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Alternative Agrartechnik: Alternative Agrartechnik: Der Dorfbaukasten
Ein Ex-Physiker will das Landleben revolutionieren - mit Eigenbaugeräten von der Melkmaschine bis zum Windrotor. Die Anleitungen dazu stellt sein Team ins Internet
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Was ist ein Traktor? Für Marcin Jakubowski eigentlich
bloß ein Kasten mit vier Rädern, jedes angetrieben von einem
Hydraulikmotor. Diese Einsicht kam dem 39-Jährigen, als der
Schlepper auf seiner Farm in Missouri defekt war. Nach seiner
Promotion hatte sich der Physiker von der akademischen Welt
abgewandt, weil er sie zu abgehoben fand. Und weil er etwas
mit den Händen machen wollte, kaufte er zwölf Hektar Land,
baute Weizen an und bewirtschaftete eine Obstplantage. Nun
benötigte er für die Ernte einen neuen Traktor. Schnell. Billig.
In ein paar Tagen baute er einen Kasten mit vier Rädern und
Motoren. Und dachte sich: „Wow, so einfach geht das.“
Das war der Anfang.
Könnte man so nicht auch andere Maschinen preiswert im
Eigenbau herstellen? Eine Sägemühle? Einen Zementmischer?
Jakubowski begann, über das große Ganze nachzudenken:
Welche Hilfsmittel wären nötig, um von Grund auf eine nachhaltige
Siedlung aufzubauen, irgendwo in der Welt? 50 Maschinen
entstanden in den folgenden Monaten am Reißbrett.
Simple wie ein Gerät für das Ausbringen von Saatgut, komplexe
wie ein Laserschneidegerät. Dazu Bulldozer, Windturbine,
Melkmaschine, Brunnenbohrer, ein Solarkonzentrator,
der mit Sonnenwärme Dampf erzeugt. Alles zusammen bildet
nun das „Global Village Construction Set“ (GVCS), wie Jakubowski
sein Projekt nennt: Es ist eine Art lebensgroßer Lego-Baukasten,
darin enthalten Technik für eine Siedlung, die modernen
Lebensstandard ermöglicht. Fast überall auf der Welt ließe
sich damit ein neues Dorf aufbauen; mit wenigen Mitteln.
Jakubowskis Idee gewann schnell Anhänger - und er Helfer,
von denen einige zu ihm auf die Farm zogen. Briana Kufa etwa,
20, ausgebildete Schweißerin, unterbrach ihr Ingenieurstudium,
um bei Jakubowski eine Presse zu entwickeln, die Ziegel
aus Erde und Schlamm herstellt. Sie baute mit anderen Freiwilligen
vier Exemplare und stellte eine Anleitung ins Internet.
Pro Presse lassen sich 5000 Ziegel täglich herstellen, das reicht
für ein kleines Haus. Kommerzielle Erdziegelpressen sind etwas
schneller, kosten aber Zehntausende US-Dollar; die Teile
für Kufas Modell bekommt man für 1300 Dollar, das meiste im
Baumarkt. Ein Achtel ihrer industriell gefertigten Pendants
sollen die selbst gebauten Maschinen durchschnittlich kosten.
Die Erfinder haben ihr Projekt inzwischen „Open Source
Ecology“ getauft. „So wie bei Open-Source-Computersoftware
Aufbau und Quellcode der Programme öffentlich zugänglich
sind, möchten wir bei Open Source Ecology die Konstruktionspläne
von Maschinen und Geräten offenlegen“, erklärt Nikolay
Georgiev, ein 27-jähriger Informatiker im Team. Um Aufwand
und Preis niedrig zu halten, werden Konstruktionen so gestaltet,
dass sie oft durch kleine Umbauten mehrere Zwecke erfüllen
können. Maschinen sollen außerdem durch wenige Änderungen
ineinander überführbar sein: Die mit Wasserdampf
aus dem Solarkonzentrator angetriebene Dampfmaschine
etwa treibt einen Generator an, der wiederum Strom bereitstellt
für die passenden Akkus von Auto und Traktor.
Die Vision ist ein Open-Source-Produktionslabor voller Anleitungen,
mit denen jeder weltweit technischen Fortschritt
verwirklichen kann, „kostengünstig, schnell und mit Ressourcen
aus seiner Umgebung“. Auch in Afrika oder der Mongolei.
Mithilfe der Baupläne könnten Siedlungen entstehen - ideal
erscheint Jakubowski eine Größe von etwa 200 Personen -, die
unabhängig vom Stromnetz sind. Das klingt spektakulär, nur:
Wer sollte warum überhaupt komplett neue Dörfer bauen?
An manchen entlegenen Orten würden Pioniere sicher gern
eine ganz neue Siedlung in Harmonie mit der Umwelt gründen,
glaubt Georgiev. Das zu ermöglichen, sei das Fernziel -
angedacht, aber noch nicht bis zum Ende durchdacht. Sehr
konkret aber könne schon heute der Eigenbau einiger zentraler
Geräte wie Stromgenerator, Brunnenbohrgerät und Zementmischer manches bestehende afrikanische Dorf in eine modernere
Zeit katapultieren. Und ein Do-it-yourself-Kleinstmähdrescher
oder -Bagger manchen westlichen Agrarbetrieb vor dem
Aus retten, dem für die Neuanschaffung das Geld fehlt.
