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Gletscher: Rückzug der Riesen
Immer deutlicher zeigt sich: Dem "ewigen Eis" der Alpen bleiben nur noch wenige Jahrzehnte. Steigende Temperaturen bringen die Eismassive in den Hochgebirgen zum Abtauen - mit schwer wiegenden Folgen
Eine gute Stunde schon gräbt sich Hans Oerlemans mit einer Klappschaufel in den Schnee des Engadiner Morteratschgletschers. Tiefer und tiefer durch lockeren Neuschnee, pappigen Sulz, einen Hauch aufgewehten Saharastaubs, 30 Zentimeter pulverisierten Harsch und schließlich harten Firn. Sein Kopf ragt gerade noch aus dem Loch, als er ruft: "Bin am Eis, ein Meter fünfzig!" Dann nimmt Oerlemans mit einer Schippe im Zehn-Zentimeter-Abstand Proben aus der Schneewand und legt sie auf eine Briefwaage, um den winterlichen "Massengewinn" des Gletschers berechnen zu können.
High-Tech-Station im "ewigen" Eis
Auf der Morteratsch-Wetterstation von Oerlemans' Institut für Meeres- und Atmosphärenforschung der Universität Utrecht steckt mit Ausnahme von Schaufel und Schippe nur vollautomatische High Tech im Schnee: ein Gerätemast, der alle zwei Minuten elf verschiedene Daten über Luft, Wind und Strahlung misst; daneben ein Dreibein, das von seiner Spitze Schallwellen zur Gletscheroberfläche schickt und so erfasst, wie viel oder wie wenig Schnee das Eis bedeckt. Ein Solarschild zur Energiegewinnung, frostresistente Kabel und ein Speicherchip, der sämtliche Daten notfalls ein Jahr lang konserviert.
Oerlemans' Station soll das Siechtum ihres eigenen Untergrunds dokumentieren und gleichwohl Haltung bewahren. Und zur großen Begeisterung der internationalen Glaziologenzunft gelingt ihr genau dies. Mast und Dreibein sinken einfach mit dem Gletscher in die Tiefe. Hier finden die Wissenschaftler, was ihnen bislang fehlte: lückenlose meteorologische Datenreihen, mit denen erforscht werden kann, wie globales Klima und lokales Wetter den Gletscherschwund beeinflussen - und welche Risiken für Mensch und Umwelt in den Bergregionen lauern, wenn deren vereiste Geröllmassen immer schneller tauen und ins Rutschen geraten.
Die Gefahren sind unmittelbar
Vor allem die Alpenbewohner drängen auf neue Erkenntnisse - haben sich doch die hiesigen Gletscher in den vergangenen Jahren vielerorts vom Naturwunder zur Naturgefahr gewandelt. Von den französischen Hochalpen über das Engadin, das Piemont und das Ötztal bis in die Hohentauern wächst in vergletscherten Gebieten die Häufigkeit von Überflutungen, Eis- und Gerölllawinen, überschwappenden Gletscherseen und Steinschlägen aus auftauenden Moränenhügeln. Allein das "Inventar gefährlicher Gletscher in der Schweiz", 2003 erstellt von Forschern der Versuchsanstalt für Wasserbau, Hydrologie und Glaziologie der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich (VAW-ETH) im Rahmen des EU-Projekts "Glaciorisk", warnt vor 82 Gletschern, die bereits Menschen oder ihre Bauwerke gefährdet haben und/oder sie zukünftig gefährden könnten.
Neue Risiken
Fachkollegen vom Institut für Geographie der Universität Zürich, die das internationale Register "Glacier Hazards" (Gletscher-Gefahren) angelegt haben, fürchten sogar, der globale Klimawandel schaffe völlig neue Risiken, die mit den Erfahrungen der Vergangenheit nicht mehr zu bewältigen seien. "Die schmelzenden Gletscher verändern sich und die Landschaft stärker, als jemals zuvor beobachtet wurde", sagt Institutsleiter Wilfried Haeberli. Es werde immer schwerer vorherzusagen, wo Gefahren oder Probleme drohten.
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