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Hurrikan "Katrina": Arme sollen draußen bleiben

Drei Jahre nach dem Hurrikan "Katrina" erfindet sich New Orleans neu. Arme passen nicht mehr ins Stadtbild. Der Sozialforscher Christian Jakob berichtet im GEO.de-Interview von den menschlichen Folgen des Wirbelsturms


Monatelang recherchierten die Bremer Sozialwissenschaftler Christian Jakob und Friedrich Schorb in der Südstaatenmetropole, insbesondere in stark zerstörten Stadtteilen. Hier lebten vor "Katrina" überwiegend Schwarze und Arme, die nach Wunsch der Stadtplaner in Zukunft nicht zurückkommen sollen.

GEO.de: Welches Konzept verfolgt die Stadtverwaltung beim Wiederaufbau von New Orleans?

Christian Jakob: In Bezug auf die "Public Housing"-Anlagen, also 8000 Sozialwohnungen, in denen zu 99,8 Prozent Afroamerikaner lebten, haben wir herausgefunden: Die Neubebauung und Renovierung dieser Anlagen würde nach offiziellen Schätzungen rund 400 Millionen Dollar kosten, ein Abriss hingegen etwa 700 Millionen Dollar. Dennoch lautet das offizielle Konzept für New Orleans: die Siedlungsdichte in diesen Vierteln senken. Es sollen nur noch etwa 30 Prozent der Wohnungen entstehen, die es zuvor dort gegeben hat. Und davon wiederum wird nur ein kleiner Teil Wohnraum für sozial schwache Bevölkerungsschichten sein. Das Ziel ist es, eine heterogene Mieterschaft anzusiedeln. Die Gelder für den Neubau werden zum Teil aus dem Etat der Katastrophenhilfe genommen, die eigentlich für den Wiederaufbau gedacht waren.


Viele Betroffene sind obdachlos geworden  (Foto von: Daniel Nauck)
© Daniel Nauck
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Viele Betroffene sind obdachlos geworden

Wie kam man zu dieser Entscheidung und wen trifft sie?

Nach der Zerstörung bestimmter Gebiete hat die Stadt deutlich gemacht, dass sie nicht in den Wiederaufbau dieser Stadtteile investieren will, weil man erneute Überflutungen befürchtet. Insbesondere betrifft dies Stadtteile, die von der Unterschicht bevölkert waren. Also Menschen, die beispielsweise von staatlichen Förderungen abhängig waren, etwa weil sie ein niedriges Einkommen hatten und daher staatlichen Gesundheitsschutz brauchten oder weil sie nur eine geringe Rente bezogen. Betroffen waren auch Arbeitslose und Behinderte. Diese Menschen sind verstärkt unter den Nicht-Zurückkehrern vertreten. Von ursprünglich etwa 450 000 Einwohnern sind bis jetzt mehr als zwei Drittel wieder in der Stadt ansässig. Von den 120 000 Bewohnern, die noch außerhalb leben, an Orten überall in den USA, stammen 50 Prozent aus sozial schwachen Bevölkerungsschichten.

Sind die Pläne der Stadtregierung in der Öffentlichkeit bekannt?

Die Verdrängung sozial schwacher Bevölkerungsschichten ergibt sich aus einer Analyse der Sozialstrukturdaten, das wird nicht kommuniziert. Aber ganz offen steht man in New Orleans zur Senkung der Siedlungsdichte. Die Stadtplaner begründen ihr Vorhaben damit, dass diese Sozialquartiere vor Katrina Brennpunkte von Kriminalität und Drogenhandel waren, dass viele Menschen von staatlicher Unterstützung lebten. Jetzt hofft man, dass durch die Verteilung auf unterschiedliche Stadtteile, in denen sie nicht mehr unter sich sind, sondern auch Mittelklasse-Familien in der Nähe, dass sich das Weltbild dieser reicheren Bevölkerungsschicht positiv abfärbt. Es mag sein, dass diese Überlegungen richtig sind, das Problem ist jedoch: Rein numerisch ist es überhaupt nicht möglich, alle Menschen aus diesen "Problemvierteln" auf Siedlungen mit Bewohnern aus gemischten Einkommensschichten zu verteilen. In der Praxis führt das dazu, dass nur für einen kleinen Teil der ehemaligen Bewohner eine Wohnung zur Verfügung stehen wird, und der Rest sich selbst überlassen wird.

Was passiert Ihrer Meinung nach mit diesem "Rest"?

Mit großer Wahrscheinlichkeit werden diese Menschen obdachlos. Derzeit haben sie noch Mietgutscheine, mit denen sie ihr Notquartier in den Evakuierungsorten bezahlen. Doch im März 2009 laufen diese Gutscheine aus, und sie müssen ihre Wohnungen verlassen. Danach könnten sie zwar einen Antrag auf Wohnhilfe in New Orleans stellen, allerdings gibt es schon jetzt lange Wartelisten, und die Budgets wurden und werden auch nicht erhöht.


Die Aufräumarbeiten sind auch drei Jahre nach dem Wirbelsturm nicht beendet  (Foto von: Daniel Nauck)
© Daniel Nauck
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Die Aufräumarbeiten sind auch drei Jahre nach dem Wirbelsturm nicht beendet

Es gibt aber keinen offiziellen Zuzugsstopp für New Orleans?

Den Menschen ist es natürlich nicht verboten zurückzukehren, aber viele hatten vorher Jobs im Niedriglohnsektor oder waren arbeitslos. Mittlerweile sind die Mieten um fast 50 Prozent gestiegen. Rein faktisch können sich diese Menschen auf Basis einer eigenständigen Erwerbsarbeit eine Rückkehr gar nicht leisten.

Was hat Sie bei der Recherche am meisten beeindruckt?

Die Zahl der Obdachlosen ist sehr offensichtlich, derzeit sind es rund 12 000 Menschen. Dazu kommt, dass die Quartiere, die zuvor sehr belebt waren, heute verwaist sind, ständig fährt Polizei daran vorbei. Das wirkt alles sehr trostlos. Und wenn man dann die Immobilienspekulanten hört, dass der Sturm nicht nur Negatives hatte, sondern auch viele Möglichkeiten eröffnet hätte, sprich wahnsinnige Gewinnspannen – das finde ich schon sehr zynisch.

Wie wird New Orleans in zehn Jahren aussehen?

Mit Sicherheit wird die Stadt kleiner sein als 2005. Ich vermute, dass die Außenbezirke, die bislang nicht wieder aufgebaut worden sind, irgendwann abgerissen werden. Die Einwohnerzahl wird sich wahrscheinlich auf 300 000 bis 350 000 Menschen einpendeln, das ist in etwa der Stand von heute.

Herr Jakob, wir bedanken uns für das Gespräch.


 (Foto von: Christian Jakob)
© Christian Jakob

Literatur: Christian Jakob u. Friedrich Schorb "Soziale Säuberung. Wie New Orleans nach der Flut seine Unterschicht vertrieb" Unrast Verlag, Münster.


Das Interview führte Bianca Gerlach.




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