen Monica nach. Auf ihrem Gesicht, ihren Händen liegt immer Staub - obwohl ihre Mutter sie mehrmals am Tag wäscht (Foto von: Shezad Noorani/Agentur Focus)
© Shezad Noorani/Agentur Focus
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"Voot", Gespenst rufen die Nachbarkinder manchmal der sechsjährigen Monica nach. Auf ihrem Gesicht, ihren Händen liegt immer Staub - obwohl ihre Mutter sie mehrmals am Tag wäscht

Ein Leben auf dem Abfall

Schwerer, süßer Gestank zieht über den Berg. "Die Regierung verkündet, sie will die Stadt säubern", sagt Farida, eine schöne, kräftige Frau mit geöltem Haar, 37 Jahre alt. Warum, fragt sie, soll man in Dhaka nicht leben dürfen von dem, was für andere Menschen Abfall ist? So viel steckt in aufgebrauchten Batterien, Zink und Kohle, Blech und Plastik. Man muss die Stoffe nur herausholen, trennen, verkaufen.


Aber nun räumt die Regierung auf. An der Uferstraße haben die Bulldozer schon ganze Häuserzeilen geschliffen; fast bis zum "Kalighar". So nennen alle im Viertel die Heimat der Batterieleute: Kalighar, das "schwarze Haus". 20, 30 Meter weit wuchert es in den Fluss hinein. Unten die Mülldeponie, darüber der Füllstoff aus den Batterien, der den Berg wachsen lässt. Oben eine Rundburg: neun Hütten aus Bambus und Blech. Ein Leben auf dem Abfall. Aber wie alle Berge ist auch dieser ein Zeichen von Kraft und Stärke. Wer es geschafft hat, sich als Kleinunternehmer auf seine Spitze emporzuarbeiten, ist ein Gewinner unter vielen Glücklosen hier.


Mülltrennung: Firoza klopft Batterien auf, acht Stunden am Tag, sechs Tage die Woche. Und häuft so Schätze an: rote Plastikringe, Blech, Kohle und Zink. All das lässt sich mit Gewinn verkaufen (Foto von: Shezad Noorani/Agentur Focus)
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Mülltrennung: Firoza klopft Batterien auf, acht Stunden am Tag, sechs Tage die Woche. Und häuft so Schätze an: rote Plastikringe, Blech, Kohle und Zink. All das lässt sich mit Gewinn verkaufen

Dhaka, eine der drei Welthauptstädte des Elends

Es gibt wenig Überfluss in Bangladesch, deswegen ist nichts überflüssig. Schon gar nicht am Ufer des Buriganga mitten in Dhaka, einer der drei Welthauptstädte des Elends: Neun, vielleicht zehn Millionen Menschen wohnen hier in Slums, so viele wie sonst nur in Bombay und Mexiko-Stadt. Buriganga, der "Alte Ganges", ist eine erbärmliche Brühe aus Chemiegiften, Fäkalien, Dreck aller Art. Tausende Tonnen Müll scheidet die Stadt täglich aus. Nicht einmal die Hälfte davon transportiert die Verwaltung ab. Der Rest verrottet: am Straßenrand, in Kanälen, auf Wiesen. Morgens schwärmen Frauen und Kinder aus, sammeln ein, was sich gebrauchen lässt. Dann waschen die Müllmenschen ihre Fundstücke. Zerschlagen Glühbirnen, lassen Polyethylen-Tüten zu klumpigen Würfeln schmoren. Und schaufeln die Reste in den Fluss, der ewig stinkt. Ali Akbar, 45, der "Große", würde nie Arbeit in einer der vielen Textilfabriken annehmen. Er ist Geschäftsmann, Spezialgebiet: altertümliche Zink-Kohle-Batterien, wie sie in vielen Ländern nicht mehr produziert werden, aber immer noch in Bangladesch. Am Ende jeder Woche holt der Händler die Einzelteile ab, er zahlt gute Preise dafür.


Genug Geld für zwei warme Mahlzeiten am Tag

Für die Kohlestifte, zu verwenden als Brennmaterial, 20 Taka, umgerechnet 20 Cent, pro Kilo. Ebenso viel für die Blechhülsen, die dann zu Rohren verarbeitet werden. Die wertvollen Zinkmäntel wird Ali Akbar später einschmelzen. 6000 Taka, 60 Euro, kommen so in einem Monat zusammen. Genug, damit Farida zwei Mal am Tag kochen kann: morgens Reis mit Gemüse; mittags Reis mit Dal, der gelbscharfen Linsengrütze, dazu ein Stück Fisch. Abends kocht Farida nicht, dann ist sie zu müde. Geld auf die Seite legen? Unmöglich. Farida und Ali Akbar haben keine Ersparnisse. Und so wird Farida weiterklopfen, bis am Dienstag die Bulldozer kommen. Dann wird man sehen. Am Montagmorgen, vor Sonnenaufgang, geht Ali Akbar auf die Jagd nach Batterien. "Wir sind Geier", sagt er, "wir leben von Kadavern. Wer fressen will, muss früh da sein." Er läuft zum Müllbasar, dem Markt der weggeworfenen Dinge. Um acht Uhr, als die Shops öffnen, kauft er sieben Säcke, prall gefüllt mit Batterien. Sieben Säcke, das bedeutet Essen für eine Woche. Seit 20 Jahren kommt Ali Akbar fast jeden Tag zum Müllbasar; oft vergeblich. Jetzt aber schaut er sich nach Rikschas um, auf denen sich die halbe Tonne Batterien zum "schwarzen Haus" transportieren lässt.


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Kommentare zu "Bangladesch: Vom Reichtum im Abfall"

Martina | 15.05.2013 23:26

wann werden wir wach, ich glaube nie. weil jeder nur an sich denkt. Beitrag melden!

Christof Bieker | 14.04.2012 18:03

Da gibt es nichts zu sagen,sie leben so fürs Überleben! Beitrag melden!

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