„Dass wir diese elementaren Geräte allen zugänglich machen, stärkt
das Selbstbewusstsein“, sagt Georgiev. Die Belohnung: Eigeninitiative, Gemeinschaftsgefühl, Spaß an der Arbeit.
Inzwischen koordiniert das Jakubowski-Team von der
Farm in Missouri aus Hunderte Unterstützer, überwiegend
in den USA, vor allem Farmer und Ingenieure. Sie haben sich
in Online-Gruppen zusammengetan, um an der Entwicklung
von jeweils einer Maschine mitzuarbeiten. Langsam wird
das Projekt auch über Fachkreise hinaus bekannt. 2011 sprach
Jakubowski auf einer TED-Veranstaltung, einer renommierten
Wissenschaftskonferenz, die auch beim Laienpublikum beliebt
ist. Seither schnellt die Zahl der Spender in die Höhe,
ebenso die der Helfer. Für vier von 50 Maschinen stehen die
Baupläne inzwischen im Internet.
Und sie werden nachgebaut: Kürzlich etwa hat ein kanadischer
Software-Entwickler begeistert gemeldet, dass er die
Erdziegelpresse benutzt. Jeder Nachbau der Prototypen bedeutet
zugleich Erprobung und Weiterentwicklung: In Regionen
etwa, wo die eingeplanten Baumaterialien oder Einzelteile nicht ohne Weiteres zu bekommen sind, findet jemand vielleicht
guten Ersatz, notiert das im Idealfall im öffentlichen
Konstruktionslogbuch im Internet - und wird dort wieder von
jemand anderem ergänzt. „Das Open-Source-Prinzip sorgt
dafür, dass die Produkte selbst eine Art Evolution durchlaufen“,
sagt Nikolay Georgiev, der sich komplett ehrenamtlich
engagiert. Andere Mitglieder im Kernteam erhalten dank der
gestiegenen Einnahmen durch Spenden und Förderungen
etwas Geld und können es sich zumindest leisten, tatsächlich
ihre ganze Arbeitszeit dem GVCS zu widmen. „Das bringt
die Idee voran“, sagt Georgiev. Die eigentliche Arbeit, fügt er
hinzu, leisteten aber all die Freiwilligen, die unentgeltlich am
Bauen und Entwerfen der Maschinen tüfteln. Aus Bastellust,
aus dem Bedürfnis, an etwas Großem mitzuarbeiten.
Georgiev selbst wohnt derzeit in Darmstadt und will für das
Projekt in Europa werben, etwa unter Ingenieuren. Ziel bis Ende
2012 ist es, für alle 50 Maschinen Prototypen zu bauen. Das sei
ambitioniert, sagt Georgiev, aber dank der wachsenden Beteiligung
gar nicht so unwahrscheinlich
Nützliche Links
» Die Homepage des Projekts: opensourceecology.org» Deutschsprachige Informationen finden sich auf osede.org.




Kommentare zu "Alternative Agrartechnik: Der Dorfbaukasten"
...schön, aber: Christian Kutz mit seiner Heftreihe "Einfälle statt Abfälle" hätte in dem Beitrag jedoch sicher eine Erwähnung verdient, zumal er weitaus früher mit seinen durchdachten und bewährten Anleitungen present war als das "Netzwerk". Ausserdem: Wer von den Bauern in Afrika und Asien hat eigentlich wirklich eine Chance, von den Angeboten eines "Online-Netzwerkes" profitieren zu können?
Hierzu passt bestens der tolle Meister, der ein kleines Windkraftrad - für jedes Grundstück!! - entwickelt hat: David gegen Goliath in Norddeutschland Von Jürgen Drewes Neubukow ist ein kleines Städtchen im Norden von Mecklenburg, wo es sehr windig ist. Deshalb entsteht dort auch ein riesiges Windrad, 200 Meter hoch. Diesem Goliath steht ein David gegenüber: ein zehn Meter hohes Firmengebäude, in dem kleine Windkraftwerke für den Hausgebrauch entstehen. So viele Menschen, wie in den vergangenen Wochen, haben Rudolf Lange noch nie anerkennend auf die Schulter geklopft. Seit der Chef eines kleinen Metall verarbeitenden Betriebes in seinem Vorgarten sein selbst entwickeltes Windrad aufgestellt hat, reißt der Strom der Schaulustigen aus dem In- und Ausland nicht ab. ... http://www.dradio.de/dlf/sendungen/umwelt/1753356/
Ich finde das gut! Vielleicht mache ich mit, wenn ich erwachsen bin. Ich finde es auch gut, dass man alles weiterentwickeln kann. Bjarne Karsten, 7 Jahre