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Schluck für Schluck ein Kunstprodukt
Lebenselixier H2O: Mit Raffinesse und High Tech verwandeln Spezialisten in 6600 deutschen Wasserwerken selbst noch dubiose Brühe aus Flüssen oder Grundwasserbrunnen in eine klare, geschmacksneutrale Flüssigkeit, die alle Normen perfekt erfüllt. Doch neuartige und potenziell gesundheitsgefährdende Chemikalien konfrontieren Analytiker und Sanierer mit einer Welle ungelöster Probleme.
Mehr als 6600 Versorgungs-Unternehmen arbeiten in der Trinkwasserbranche. Mit welchem immensen Aufwand, illustriert ein Wasserwerk wie Schierstein, das rund 30 Prozent des Wasserbedarfs von Wiesbaden produziert. Der Rohstoff der Schiersteiner heißt Rhein. Rund 700 Kilometer nach den Quellen ist der Strom eine bräunlich-trübe Brühe mit Vergangenheit: Er trägt Chemikalienreste von Sandoz und Ciba Geigy (Novartis) aus Basel mit sich, Spuren von Schiffsdiesel und die Kläranlagenausflüsse von Städten wie Straßburg, Karlsruhe und Speyer. Er hat das AKW Philippsburg gekühlt und der BASF in Ludwigshafen Kühl- und Brauchwasser geliefert.
Diese Flüssigkeit zu einem Produkt aufzupeppen, das der Richtlinie 80/ 778/EWG "über die Qualität von Wasser für den menschlichen Gebrauch" entspricht, ist das Kunststück der Schiersteiner. Sie pumpen Rohwasser aus dem Fluss, sieben Sand und Treibgut heraus und führen es über eine siebenstufige Treppe. Dabei wird das Wasser mit Sauerstoff gesättigt, um den Abbau von Schadstoffen durch Mikroorganismen zu fördern. Zudem entweichen flüchtige Verbindungen beim Sturz über die Stufen. Nach der Kaskade setzen die Aufbereiter im Sommer dem Wasser Kalziumhydroxid zu, um es zu entsäuern.
Reines Wasser hat einen pH-Wert von 7. Saure Wässer mit geringerem pH-Wert greifen das Material von Rohren und Anlagen an und fördern die Algenbildung. Zu viele Algen in den angeschlossenen Sedimentierbecken verstopfen später die Filter und verbrauchen zu viel Sauerstoff, den eigentlich die Mikroorganismen nutzen sollen.
In den Sedimentierbecken, die etwa die Größe von Löschteichen haben, kommt das Wasser zur Ruhe, Schwebstoffe sinken auf den Grund, Mikroorganismen nehmen ihre Arbeit auf. An den Schiersteiner Becken, in die der örtliche Angelverein Fische aussetzen darf, siedeln Störche und Fischreiher. Sie lassen dieses Produktions-Biotop - auch Trinkwasserschutzgebiet genannt - zwischen der stark befahrenen Bundesstraße, dem Yachthafen, einer Reihe von Handwerksbetrieben und etlichen Fabrikschornsteinen wirken, als habe ein Provokateur es zur Erregung öffentlicher Schuldgefühle dorthin verpflanzt.
Aus den Sedimentierbecken wird das Wasser ins Schiersteiner Aufbereitungswerk gepumpt. Flockungsmittel sorgen dafür, dass Schadstoffe verklumpen. Dabei neutralisieren Eisensalze die elektrostatischen Kräfte des Wassers und sorgen so dafür, dass gelöste oder schwebende Stoffe ausflocken. Die groben Flocken setzen sich ab, die feinen bleiben in Sandfiltern stecken. Anschließend trumpfen die Aufbereiter mit der Wunderwaffe der Trinkwasserproduktion auf: mit Aktivkohle. Störende Geruchs- oder Geschmacksstoffe, Kohlenwasserstoffe und selbst Pestizide werden an ihre Oberfläche gebunden. Bis heute rätseln Experten über Details der chemisch-physikalischen Reaktionen. Für die Wasserwerker zählen die Messergebnisse. Die beweisen: Der Filter aus reinem Kohlenstoff funktioniert exzellent.

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Kommentare zu "Schluck für Schluck ein Kunstprodukt"
es ist leider bezeichnend, dass wir Deutsche mit unserer Wasserqualität den Rang auf der vorletzten Stelle in Europa führen. Pfui Deibel ! Und offensichtlich mekt es keiner. Die Chemie- und Pharmalobby hat hier die Oberhand. Die Wasser-Kontaminationswerte werden immer noch höher angesetzt, damit die Industrie konsequenzenlos weitermachen kann. Je mehr ich den Wassermarkt verfolge um so vorsichtiger lasse ich nur bestimmte Wässer an mich heran. WOLFGANG HEINZEN