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GEO Magazin Nr. 03/12 Seite 1 von 7

Atommüll: Wohin damit?

Seit mehr als 50 Jahren türmt sich Abfall aus Atomkraftwerken zum gefährlichsten Müllberg der Welt. Aber das für alle Zeiten sichere Endlager ist weit und breit nicht in Sicht. Ein GEO-Report zum Stand der Suche, der Aktionen, Visionen und Illusionen

Text von Jörn Auf dem Kampe und Jürgen Bischoff

Am 26. Juni 1954 speiste 110 Kilometer vor Moskau das erste zivile Atomkraftwerk der Welt Strom ins Netz: Der Reaktor bei Obninsk leistete fünf Megawatt, so viel wie heute eine einzige Windkraftanlage. Und er lieferte die ersten Chargen für eine der größten Herausforderungen der Menschheit. In den 31 Ländern, in denen zurzeit Atomstrom produziert wird, stehen Ende 2011 435 Meiler unter Last, 104 davon in den USA. Sie decken 15 Prozent des globalen Strombedarfs - allerdings in unterschiedlicher Verteilung.

Während Frankreich knapp drei Viertel seiner Elektrizität nuklear erzeugt und noch Überschüsse exportiert, liegt der Anteil in Indien bei drei, selbst in den USA nur bei 20 Prozent. Doch so gering der Gesamtbeitrag der Atomenergie auch sein mag, so kolossal sind die Folgen.


In der Schachtanlage Asse bei Wolfenbüttel wurden bis Ende der 1970er-Jahre Fässer und Betonbehälter mit strahlendem Müll abgekippt - 126.000 insgesamt. Die Sicherung der Behälter wird Experten zufolge einige Milliarden Euro verschlingen (Foto von: picture alliance/dpa)
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In der Schachtanlage Asse bei Wolfenbüttel wurden bis Ende der 1970er-Jahre Fässer und Betonbehälter mit strahlendem Müll abgekippt - 126.000 insgesamt. Die Sicherung der Behälter wird Experten zufolge einige Milliarden Euro verschlingen

Ein Problem, drei Kategorien

Für den Abfall gibt es drei grobe Kategorien. Schwach und mittelstark strahlt er in den beiden ersten, auf Stufe III dann: intensiv strahlender Müll. Der entsteht, wenn die Brennstäbe im Meiler "abbrennen" - wenn sich also die Uran-Atomkerne in den Stäben spalten und Neutronen freisetzen, die wiederum die Spaltung anderer Uran-Kerne anregen. Aus dieser Kettenreaktion gehen zahlreiche neue Stoffe hervor, die ihrerseits radioaktiv sind: die zerfallen und Strahlung abgeben, etwa Cäsium, Jod und Strontium. Und treffen Neutronen statt auf das spaltbare Uran-235 auf das ebenfalls vorhandene Uran-238 (es hat drei zusätzliche Neutronen im Kern), entstehen weitere radioaktive Elemente.

Etwa Schwermetalle wie Neptunium oder Americium. In den abgebrannten Stäben steckt auch Plutonium- 239. Seine Strahlung dringt in Luft nur wenige Zentimeter weit, schon ein Stück Stoff schirmt sie ab; doch gelangen nur Millionstel Gramm davon in den Körper, lagert es sich in Lunge, Leber und Skelett ab und löst mit hoher Wahrscheinlichkeit Krebs aus. Nach 24 110 Jahren ist von diesem radioaktiven Metall erst die Hälfte zerfallen.


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Jod-129, auch im Atommüll enthalten, hat eine Halbwertszeit von 16 Millionen Jahren. Bei der Uranspaltung und dem Zerfall von Spaltprodukten und radioaktiven Schwermetallen entsteht nicht nur Strahlung, sondern auch Wärme - und nur diese wird im Kraftwerk zur Stromerzeugung genutzt. Bis auf etwa 1200 Grad Celsius erhitzt sich das Innerste der Brennstäbe im Reaktorbetrieb. Wenn sie ausgedient haben, hievt sie ein ferngesteuerter Kran in ein Abklingbecken. Dort lagern sie im Wasser - für viele Jahre. Fällt diese Kühlung aus, können sie sich auf über 2500 Grad Celsius erhitzen, es droht eine Kernschmelze. Wie jüngst in Fukushima. Und wie dort liegen in zahlreichen Ländern, auch in Deutschland, die Wasserbecken bei manchen Reaktoren außerhalb der hermetisch abgedichteten Schutzhülle. Werden die Außenmauern zerstört und schlägt der Pool leck, schützt keine Barriere mehr die Umwelt.



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Kommentare zu "Atommüll: Wohin damit?"

Peter Türr | 27.01.2013 05:37

Da ich ja nur ein Laie bin, und nicht weiss was hinter dicker Bleiverglasung passiert, hier die
Grundlagen des Verfahrens. Danach können Sie mit dem Messgerät reproduzierbar nachmessen. Die Benutzung des Plasmaverdampfungsprozesses und die zeitliche und Zonenbereichkontrolle beim abkühlen an Hochtemperatur Keramikflächen ist das effektivste zur extremen Reduzierung und Beschleunigung des Zerfallsprozesses. Meine Damen und Herren auch hier werden Sie wieder im Amtsblatt füher oder später von mir lesen.
Weil? Genau viele Handwerker sind auf der Wurstsuppe daher geschwommen. Sie haben in diesem Falle alle nur Glüch, dass ich so eine Arschruhe habe.
Geuss, Peter Türr. Beitrag melden!

Rainer Klute | 26.07.2012 12:44

Feiner Artikel zur Endlagerproblematik! Dennoch ein Kritikpunkt: Es fehlt eine Besprechung der Option, den Atommüll zu vernichten, unschädlich zu machen, als Brennstoff zu nutzen, Die Technologien dafür sind verfügbar und werden derzeit von Großbritannien bewertet. Die Nuklearia, eine Arbeitsgemeinschaft innerhalb der Piratenpartei, will diese Möglichkeit auch in Deutschland in die öffentliche Diskussion bringen. Mehr dazu hier: http://wiki.piratenpartei.de/AG_Nuklearia/Atomm%C3%BCll Beitrag melden!

Ravenbird | 12.06.2012 11:40

Wenn die Menschen das Geld, das sie in Rüstung, Krieg und private Absauger (Konzerne) stecken, in die Raumfahrt investiert hätten, hätte die Sonne mit dem Abfall genug zu futtern. Beitrag melden!


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